Ein fröhliches Auflachen des kleinen, zierlichen Offiziers: »Der freundliche Geheimrat übertreibt. Will man gratia mit Gnade übersetzen, dann freilich stimmt es. Seine Majestät mein Herr und König haben mich vor kurzem gnädiglich dem Schafott eschappieren lassen.«
»Mit Recht!« sagte Herr Anton Cajetan, nachdem er seine Verblüffung überwunden hatte. »Es wäre schade gewesen um einen ebenso klugen wie wahrheitsliebenden Kopf. Allzu unverzeihlich werden wohl die Verfehlungen des Herrn Obersten nicht gewesen sein?«
»Insubordination und andre Sträflichkeiten schwersten Kalibers.«
»Insubordination?« lachte der Fürst. »Unter dem preußischen Drill?«
»Ausnahmen bestätigen die Regel. Ich gelte als der einzige unbrauchbare Soldat der preußischen Armee.«
»Dann werden der Herr Oberst, der jung zu hohem militärischem Grad gelangte, sich wohl durch andere Vorzüge ausgezeichnet haben.« Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte sich Herr Anton Cajetan dem Geheimrat zu. Höflich den Ärger darüber verschleiernd, daß man einem Gesandten für das gefürstete Berchtesgaden als Begleitoffizier einen begnadigten Militärverbrecher beigegeben hatte, versprach er an einem der nächsten Tage eine Kommission zur Vorberatung zu berufen und lud die preußischen Herren für den vierten Tag zu einem Großen Jagen mit anschließender Fürstentafel. Nach würdevoller Verneigung betonte der Geheimrat seine kurzbemessene Zeit. Ohngeachtet mancher Orientierung, die er bereits bei evangelischen Männern eingeholt hätte, bedürfe er dreier Tage, um mit ihnen alles Notwendige über Reiseweg und Ansiedlung zu bereden. Für den vierten Tag stelle er sich der Einladung Seiner Liebden mit Freuden zu Diensten, am fünften Tage müsse er seine Rückreise antreten, und so bäte er, sofort in die geschäftlichen Verhandlungen einzutreten. Verdutzte Augen im ganzen Saal. Herr Anton Cajetan blieb höflich, zog sich mit seinen Würdenträgern zu einer Besprechung zurück, erschien nicht mehr, weil er zum Tee bei Aurore de Neuenstein erwartet wurde, und designierte den Kanzler, den Dekan und den Grafen Saur zur geschäftlichen Verhandlung. Das Kleeblatt setzte sich mit den preußischen Herrn inmitten der gespannten Kapitularen um den goldgeschnörkelten Tisch. Als die Unterhaltung begann, erschien verspätet der Pfarrer Ludwig. Weil es keinem der Kapitularen einfiel, ihn den preußischen Herren vorzustellen, besorgte er das selbst. Der junge Oberst reichte ihm freundlich die Hand, sah aufmerksam zu dem heiteren Warzengesicht hinauf und plauderte munter, während am goldenen Tische ernst verhandelt wurde. Weil Ludwig bei schwächlichem Französisch einen Schnitzer um den anderen herauswimmelte, begannen sich die Domizellaren zu belustigen. Das störte den Pfarrer nicht. Zufrieden mit der neuen Bekanntschaft, die er geschlossen hatte, ging er zu seinem Kapitelstuhl und kreuzte die Arme.
Die Verhandlung gestaltete sich zäh und spann sich in die Länge. Nie beteiligte sich der junge Oberst. Er betrachtete aufmerksam die gotischen Ornamente oder musterte die Gesichter aller Anwesenden. Nach der zweiten Debattenstunde war der erste Verhandlungspunkt – Höhe der Ablösung für die Leibeigenschaft – noch immer nicht erledigt. Herr von Grusdorf wollte unter 20 Gulden pro Kopf nicht heruntergehen und hielt in schlechtem Französisch Reden von der Länge gereizter Sonntagspredigten. Der junge Oberst verriet Zeichen von Ungeduld, tauchte die Kielfeder ein und begann mit hurtiger Hand schief über ein Blatt zu schreiben. Außer Danckelmann, der ein bißchen irritiert erschien, achtete niemand dieses Vorganges. Der junge Oberst schrieb: »Unsere Forderungen: 1) Jeder evangelische Exulant ist als preußischer Untertan zu erachten, dem der Schutz seines Königs gebührt. – 2) Für alle Strafen, die um des evangelischen Bekenntnisses willen verhängt wurden, wird von Stund an volle Amnestie gewährt; neue Verurteilungen werden nicht ausgesprochen. – 3) Der erste Zug der Exulanten verläßt die berchtesgadnische Grenze am fünften Tage post datum; die weiteren Züge folgen nach Verwertung des liegenden Besitzes. – 4) Bei Verkauf des evangelischen Eigentums werden Bedrückungen nicht erfolgen; die Berchtesgadnische Regierung haftet für Eingang der Kaufschillinge bis zu vier Fünfteln des landüblichen Wertes. – 5) Die Leibeigenschaft wird pro Kopf, Mann, Weib, oder Kind, mit 5 Gulden abgelöst; dafür haftet der preußische Staatsschatz. – 6) Geheimrat von Danckelmann und seine Begleiter sind für drei Tage zu freizügigem Besuch des Landes ermächtigt, um mit den Evangelischen alles Notwendige festzusetzen; diese Genehmigung ist rückwirkend für den bisherigen Reiseverlauf.«
Dieses Blatt reichte der junge Oberst dem Geheimrat. Dem wurde unter den weißen Locken die Stirn ein bißchen heiß. Er gab das Blatt nach kurzem Zögern mit einem zustimmenden Augenwink zurück. Der junge Oberst machte eine Abschrift, verwahrte sie zwischen den Knöpfen seines blauen Soldatenrockes und erhob sich. »Bewilligen mir die Herren ein paar Worte?« Der Kanzler sah verdutzt den Geheimrat an: »Ist Herr Oberst von Berg berechtigt –« Danckelmann sagte rasch: »Herr von Berg scheint geheime Aufträge Seiner Majestät empfangen zu haben – als Offizier.« Schweigen im Saal. Lächelnd und liebenswürdig sagte der Oberst: »Die Herren werden rascher zu einem Entschluß gelangen, wenn sie durch unsere Gegenwart sich nicht behindert fühlen. Hier sind unsere schriftlich niedergelegten Vorschläge. Wir ersuchen um ihre unveränderte Annahme bis zur zehnten Abendstunde.« Auch der Geheimrat nahm seinen Dreispitz unter den Arm. Herr von Grusdorf, der mit einem raschen Blick das Blatt überflogen hatte, stammelte entgeistert: »Wenn aber die Regierung begründete Veranlassung zur Abwehr dieser Wünsche hätte?« Danckelmann hob die Schultern und deutete auf seinen Begleitoffizier. Der Kanzler drehte die runden Augen hinüber: »Würde das etwa gar den – den – den Krieg bedeuten?« Da fand der junge Oberst ein heiteres, herzliches Lachen: »Ich bin so begeistert von den Herrlichkeiten Ihres zaubervollen Landes, daß ich jedem preußischen Grenadier den Genuß so erhabener Schönheit vergönnen würde.« Schritt um Schritt zurücktretend, machte er nach allen Seiten hin so zierliche Verneigungen, daß Graf Tige seinen Witz vom maskierten Tanzmeister wiederholte. Eine Wirkung erzielte der depossedierte Verkündigungsengel der allergnädigsten Aurore de Neuenstein mit seinem Scherzwort nicht. Die Gesichter aller Kapitularen blieben lang. Nur einer lachte vergnügt und ließ seine große Warze hüpfen. Graf Saur begleitete die Herren zur Sänfte. Hinter ihnen im Kapitelsaal erhob sich ein Heidenlärm. Auch bei jener Nachtsitzung über das Schicksal des schwarzweißen Doppeltödchens war es nicht lebhafter zugegangen.
Zwischen vier hellbrennenden Wachsfackeln gaukelte die Sänfte durch die stille, abenddunkle Marktgasse. Danckelmann schwieg, weil der Polizeifeldwebel sich immer dicht neben dem Fenster hielt; und der junge Oberst, der die durchwachte Nacht zu spüren begann, nickte bei diesem sanften Geschaukel ein bißchen ein. Im Leuthaus war für die beiden Herren zum Nachtmahl gedeckt; der fürstpröpstliche Lakai wurde höflich verabschiedet, und der steifzopfige, stiefelklappernde Soldat mußte bedienen; er machte die Sache, wie man eine Kanone lädt und abfeuert. Der junge Oberst begann mit Gier zu schlingen, trank den schweren Klosterwein wie Wasser, schwatzte immer sein quirlendes Französisch und fragte endlich den wortkargen Geheimrat: »Hab ich Ihm die diplomatische Laune verdorben?«
»Das nicht, aber – was tun wir, wenn Ihre römische Kurzangebundenheit eine Abfuhr erleidet?«