Niklaus sah ratlos den lächelnden Pfarrer an, die Sus stammelte ein ‚Jesus Maria!‘, und Luisa hob das blasse Gesicht mit erweiterten Augen, aus denen alle Qual einer verstörten Seele redete.
»Da kannst du dir denken, Nicki, wie ich gesprungen bin. Ich komm hinüber, und da sitzt der prächtige Bub auf der Herrgottsbank, hat ein Gesicht wie ein Gestorbener, und hält mit den Armen die Mutter fest, als müßt er Sorg haben, daß sie was Unsinniges anstellen möcht. ‚Was ist denn?‘ frag ich. Und da kriegt die Mälzmeisterin ein bißl Luft, reißt sich von ihrem Buben los, springt zur Mauer hinüber – und du weißt doch, bei den Mälzmeisterischen hängt so eine hirnrissige, lästerliche Gottsaugenuhr in der Stub. Und jetzt rat, was die Mutter Agnes getan hat? Ausgesehen hat's freilich, als wär sie verrückt. Aber flink bin ich draufgekommen, daß sie gescheiter ist als wir alle. Und so springt das zornwütige Weibl auf die Mauer zu, packt die dumme Uhr, reißt sie von der Wand herunter, trampelt mit den Schuhsohlen drauf herum, wie man was Giftiges totmacht, und schreit dazu in Kummer und Tränen: ‚Frömmigkeit, ja, Frömmigkeit! Rechte Frömmigkeit ist das Schönste auf der Welt, aber kindischer Aberglauben ist allweil das Schiechste vor Gottes Blick!‘ Ich sag dir, Nicki –« Pfarrer Ludwig verstummte, sah über den Tisch hinüber und fragte verwundert: »Luisli? Ist dir nit gut?«
Wankend, als wäre sie nah dem Erlöschen, hatte Luisa sich erhoben. Der Meister erschrak, die Sus sprang auf. Und da taumelte Luisa schon zur Tür hinaus, den einen Arm vor die Augen gepreßt, mit der anderen Hand ins Leere tastend. Die Sus sprang ihr nach mit einem erstickten Sorgenschrei. Den Meister, der das Gleiche tun wollte, faßte Pfarrer Ludwig am Arm. »Bleib, Nicki! Die Sus macht das schon. Die weiß, wie man vor einer füreiligen Dummheit den Schlüssel im Türschlößl umdreht.«
»Mensch!« zürnte der Meister. »Was treibst du denn da?«
»Was der Simmi treibt, wenn er für eine Krankheit das richtige Tränkl mischt.« Lächelnd legte der Pfarrer den Arm um den Hals des Freundes. »Sei nit neugierig! Das Kind muß in ihm selber das Rechte finden.«
»Pfarrer?« stammelte Niklaus.
»Verstehst du nit? Hast du im Leben noch nie erfahren, zu was die hungrige Lieb einen treiben kann?«
Ohne zu antworten, grub Meister Niklaus seine Stirn in die Hände.
Der Pfarrer betrachtete ihn mit einem herzlichen Blick und verließ ohne weiteres Wort die Stube.
Auf dem Heimwege begegnete er einem heftig monologisierenden Menschenkind. In der milden Mittagssonne schusselte der weißschnauzige Hiesel Schneck am Pfarrer vorüber und strebte durch die Stiftshöfe gegen den Brunnenplatz. In seinem Gesicht war eine Mischung gegensätzlicher Seelenstimmungen. Man konnte da ebensogut auf fuchsteufelswilde Himmelhundslaune, wie auf freudenreiche Befriedigung raten. Die letztere schien im Hiesel das Übergewicht zu gewinnen, als er beim Marktbrunnen sein Schneckenweibl daherzappeln sah, so festtäglich aufgeputzt wie ihr Schneck. Hätte jedes von den beiden noch einen Rosmarinstrauß an der Brust gehabt, so hätte man sie für ein goldenes Hochzeitspaar halten können. »So,« sagte die Schneckin, »jetzt haben wir's!« Dabei war auch an ihr das gleiche, seltsame Durcheinander von Kummer und Glück zu gewahren. Sie tat einen steinschweren Atemzug und wiederholte lächelnd: »Jetzt haben wir's!«