Zur Linken der vierfach entbehrlichen Gerechtigkeit wandelte der Feldwebel Muckenfüßl mit dem Krückstock der polizeilichen Gewalt. Hinter den beiden marschierten vier Soldaten Gottes mit aufgepflanzten Bajonetten. Dieses Doppelkleeblatt der Weltbeglückung verfügte sich ins Tal der Ache und zum Lehen des Christl Haynacher.
In dem sonst so stillen Gehöfte war es lebhaft. Vieh wurde davongetrieben; bei den Hecken fing man die gackernden Hennen; Heu und Stroh wurde auf einen Leiterwagen geladen, und ein paar lustig schwatzende Burschen schleppten allerlei Hausgerät aus dem Flur und stellten es in die Sonne. Nachbarsleute standen bei der Hecke; sie schwatzten leis miteinander oder guckten zum Haus hinüber, wo der Christl Haynacher auf der Türbank saß, das schlafende Bübl mit leisen Bewegungen auf seinem Schoße wiegend. Sein verzerrtes Gesicht war aschenfarbig, und die tief eingesunkenen Augen brannten aus bläulichen Ringen heraus. Dennoch bot er den Anblick eines ruhigen Menschen und lächelte immer ins Leere, als wären die Dinge, die um ihn her geschahen, für sein Herz und Hirn eine ferne Sache. Manchmal machte er mit der Hand einen raschen Griff nach seiner Hüfte, um zu fühlen, ob die Geldkatze noch da wäre, die er nach der Übergabe umgeschnallt hatte. Einer von den Nachbarn ging auf den Christl zu und sagte: »Mensch! Warum tust denn du exulieren? Du bist doch ein Gutkatholischer!«
»Wohl! Und was für ein guter!« nickte der Haynacher und schaukelte sein Bübchen. »Aber exulieren tu ich.«
»Du Narr! Warum denn?«
Das lächelnde Gesicht des Christl wurde wie eine starre Maske. »Warum?« Er hob die funkelnden Tieraugen. »Schnaufen muß ich wieder können. Luft muß ich haben. Ein Kreuz muß ich aufstecken, ich weiß nit wo. Und erzählen muß ich dürfen, wie gottselig meine Martle gestorben ist.« Ein heiseres Aufkichern. »Mein Vieh und mein Zuig ist alles verkitscht. Morgen, eh die Sonn kommt, bin ich schon über der Grenz. Gott soll euch gutbleiben, ihr Nachbarsleut! Mich sehet ihr nimmer.« Da rief bei der Hecke drüben eine schrille Weiberstimme, wie warnend: »Christl! Die Soldaten Gottes kommen.«
»So so?« sagte Christl. Was gingen ihn die Soldaten Gottes an? »Die kommen, ich weiß nit zu wem. Bloß nit zu mir. Bei mir ist alles protokollarisch. Mein Kopfgeld hab ich schon gestern gezahlt. Zwanzig Gulden, Nachbar!« Er lachte wieder. »Weil ich ein Gutkatholischer bin. Als Luthrischer hätt ich's billiger haben können um fufzehn Gulden. Ja, Nachbar, der richtige Glauben ist einen Batzen wert. Da zahlt einer gern. Gelt, ja?«
Der Nachbar schüttelte den Kopf, ohne zu antworten, guckte scheu zur Straße hinüber und ging auf die Hecke zu. Er hatte ein gutes Gewissen, seine Haustür und seine Kreuzstöcke waren nicht rot angestrichen, aber wenn die Soldaten Gottes kommen, ist's immer besser, man ist weit davon. Auch die Leute, die nach protokollarischem Recht das Haynacherlehen ausräumten, stellten ihre muntere Arbeit ein und drückten sich hinter die Scheune. Würdevoll, die Amtsmiene mit einiger Heiterkeit aufgeschmälzt, betrat der Landrichter unter Muckenfüßls kanzleideutschem Geleit den stillgewordenen Hofraum des Haynacherlehens und gab den vier Gottessoldaten einen Wink, sich vorerst in Reserve zu halten. Schweigend schritten die beiden der Haustür zu. Weil sie die Sonne über dem Nacken hatten, krochen ihre verkürzten Schatten wie kleine schwarze Teufelchen vor ihnen her.
»Grüß Gott, ihr Herren!« sagte Christl ruhig, nur ein bißchen verwundert. »Aufstehen kann ich nit. Mein Bübl schlaft.«
»So wird er es wecken müssen. Um Abschied von ihm zu nehmen.« Die vier Entbehrlichkeiten hatten das reinste Deutsch gesprochen. Dennoch verstand der Christl nicht. Doktor Halbundhalb mußte sich entschließen, etwas deutlicher zu werden: die Regierung hätte nichts dagegen einzuwenden, daß der Haynacher das Land verlasse; einen unverbesserlichen Narren gewaltsam festzuhalten, läge nicht im Interesse der Obrigkeit; keinesfalls aber dürfe sie damit einverstanden sein, daß ihr ein zweifellos katholischer Deszendent entzogen würde, der sich zu einem verwendbaren Subjekte anzuwachsen verspräche. Weil Christl noch immer so wunderlich dreinguckte, fiel Muckenfüßl erläuternd ein: »Kapierst du denn nit, du Rhinoceratissimus? Du selber därfst marschieren, wie's dir quodlibetiert. Dein Kindl bleibt in loco hujus.«