Schweigend verließ Lewitter die mufflige Pfründenstube der Frau Justitia. Draußen in der Sonne sah er seinen langen Freund mit wehenden Rockflügeln herüberkommen vom Mälzmeisterhaus, ein heiteres Lachen auf dem zwinkernden Warzengesicht. »Mein gescheiter Simmi!« Lustig legte der Pfarrer seinen Arm um die Schultern Lewitters. »Jetzt rat einmal, warum von heut auf morgen ein liebes junges Menschenglück zu Berchtesgaden in Scherben gehen soll?«

Simeon fragte nur mit den Augen. Und der Pfarrer lachte: »Weil vor anno Towak ein Nürnberger Uhrmacher ein geschickter Kampl, aber ein gottslästerlicher Hornochs gewesen ist!« Der weitere Gedankenaustausch der beiden Freunde wurde gestört durch einen feierlichen Staatsakt, der sich vor ihren Augen im großen Stiftshofe vollzog. Die Trommeln der Torwache rasselten, daß man an Krieg und Schlachten hätte denken mögen. Zwischen einem Spalier von präsentierenden Musketieren, denen unter dem Dreispitz bolzensteif der Zopf hervorstach, sah man hinter den Läufern mit ihren baumelnden Straußenfedern eine lindgeschaukelte Sänfte gleiten. Durch ihr blitzblankes Fenster gewahrte man einen würdevollen Herrn in goldstrotzender Gesandtengala und neben ihm einen kleinen, bescheiden uniformierten jungen Offizier mit neugierigem Spitzgesicht.

[Kapitel XXVII]

Im gotischen Saal der Entschlüsse, auf dessen Kronleuchtern bei noch halbem Tag alle Kerzen brannten, war feierlicher Empfang des preußischen Gesandten. Herr Anton Cajetan im Prunkornat saß auf dem berchtesgadnischen Thron, flankiert von den Würdenträgern. Für Danckelmann und seinen Begleitoffizier hatte man Samtstühle und einen goldgeschnörkelten Tisch mit Schreibgerät vor den Thronstufen aufgestellt, die Kapitelherren und Domizellaren standen in doppelter Reihe, und der Kanzler von Grusdorf, pompös peruckiert, verlas mit Würde das Kreditiv:

»Wir Friedrich Wilhelm von Gottes Gnaden König in Preußen, Marggraf zu Brandenburg usw. usw. geben Ew. Lbd. hierdurch zu vernehmen, wasmaßen wir gut befunden, Unsern Geheimen Hof-Rath von Danckelmann dorthin abzuschicken, um unsere daselbst emigrirenden neuen Unterthanen in staatsrechtlichen Schutz zu übernehmen und deren bewegliche oder allda verbleibende Vermögen in Sicherheit zu erheben. Wir ersuchen Ew. Lbd., Sie wollen Uns die Freundschaft erweisen, besagtem Geheimen Hof-Rath von Danckelmann zu baldiger Ausrichtung solcher Ihm aufgetragenen Commission alles dasjenige angedeyen zu lassen, was desfalls dem Westphälischen Friedens-Schluß und anderen Reichs-Constitutionen gemäß ist, gestalt wir uns solches zuversichtlich promittiren, und wollen auch Wir gegen Ew. Lbd. zur Bezeugung angenehmer Gefälligkeiten stets willig verbleiben.

Berlin, den 22. März 1733.

Friedrich Wilhelm.

An den Herrn Abt zu Berchtesgaden.«

Der Kanzler hatte vor dem Wörtchen Abt verlegen gestockt. Dem Fürsten fuhr um dieser unzulänglichen Titulierung willen das Blut ins Gesicht; doch er lächelte nachsichtig und flüsterte Herrn von Grusdorf heiter zu: »Man scheint uns in Berlin für Kapuziner zu halten.« Dann begann er mit Danckelmann eine liebenswürdige Konversation in französischer Sprache, die für den ganzen Verlauf des feierlichen Aktes, wie späterhin für die geschäftlichen Debatten beibehalten wurde. Bei der Vorstellung des jungen Obristen von Berg sagte Danckelmann empfehlend zum Fürsten: »Für unsere Majestät eine persona gratissima.«