Bis zur Fürstenkanzel waren es in sanfter Steigung kaum hundert Schritte; sie schienen der Allergnädigsten en titre wachsende Atembeschwerden zu verursachen.

[Kapitel XXIX]

Die Stände des Großen Jagens waren so weit voneinander entfernt, daß kein Schütze seinen Nachbar gewahren oder durch unvorsichtige Schießerei gefährden konnte. Man schien einsam für sich im Walde zu sitzen. Dem jungen Oberst, als er mit dem Hiesel Schneck seinen grünumflochtenen Stand erklettert hatte, schien das zu gefallen. Es war ihm anzumerken an der Art, wie er, behaglich aufatmend, sich auf die Bank niederließ, die Arme kreuzte, die schlanke Nase vorschob und mit den flinken Blitzaugen fröhlich herumguckte in dem von der Morgensonne durchwobenen Bergwald. Inzwischen lud der Hiesel gewissenhaft die beiden Feuersteinflinten, schüttete Feinkraut ins Pfänndl, legte die Waffen schußfertig über die Auflagstangen und huschelte sich hinter seinen Jagdherrn. »So, jetzt bin ich neugierig, was wir ausrichten miteinander.« Dem jungen Offizier, dem das Bild des stillen Waldes genügte, schien jede Neugier auf den Verlauf des Großen Jagens zu mangeln. Das war wieder gut für den Hiesel Schneck. So lang er nicht gefragt wurde, konnte er schweigen wie der Tod. Nur über die Lage der Stände durfte er Auskunft geben. Rechts, gegen die Berghöhe, lagen die Stände des Herrn von Grusdorf, des Grafen Saur, des preußischen Gesandten und zu oberst der Doppelstand des Herrn Anton Cajetan und der Allergnädigsten; zur Linken, gegen den See hinunter, die Stände der Stiftsherren und Domizellaren, der salzburgischen Offiziere und der Stiftsbeamten, in strenger Rangabstufung. Über alle übrigen Geheimnisse des Großen Jagens mußte Hiesel unverbrüchliches Stillschweigen bewahren; es konnte für einen Gast den Reiz des Jagens nicht erhöhen, wenn er im voraus wußte, was da kommen würde, und daß je drei Füchse für den Fürsten, die Allergnädigste und den preußischen Gesandten, je zwei Füchse für den Grafen Saur und den Kanzler, je ein Fuchs für den Oberst von Berg und jeden Kapitelherrn, drei Füchse für vier Domizellaren und je zwei Füchse für fünf salzburgische Offiziere und für sieben Stiftsbeamte in den mehr oder minder wahrscheinlichen Tod springen mußten. Nach ähnlicher Abstufung waren auch die Wildschweine, das Kahlwild, die Gemsen und »Prunkhirsche« für den Aussprung nach den verschiedenen Ständen eingekammert. Alles war gerichtet aufs Schnürchen. Hätte die gleiche ordnungsgemäße Vorsehung, wie die Fürsten sie bei ihren französisch frisierten Hofjagden zu erzielen wußten, auch im heiligen Römischen Reiche geherrscht, welch ein Segen wäre das für das deutsche Volk gewesen.

Ganz konnte Hiesel Schneck nicht schweigen. Er deutete mit dem Finger und tuschelte: »Da droben, da kommt bald was! Verstehst? Da droben, wo der weiße Steinbrocken liegt.« Das hätte der junge Oberst auch ohne den barmherzigen Fingerwink des Hiesel erraten können. Von dem weißen Steinbrocken zog sich eine Bodenmulde gegen den Stand herunter, auf beiden Seiten abgesperrt durch dichtstehende Fichtenbäumchen. Kam da droben ein Wild, so hatte es einen Auslauf von 200 Schritten bis zum Stand, mußte auf 30 Schritt am Schützen vorbei und konnte, wenn sein Leben bis dahin erhalten blieb, in einem grünen Heckentrichter verschwinden, um der »Seekammer« und einem unanzweifelbaren Schicksal entgegenzuspringen. Vorerst war lautlose Stille im schönen, frühlingsduftenden Bergwald, der wohlig unter dem Glanz der Sonne träumte und keine Ahnung davon hatte, wie übel er mißbraucht wurde. Darüber schien sich auch der junge Oberst keine Gedanken zu machen. Die träumende Waldstille gefiel ihm, und seine Augen glänzten.

Hoch droben wurde mit hallendem Hörnerklang das Jagen angeblasen, und es dauerte nicht lang, so krachten bei der Fürstenkanzel zahlreiche, flink aufeinanderfolgende Schüsse, man hörte das jauchzende Piepsstimmchen der Allergnädigsten und dann die melancholische Fuchstodweise des Hornquartetts. Bumm, bumm, bummbum, knatterte es unter herrlichem Echo von den Ständen des Geheimrats, des Grafen Saur und des Kanzlers herunter, und geheimnisvoll zischelte der Hiesel Schneck: »Hö! Obacht! Es kommt was.«

Lachend drehte der junge Oberst das Gesicht. »Mon cher monsieur Cheneque! Ick habe selber Oogen.«

»Was hast?« fragte Hiesel verdutzt. Sein Jagdherr deutete mit beiden Zeigefingern auf seine fröhlich glänzenden Augen. Jetzt verstand der Hiesel. »Ah so!« Und des weiteren hielt er wütend das Maul, obwohl der verhöllte Preiß, weil er keinen Griff nach der Flinte machte, den heranschnürenden Fuchs nicht zu sehen schien. Der rote Bruder Reineke erledigte seine Promenade in den voraussichtlichen Tod mit ruhiger Gemütlichkeit, spähte und lauschte nach allen Seiten, ließ die gestreckte Rute zittern, kam bis auf 40 Schritte heran, setzte sich erstaunt auf die Hinterbacken und betrachtete den jungen Oberst äußerst aufmerksam. Dieses persönliche Interesse schien ein gegenseitiges zu sein und währte so lang, daß Hiesel Schneck in Besorgnis durch die Zähne knirschte: »Himmelherrgottblutsakerment, so schieß doch einmal!«

»Neeee!« klang die melodische Frohstimme des jungen Nichtschützen. »Det brave Fückschen soll Mäuse fangen, die dem Bauer am Hafer knabbern.« So freundlich diese Stimme sich anhörte, so mißtrauisch machte sie den Fuchs. Er sauste unter dem Geböller, das auf den tieferen Nachbarständen losging, wie der Blitz davon und verschwand in dem grünen Heckentrichter, der ihn einem minder barmherzigen Vorgang entgegenlenkte. Hiesel Schneck schlug fassungslos die braunen Tatzen über dem Haardach zusammen, vergaß seines evangelikanischen Herrgotts und ließ aus empörter Jägerseele den gutkatholischen Seufzer herausfahren: »O du Mar' und Josef und alle vierzehn Helfer in der christlichen Not!« Bedrückt von einem sorgenvollen Zukunftsgedanken, guckte er in das grüne Loch, in dem der Fuchs verschwunden war. Da kam – eines jagdbaren Keilers hatte man den maskierten Schwegelpfeifer nicht gewürdigt – unter Horngeschmetter, hurtigem Flintenknall und rollendem Echo eine schwere Bache mit zwei kleinen Überläufern durch die Mulde heruntergesurrt, vernehmlich grunzend in ihrer ahnungsvollen Angst um die beiden Borstenkinder. Der Hiesel Schneck, weil er mit Recht vermutete, daß sich das gewitzte Wildschwein nicht neugierig vor einen Preißen hinsetzen würde, konnte seinen Jägerseelensturm nicht länger im Zaum halten. »Hö! Du! Verstehst? Dö Sau frißt keine Mäuslen nit! Da wirst dich ein bißl tummeln müssen!« Er packte eine der beiden Flinten, um sie seinem Jagdherrn hinzubieten. Der schob sie mit der Hand zurück: »Uff so 'n jutes Muttchen losknallen? Neeee!« Wortlos schüttelte Hiesel Schneck den Schädel mit dem zitternden Schnauzer, schien sich in bedenklicher Nähe eines Gehirnschlages zu befinden und klagte: »Da fehlt's weit!«

Neues Horngeschmetter, eine gesteigerte Knallerei auf allen Ständen, und durch die Mulde trollten in zerzaustem Winterkleid zwei junge Hirsche herab, die ihre Geweihe schon abgeworfen hatten. Auch sie passierten unbeschossen den Stand des jungen Offiziers. Das begriff der Hiesel, und seine grimmige Laune schien sich zu bessern. Aber gleich darauf ereignete sich etwas Schauderhaftes, etwas für den Hiesel völlig Unfaßbares. Unter einem Fortissimo der Hörner, die eine Steigerung aller Reize des Großen Jagens zu verkünden schienen, sausten mit wundervollen Fluchten zwei Gemsböcke durch die Mulde herunter, mit schön gebogenen Krucken über den weißgelben Backen, noch im schwarzen, wenig geschädigten Winterkleid, bei ihrem dichten Pelzwerke kugelrund erscheinend, die wachelnde Bartsäge über den Rücken hin. Vom aufwärtsziehenden Sonnenwinde gewarnt, wollten sie seitwärts aus der Mulde fahren, prallten gegen die elastische Fichtenhecke, wurden zurückgeschleudert und überschlugen sich, rafften sich wieder auf und hetzten nun mit schnellenden Weitsprüngen gerades Weges gegen den Stand herunter. »Aber jetzt,« lachte der Hiesel Schneck, »gelt ja, jetzt rührt sich der Preiß ein bißl!« Das stimmte. Der junge Oberst war aufgesprungen, konnte sich an dem prachtvollen, ihn heiß erregenden Bilde nicht sattschauen, wirbelte sein fast kindhaftes Entzücken mit einem französischen Wortgeprassel aus sich heraus, und als die beiden Gemsböcke drei Schritte vor ihm mit hohen Fluchten über die grünverkleidete Kanzeltreppe setzten, applaudierte er so leidenschaftlich, wie er's noch niemals in einer französischen Komödie getan hatte, schlug den sprachlosen Hiesel Schneck begeistert auf die Schulter und lachte: »Menschenskind! Det war jeradezu himmlisch!«