Trotz des gehäuften Lateins begann im Haynacher das Verständnis zu erwachen. Sein Gesicht entfärbte sich, seine Augen wuchsen, und fester schlossen sich seine Arme um das schlummernde Bübl.

»Man hat für sein Kind eine freundliche Unterkunft eruiert und wird es christlich erziehen,« sagte der Landrichter mit beruhigender Milde, »wobei natürlich dem Kindsvater die Pflegekosten zufallen, die er für zehn Jahre zu deponieren hat, mit 26 Gulden pro anno.«

»Herr?« Das war kein verständlicher Laut, war wie ein gurgelndes Husten. Der Christl tat ein paar schwere Atemzüge, wurde wieder ruhig, schüttelte den Kopf und konnte lächeln. »Guter Herr, da müßt Ihr Euch verschaut haben in der Hausnummer. Ich bin kein Evangelischer nit, dem man sein katholisches Kind wegnehmen därf. Ich bin noch allweil –« Er verstummte, weil er im Gesicht des Feldwebels etwas gesehen hatte, was ihm kalt in die Adern fiel. Langsam erhob er sich, preßte das Kind an seinen Hals, wich ein paar Schritte zurück und ließ die Augen irren wie ein gefangenes Tier, das nach einem Ausweg späht.

Aus reicher Erfahrung verstand sich Muckenfüßl auf das leiseste Anzeichen von Renitenz; er hatte gegen die Musketiere mit zwei Fingern eine Gabel und dann einen bogenförmigen Wink gemacht. Solang diese Ordre nicht ausgeführt war, erschien ihm Milde empfehlenswerter als polizeiliche Strenge. Mit biersanfter Herzlichkeit sagte er zum Haynacher: »Jetzt tu nit obstinat sein, du verdrehter Subjektivus! Und mach keine Spurifaxen nit, wo's die Obrigkeit in loco hujus deinem Kindl aus christlicher Pietätigkeit so gütig vermeint.« Der Landrichter, als wäre seine amtliche Mitwirkung bei diesem gutgläubigen Vorgang beendet, trat gegen die Hecke hin und betrachtete aufmerksam das ungeackerte Gerstenfeld, auf dem die Frühlingsblumen zu blühen begannen, obwohl da keine Menschenhand gesät hatte. Und Muckenfüßl hängte den Krückstock der Polizeigewalt an seine Säbelkuppel, trat mit ermunterndem Lachen auf den Christl Haynacher zu, streckte die gespreizten Finger wie eine freundliche Kindsmagd und sagte wohlwollend: »Schau, Christl, sei ein bißl intelligentisch. Tu gehorsamen und gib halt in Gottesnamen das Würml her!«

Der Haynacher sah aus, als möchte er in seinem ratlosen Gram einen Kniefall machen und um Gnade betteln; aber sein Körper streckte sich hart; dabei klang seine Stimme wie das Klagen eines gequälten Kindes: »Jesus, Jesus, nit um Leben und Sterben, mein Bübl laß ich nit aus.«

»Was einer nit gibt, das muß man nehmen.« Wieder, und diesmal mit obrigkeitlichem Unterton, fügte der Feldwebel bei: »In Gottesnamen!«

Der irrende Blick des Bauern sah vom Straßenzaun zwei Musketiere herankommen. Nun hörte er die klirrenden Sprünge der beiden anderen, die ums Haus herumgelaufen waren und hinter der Mauerkante hervortauchten. Ein Ausweg war da nimmer. Im Gesicht des Christl Haynacher, dem die Verzweiflung das Gehirn zerwirrte, vollzog sich eine grauenvolle Veränderung. Unter heiserem Auflachen riß er das große Bauernmesser von seiner Hüfte und grub es mit raschem Stoß in das Herz seines schlummernden Kindes. Das Bübchen zuckte nur ein bißchen, wie Kinder im Traum zusammenfahren, und ließ das Köpfl auf der Schulter des Vaters liegen, als schliefe es friedlich noch immer weiter. Das Gesicht des Christl war so weiß wie die Mauer seines verlorenen Hauses. Die rechte Hand war rot geworden. Er streckte sie hinauf gegen die Sonne und schrie: »Meines Kindes Blut soll kommen über alle, die uns Menschen plagen im Namen Gottes!« Mit Sprüngen, wie ein von Hunden gehetztes Wild sie macht, unter rasselnden Atemzügen, rannte er gegen die Hecke hin, warf sich durch die Stauden und gewann den Gerstenacker, während hinter ihm das Geschrei der Obrigkeit, der Musketiere und der erschrockenen Nachbarsleute zeterte.

Hinfallend auf die beiden Knie, ließ der Haynacher das entseelte Bübchen von seiner Schulter gleiten und stieß das blutige Messer, das zwischen Griff und Klinge eine stählerne Querspange hatte, in den grünwerdenden Grabhügel der Martle. »So, Weibl!« keuchte er. »Jetzt hast du dein Kreuz!« Ein grelles Lachen zerriß ihm die Stimme. »Ist kein heiliges nit, aber eins, das die Herren nimmer verbieten können.« Er zuckte vom Boden auf. Mit dem Ausdruck eines entrückten Bekenners hob er die roten Hände und schrie zum Himmel: »Sie hat's verdient! Von allen Christenseelen die frömmste! Und ist gestorben, so schön, wie seit dem heiligen Peter und Paul kein römischer Bischof nimmer sterben hat können auf seinem vergoldeten Sessel!« Nach diesem Schrei überkam ihn eine steinerne Ruhe. Das verzerrte Gesicht drehend, gewahrte er bei der grün überhauchten Hecke die obere Hälfte des schwarzen Landrichters mit dem kalkweißen Gesicht und der schneeblanken Perücke. Er sah nicht den Feldwebel, der mit geschwungenem Säbel halblateinisch kommandierte, sah nicht die Musketiere, die sich durch die Hecke warfen, sah nicht die schreienden Leute. Nur den Doktor Willibald Hringghh. Mit zuckenden Händen griff er in die Luft. »Wie, du! Komm her! Oder traust du dich nit?« Ein wildes, jedem menschlichen Klang entrücktes Lachen, gleich dem Gebrüll eines gepeinigten Tieres. »Schau her, du! Meine Händ sind leer. Ich hab kein Messer nimmer. Und mag nit greifen nach einem Prügel. So viel wie ein räudiger Hund verdienst du nit.« Mit greifenden Fäusten stürzte er auf die erschrocken wackelnde Perücke zu. »Für einen, wie du, da reichen zehn römischkatholische Finger aus!« Dem Christl Haynacher fiel der Kopf vornüber, und seine Fäuste sanken. Zwei obrigkeitstreue Bajonette waren ihm in die Brust gefahren. Übersprudelt vom roten Brunnen seines Lebens, fiel er auf den Gerstenacker hin und lag wie ein Entseelter in den jungen Blumen. Nun bewegten stoßende Atemzüge seine Brust. Er tat die Augen auf, die er schon geschlossen hatte, hob sich mit stemmenden Armen vom Boden und sprach in Verzückung: »Es ist ein Gott, und ich glaub. Ihr Sünder, euer Irrtum ist des Erbarmens wert. Mehr sag ich nimmer.« Lächelnd fiel er zurück, und das Leben entrann ihm.

Drüben bei der Hecke des Nachbarlehens fingen die Leute wie verrückt zu schreien an. Die Musketiere standen mit verdutzten Gesichtern, als begriffen sie nicht recht, was da im Handumdrehen geschehen war, und Muckenfüßl fühlte eine Anwandlung von Übligkeit, weil er Blut in solcher Menge nicht sehen konnte. Nur Doktor Willibald Hringghh, obwohl seine Nase so weiß wie seine Perücke war, erkämpfte bis zu amtlich notwendigem Grade seine Fassung, lüftete das Barettchen und sagte kurzatmig: »Hier hat Gott gewaltet und seine ewige Gerechtigkeit.« Mit kummervoller Einsicht fügte er bei: »Zu spät erkenne ich die Wahrheit, daß dieser unglückselige Mensch kein Schwachkopf, sondern ein geborener Verbrecher war.« Getreu seinen Pflichten, erledigte er die peinlich genaue Inaugenscheinnahme des Tatortes, begab sich in das leergewordene Haus, ließ Tisch und Stühle in die ausgeräumte Stube zurücktragen und verfaßte unter häufigem Kopfschütteln ein ausführliches Protokoll. In seinem Amtseifer überhörte er den wachsenden Lärm, der vom Gerstenacker des Christl Haynacher herüberscholl.

Als der Landrichter bei rotwerdender Sonne das abgestorbene Haus verließ, befiel ihn vor dem Anblick des lärmenden Gewühls von zwei, drei hundert Menschen ein sichtliches Unbehagen. Er fühlte sich zwischen dem Muckenfüßlschen Polizeisäbel und den gottsmilitärischen Bajonetten nicht mehr sicher und schlug ein überhastetes Tempo an. Dadurch gestaltete er die Situation noch unerquicklicher. Eine schreiende, schmähende, von Zorn durchfieberte Leutmenge rannte hinter ihm her und begann mit Steinen zu werfen. Es wäre zu bösen Dingen gekommen, wenn nicht eine unerwartete Wendung das Trauerspiel dieser Stunde halb und halb in das Gegenteil verkehrt hätte. Ein großer Rattenpinscher, der, gereizt durch die Blutwitterung, schon immer aufgeregt gebelfert hatte und nun den springenden Landrichter erspähte, mißverstand die Sachlage, verwechselte die Gerechtigkeit mit dem Verbrechertum, schoß wie ein Pfeil hinter dem Fliehenden her, erwischte ihn und riß ihm nicht nur einen langen Flügel aus dem richterlichen Talar, auch noch ein mageres Stück Fleisch aus einer Körpergegend, die sogar ein Liebling der Justitia beim Sitzen nicht zu entbehren vermag.