Ein hartes Lächeln, hinter dem es kaum merklich wetterleuchtete. »In einem Kampf, bei dem es um Kopf und Kragen ging.«

Graf Tige guckte mit verwunderten Augen. »War denn Preußen zu Ihren Lebzeiten in einen Krieg verwickelt? Allerdings, die preußische Sandbüchse liegt so entfernt von uns, daß man es nicht immer gewahren kann, wenn sich der Sand da unten ein bißchen bewegt.«

Pfarrer Ludwig bekam einen roten Kopf. »Denken Sie nicht übel von uns, Herr Oberst! Auch hierzulande gibt es wohlerzogene Leute.«

Das schien der junge Offizier nicht zu hören. Sein Gesicht war bleich. Nur auf den Backenknochen, die man plötzlich schärfer sah als zuvor, glühten zwei kleine rote Flecken. Seine Augen, die unbeweglich auf den Grafen gerichtet waren, hatten etwas Verschleiertes. Nun verschwand die Blässe, das Blut stieg ihm ins Gesicht, schwellte die Schläfenadern, und unter der schönen Stirne brannte der Feuerblick einer stolzen und furchtlosen Seele. So nickte er dem Pfarrer lächelnd zu und sprach dann mit heiterklingender Stimme über den Tisch hinüber: »Der Sand da unten gedenkt noch Wellen zu schlagen, die man spüren wird in der ganzen Welt. Ich glaube, der König dieser kleinen Sandbüchse wird unter den Großen der Erde noch eine stattliche Figur abgeben. Möglich, daß ich das nicht erlebe. Ich habe nicht den Wunsch, sehr alt zu werden. Aber manchmal wünsche ich, in hundert oder zweihundert Jahren wieder für einen Tag auf die Welt zu kommen, nur um zu sehen, was aus Preußen geworden ist. Ich hoffe: viel!« Nun fand er ein Lächeln, auch für den Grafen Tige. »Setzen Sie gütigst diesen Glauben auf Rechnung meiner verzeihlichen Liebe zu dem Lande, das mich gebar. Im übrigen weiß ich sehr wohl, daß ich mich als Gast an dieser Tafel jeder bescheidenen Höflichkeit gegen den liebenswürdigsten meiner Wirte zu befleißigen habe.«

Das Gespräch wurde durch eine lärmvolle Sensation unterbrochen. Sie war verursacht durch eine zwiefache Neuigkeit der Speisenordnung: auf großen, braunglänzenden Prunkschüsseln aus sächsischem Porzellan wurden nach Krapfenart gebackene Kartoffeln aufgetragen, zwei Dinge, die man zu Berchtesgaden bislange noch nie gesehen hatte. Das gab Veranlassung, daß viele Becher sich erhoben, um Seiner Liebden für diese Überraschung die verdiente Reverenz zu erweisen. Trunk und Zutrunk über die Tafel hin und her. Man lupfte die Kannen, wie die Bürstenbinder schlucken, und völlerte, wie es Mode und Gewohnheit war. Dazu, immer lärmvoller, das französische Lautgewirbel, gut und schlecht, manchmal durchwürfelt mit einigen deutschen Worten, die sich ausnahmen wie feste Steine in glitzerndem Wassergeriesel. Bei diesem Spektakel fanden der junge Oberst und Pfarrer Ludwig sich im Gespräch zusammen. Nach ihren Augen und Gesichtern zu schließen, redeten sie von ernsten Dingen. Immer lauschte Graf Tige hinüber, in der Erwartung, die erlittene Abfuhr wettzumachen und ein Häkchen zu finden, an das eine Bosheit anzuspießen war. Als er das Wort Exulanten hörte, fragte er lachend: »Werden denn auch die Dritthalbtausend, um die Sie uns erleichtern, Platz finden in dem kleinen Berlin?«

»Nicht gut. Aber man wird brüderlich zusammenrücken.« Der junge Oberst wandte sich wieder an den Pfarrer: »Ich bin Ihrer Meinung, liebste Hochwürden! Ein Volk, das fähig ist eines starken und tiefen Glaubens, ist immer ein Volk, das aufwärts steigt. Brave Kerle, die aus ehrlichem Herzen glauben, sind die Streiter, mit denen man siegt. Solche Leute haben wir in Deutschland. Auf Ihrer und auf unserer Seite. Das ist eine Verheißung. Drum ist es Fürstentorheit, an den Religionen wie an einem kranken Gaul herumkurieren zu wollen. Man darf ihnen die Gesundung nicht erschweren, die sie suchen aus Natur und eigenem Antrieb. Dann gibt sich alles von selbst. Daß die Hölle mit ihren gewichtlosen Flammen im Inneren der Erde steckt? Das wird man nicht mehr glauben können, wenn gelehrte Männer wie Newton beweisen lernten, daß die Erde in ihrem Inneren schwerer an Gewicht ist, als an der Oberfläche. Alle Jerichotrompeten überleben sich.«

Graf Tige schmunzelte. »Sie? Als bibelfester Protestant? Sie bezweifeln, daß die Sonne von Jericho stillgestanden? Ich glaube das.«

Ruhig, doch mit leisem Spottzucken, antwortete der junge Oberst. »Da glauben Sie etwas Unbestreitbares, lieber Graf! Kopernikus und Keppler haben doch bewiesen, daß die Sonne immer stillsteht. Da dürfte sie vor Jericho kaum eine Ausnahme gemacht haben.«

Heiteres Gelächter erhob sich rings um die beiden. Und Graf Tige unternahm geärgert einen neuen Ausfall. »Das Gewicht des Erdkernes wäre noch immer kein Beweis gegen die Hölle. Verfluchte, mit Sünden belastete Seelen müssen doch schwerer sein, als die verklärten Geister in der Höhe. Oder schätzen Sie das Gewicht einer verdammten Seele leichter ein?«

»Es gibt solche, die im Tausend noch keinen Gänsekiel aufwiegen.«