»In der anderen Nacht.«
»Aber Hochwürden!« Die justiziarischen Mausaugen blitzten von überlegenem Humor. »Da wart Ihr doch, wie ich mich selbst überzeugte, ein schwerleidender Patient.«
»Ich hab die Krankheit simuliert, um das Kapitel schwänzen zu können.«
»Ausgezeichnet!« Hell auflachend klatschte Doktor Willibald die Hand auf den geduldigen Tisch der Justitia. »Ich will Euch sogar gestehen, daß eine ähnliche Konjektur auch mich zu befallen drohte, bevor sich der Gegenbeweis ergab. Daß man vor dem Scharfblick eines Richters mancherlei Krankheiten zu simulieren versucht, ist mir nicht neu. Es gibt da Simulanten von erstaunlicher Fertigkeit. Aber –« Erst mußte der Landrichter die Tränen fortwischen, die ihm der Witz des Vorganges aus den Molchaugen beizte. »So geschickt hat noch niemals einer von meinen Inkulpaten simuliert, daß ich von seiner fingierten Krankheit infiziert wurde. Ihr seid der erste, der da reüssierte. Eure simulatio hat mir vierzehn Tage beschert, in denen meine Nase permutiert war zu einer qualvollen Hölle. Nun? Was sagt Ihr jetzt?«
Der Pfarrer schwieg. Seine große Warze begann zu hüpfen, und dann brach er in ein Gelächter aus, daß er mit beiden Händen die Mitte seiner Länge umklammern mußte. Eine völlig gegensätzliche Wandlung vollzog sich im Molkentopf des Hringghhischen Verstandes. Ernst geworden, mit schöner Würde, erhob er sich vom Fundament der vier überflüssigen Lettern. »Merkt Ihr jetzt, wie aussichtslos es ist, vor einem erfahrenen Richter einen unrealen Bären produzieren zu wollen? Aber gestattet nun, daß ich den armen Jesunder sofort von seinem Wahn kuriere. Ich dank Euch, liebste Hochwürden! Ihr habt mir in mancher Hinsicht eine große Gefälligkeit erwiesen. Grüßt mir auch den klugen, vortrefflichen Lewitter!«
Als Pfarrer Ludwig hinaustrat in die Sonne, faltete er wie ein frommes Kind die Hände und sprach ohne Worte zum blauen Himmel hinauf: »Du lieber Herrgott! Gibt's denn irgendwo auf der Welt noch einen größeren Schafskopf? Sag mir's! Dann reis' ich hin. So was Unwahrscheinliches muß man mit Händen greifen, bevor man's glauben kann.« Lachend ging er zu seinem Haus hinüber. Doch diese Heiterkeit war ohne Dauer. Seine Augen wurden ernst, fast traurig. »Und so was richtet über Schicksal und Ehr, über Leben und Tod der Menschen.«
Bevor noch eine Stunde verflossen war, trat Doktor Willibald Hringghh mit dem Lächeln eines Siegers in die Stube des Pfarrers. »Gestreng?« fragte Herr Ludwig. »Was noch?« Die Sauermilch der vier Überflüssigen wurde geistreich. »Der gemäschelte Herrenmantel,« Willibald zog das Protokoll aus dem Busen, »soll verdiente Gesellschaft erhalten.« Ging auf den Ofen zu und schob das Dokument der Gerechtigkeit ins Feuerloch. Der Pfarrer schüttelte den Kopf: »Das muß ich mißbilligen. Wenn Jesunder das Prozeßverfahren gegen mich fordert?«
»Er wird es unterlassen.« Lächelnd streckte sich Doktor Halbundhalb zum Ohr des langen Pfarrers hinauf. »Um eine gelinde, politisch notwendig gewordene Verfehlung gegen meine Amtspflicht von mir abzulösen, hab ich beim Chorkaplan gebeichtet. Es war die einzige Methode, die ihn zwingen konnte, das Geheimnis zu bewahren.« Seiner siegreichen Klugheit vollbewußt, sah der weise Richter dem Pfarrer in die Augen. »Als ich mein Confiteor begann, war der arme Jesunder noch ein gequälter Narr, bei der Absolution schon ein sanierter Mensch. Namentlich das Motiv der diffundierenden Taufe hat ihn ungemein beruhigt. Und die Hilfe kam, als die Not am höchsten war. Den Verstörten bedrückte bereits der Wahn, daß er preußische Zwillinge gebären müßte. Eben, da ich kam, wollte er seine verzweifelte Mutter zur Hebamme schicken.«
Pfarrer Ludwig, als er allein blieb, sprach mit einem kleinen Zusatz die Worte des spinozistischen Briefes vor sich hin: »Alles Wissen und Geschehen, auch alle Narretei und Dummheit muß dem Leben dienen, damit der Mensch teilhaftig werde des ihm möglichen Glückes!« Dann fort, zu seinem Freunde Simmi. Und von Lewitters Haus hinüber zum Meister Niklaus. Er traf ihn mit Luisa und Sus bei der Mahlzeit, setzte sich zu ihnen, schien besser gelaunt als je und erzählte die Geschichte vom preußischen Kapitelsieg. »Die wissen, wie man's zu machen hat. Einen feindseligen Hammel muß man aufs Maul schlagen. Kitzelt man ihm freundlich die Ohren, so stoßt er.« Während der Pfarrer schwatzte, huschten seine forschenden Augen immer wieder zu Luisa hinüber. Ihr Gesicht war wie aus Alabaster geschnitten und erzählte stumm von einer herzzerdrückenden Kummernacht. Nie hob sie den Blick, sprach keine Silbe und atmete schwer. »Ja,« sagte der Pfarrer, »gestern im Kapitel hab' ich lachen können. Dafür hab' ich kurz vorher einen netten Schreck mit der guten Mälzmeisterin erlebt. Übrigens, Luisli, weißt du denn schon, daß der Leupi wieder daheim ist?«
Luisa nickte stumm und beugte das Gesicht noch tiefer gegen den Tisch. »Kind?« fragte der Meister halb erstaunt und halb erschrocken. »Und da sagst du mir kein Wörtl davon? Ist was geschehen zwischen Euch? Du bist seit gestern, daß ich dich schier nimmer kenn.« Sie wollte sprechen und brachte keinen Laut aus der Kehle. Die Sus wurde rot bis unter die Haarwurzeln, und Niklaus fragte nicht weiter, weil ihm der Pfarrer unter der Tischplatte einen mahnenden Puff versetzte und dazu verständlich mit den Augen zwinkerte: »Ja, Nick, da hab ich wieder einmal sehen können, wieviel Wunderliches in Menschenköpfen umeinanderhupft. Du weißt doch, was für ein gescheites, wahrhaft frommes Weibl die Mälzmeisterin ist. Und gestern, ich sitz daheim, und da surrt der Mutter Agnes ihr Mädel zu mir herein in die Stub, heult wie unsinnig und bettelt, ich soll doch um Gotteswillen gleich hinüberkommen, die Mutter Agnes hätt den Verstand verloren.«