»Gewesen einmal! Was man heute verschluckt und verpulvert, wird man in fünfzig oder sechzig Jahren bezahlen mit bayerischer Münze.« Das war vom Pfarrer sehr ernst gesagt, fast traurig; dennoch lachte der junge Oberst heiter und spöttisch auf: »Tout le monde à la façon du roi de Pologne, sauf le grand économe de Berlin!« Das helle Knabenlachen klang hinüber zu der Stelle, wo Aurore de Neuenstein neben dem frühstückenden Fürsten huldreichen Cercle hielt; Herr von Grusdorf drehte das morose Gesicht über die Schulter, und Danckelmann geriet in Verlegenheit. Schon mehrmals hatte der Geheimrat zarte Versuche gemacht, den jungen Oberst ins Gespräch mit dem allergnädigsten Paar en titre zu ziehen; aber so höflich Herr Anton Cajetan sich gegen Danckelmann gab, so schwerhörig war er für diese diplomatischen Vermittlungsversuche; und als der Geheimrat seine Bemühung erneuerte, fand er Widerstand auf der anderen Seite – der junge Oberst machte eine nur Danckelmann verständliche Handbewegung und wandte sich wieder seinem Gespräch mit dem Pfarrer zu. Die Fabel vom verkleideten Schwegelpfeifer schien zu wirksamer Publizität gediehen zu sein. Es begann auffällig zu werden, wie der Begleitoffizier des preußischen Gesandten von allen Kapitularen geschnitten wurde. So auffällig war es, daß es sogar für den Hiesel Schneck nicht unbemerkbar blieb. »Du!« sagte er zu Leupolt Raurisser, der mit ihm zwischen den Gäulen am Ufer stand. »Dein preißischer Helfer? Verstehst? Der muß nit gar viel Reputation haben.«

»So? Meinst du?« Leupolt fand an diesem Morgen das erste Lächeln.

»Wohl! Um den kümmert sich keine Katz nit.«

Leupolt hob von der Erde einen kleinen Kalksteinsplitter auf, hielt ihn auf der Hand dem Schneck vor die verdrießliche Nase und fragte: »Was ist das?«

»So ein Steinl halt, so ein dreckets, wie's hunderttausend gibt.«

Ein Kopfschütteln. »Das ist nichts anderes, Hiesel, als wie der große Eisberg da droben, von dem's bloß einen einzigen gibt.« Leupolt ließ von der ausgestreckten Hand den Kiesel in den See fallen. Gaukelnd sank die flache Steinscheibe in die blaugrüne Himmelstiefe, schien immer größer zu werden und war umspielt von regenbogenfarbenen Ringen. Der Hiesel guckte mit runden Augen, verstand wieder etwas nicht und brummelte nach einem vorsichtigen Höllementsköter: »Auf'm Stand droben wird's aufkommen, was er für einer ist. Grad neugierig bin ich auf die preißische Pulverei.« Mißtrauisch guckte er zu dem kleinen mageren Soldätl hinüber, das lebhaft mit dem Pfarrer sprach und eben in hurtigem Französisch sagte: »Auf irgend eine Weise muß es doch kommen einmal. Der Hader um Gott und Kirchenmauer kann doch auf deutschem Boden nicht ewig währen, kann doch alles Zusammengehörige nicht immer von neuem entzweireißen! Sie, Hochwürden, als menschlich fühlender Priester? Halten Sie denn das für völlig ausgeschlossen, daß sich zwischen Katholizismus und Lutheranertum in absehbarer Zeit eine friedliche Einigung in allen Glaubensdingen ergibt?«

»Das kann und wird nicht kommen, Herr Oberst! Aber man darf als Deutscher etwas anderes erhoffen: daß man in einer kommenden Stunde der Not sich brüderlich Schulter an Schulter preßt. Und daß der drohende Untergang uns allen, ob römisch oder evangelisch, das deutsche Lebensgesetz hineinschreit in die Herzen: Liebe deinen Gott, achte den Glauben des anderen und bleibe dir bewußt bei jedem Zornschrei und bei jedem Lachen, daß du ein Deutscher bist. Kommt es so, dann ist alles gut. Und das kann ich glauben.«

In dem strengen Gesicht des jungen Offiziers, um dessen schmalen und dennoch edel gezeichneten Mund ein leises Lächeln dämmerte, blitzten die stahlblanken, herrlichen Augen. »Da müßte man die Stunde segnen, die uns Deutschen von aller Not die schwerste über die bockbeinigen Köpfe hagelt.«

Ein klingender Hornruf. An den Waldmauern ein mehrfaches Echo. Geklirr und Bewegung. Heiter, nur mit etwas geschraubten Tönen zwitschernd, trabte die Allergnädigste zwischen Herrn Anton Cajetan und dem Geheimrat auf einen weißbesandeten Waldweg zu. Ihr schwarzgetüpfeltes Unschuldsgesicht war vom genossenen Wein und von der Anstrengung des Rittes gerötet. Manchmal reckte sie sich ärgerlich im Sattel und atmete dazu in einer Art, als wäre der Wunsch in ihr, etwas minder geschnürt zu sein. Hinter den Dreien hielten sich dienstbereit die Domizellaren von Stutzing und Kulmer, die zu weidmännischer Nachhilfe für Aurore de Neuenstein und ihre zierliche Feuerbüchse auf den Fürstenstand befohlen waren. Unter einem köstlichen Spiel von Lichtern und Schatten ging's eine Viertelstunde empor durch den von grauen und weißen Felsklötzen durchwürfelten Frühlingswald. Danckelmann fand gerechten Anlaß, das jagdliche Arrangement mit Begeisterung zu loben. Von Stellnetzen und hohen Tüchern war nichts zu sehen. Die Kammern und Ausläufe des massenhaft zusammengefangenen und eingepferchten Wildes blieben unsichtbar. Alles Künstliche war durch Tausende von eingepflöckten Fichtenbäumchen und durch Moosballen so dick maskiert, daß man sich immer in Gottes freier Natur zu befinden glaubte. Nur selten hörte man irgendwo eine Jägerstimme, und manchmal klangen Pflockschläge vom Hintersee herauf, wo jetzt, nach Abzug der Herrschaften vom Frühstückplatz, die letzten Vorbereitungen für die weidmännische Apotheose des Großen Jagens getroffen wurden: für den Seebogen und die Wasserjagd.

In der Nähe des Fürstenstandes, neben dem ein Hornquartett den Herrengruß ins Grüne schmetterte und hinüberschmolz in die zärtliche Dianenweise, stieg man aus dem Sattel. Aurore de Neuenstein brauchte, um niederzukommen, vier galante Domizellarenhände. Dragoner, die schon gewartet hatten, führten die Pferde davon. Vier Büchsenspanner geleiteten Herrn Anton Cajetan zum Fürstenstand, der aussah wie eine mit grünem Sammet tapezierte Kanzel. Als der Fürstpropst dem Geheimrat schon »Weidmannsheil!« gewünscht hatte, zwitscherte Aurore de Neuenstein französisch über die Schulter: »Meine beste, liebste Exzellenz! Nicht wahr, Sie sagen gelegentlich Ihrem kleinen Pfeifer, daß er ein großer Flegel ist. Adieu!«