»Oh? Was für Seelen können Sie meinen?«

»Die Seelen aller verdammten Fürsten, die auf Erden miserabel regierten und ihre Völker ins Unglück brachten. Gewissenlose Herrscher sind von allen pflichtwidrigen Menschen die verfluchenswertesten. Sie haben nur die eine Entschuldigung, daß sie ihren Beruf nicht von anderen lernen konnten, wie ein Schusterjunge von seinem Meister, sondern ihn erziehen mußten in sich selbst. Der Fürstenpädagog à la mode, dieser Macchiavel, dieser dümmste und schädlichste von allen Schulbonzen der Erde, erzieht den Herrscher, der seines Volkes erster und treuster Diener sein soll, nur zum Hauptschwein seiner eichelfressenden Herde. Auch das Salböl macht die Könige nicht. Sie machen sich selbst zu Fürsten oder bleiben Schelme, bleiben die übelsten Ursächer des Aufruhrs. Tiefer, als alle anderen Fürsten der Welt, müssen das die deutschen Fürsten sich ins Gewissen schreiben. Bei anderen Völkern führt aller Aufruhr, den fürstliche Mißwirtschaft erzeugte, über die Verelendung der Nation wieder zurück zum Despotismus. Bei den Deutschen wäre Aufruhr der Weg zu ewigem Untergang. Ich kann mir jedes romanische Volk als Oligarchie oder Republik denken. Nicht das deutsche. Für uns Deutsche ist echte Monarchie und gewissenhaftes Königtum so unentbehrlich, wie der Atem für die menschliche Lunge. Wehe jedem deutschen Fürsten und Bürger, der diese Wahrheit nicht voll erkennt und nur der geringsten seiner Pflichten sich entschlägt.«

Inmitten des heiteren Tafeltrubels blieb nach diesen Worten um den jungen Oberst her ein schweigsames Inselchen. Ein salzburgischer Hauptmann flüsterte seinem Nachbar zu: »Dieser junge Mensch ist vorlaut und unerquicklich, aber – er fesselt mich wider Willen.« Und der andere sagte: »Ein wunderlicher Patron! Der Kleinste an der Tafel, nur ein Suppenlöffel voll Mannsbild. Aber seine Augen funkeln, als möchte er einem Riesen die Nase aus dem Gesicht reißen.«

Bevor Graf Tige sich von seiner Verblüffung erholen und einen neuen Lanzenstoß seines Geistes versuchen konnte, umklammerte Pfarrer Ludwig die Hand des jungen Offiziers: »Herr Oberst, ich möchte wünschen, Sie wären ein deutscher Fürstensohn.« Dieses Wort verwandelte sich für den Grafen Tige zu einem Futterkörnchen seines Witzes: »Äußere Anflüge sind vorhanden! Oder sollten Sie nicht wissen, Herr Oberst, daß Sie einige Ähnlichkeit mit den Bildern besitzen, die von Ihrem berühmt gewordenen Kronprinzen Friedrich in Umlauf sind?«

»Wahrhaftig?« In dem strengen, von versunkenen Schmerzen erzählenden Jünglingsgesicht erschien ein seltsames Lächeln. »Sie sind der erste, der mir eine so überraschende Mitteilung macht.«

Dieser unerschütterlichen Ruhe gegenüber wurde Graf Tige ungezogen in Blick und Ton. »Der einzige sind Sie wohl nicht, der in Preußen unter Mißachtung des königlichen Soldatenzopfes diese freigeistige Haarmasche nach hohem Muster trägt. Wenn Fürsten oder Fürstensöhne um guter oder übler Eigenschaften willen berühmt oder berüchtigt werden, findet sich mancher, der sich frisiert nach ihrer Silhouette.«

Pfarrer Ludwig erschrak, doch der junge Offizier behielt das unveränderliche Lächeln und sagte mit dem gewinnendsten Klang seiner Stimme: »Da haben Sie eine überaus treffende Bemerkung gemacht, mein lieber Graf! Nachahmung ist die billigste und erbärmlichste Kunst aller Menschen. Wenn sie ihre Blähungen blasen hören, glauben sie den Donner zu kopieren und wähnen Jupiter zu sein. In solchen Künsten sündigen gerade wir Deutschen am verwerflichsten. Wollen wir nicht völlig zu Affen werden, so muß ein Erlöser kommen, der uns wieder zu selbstbewußten Menschen macht. Verzeihen Sie also bei der Allgemeinheit dieses deutschen Lasters auch mir eine kleine Sünde der Eitelkeit! Man ist leider, wie man ist. Gott scheint kein Töpfer zu sein. Eines ehrlichen Töpfers Bestreben ist es, nur runde und gute Töpfe zu drehen. Gott dreht nicht nur so vortreffliche Menschen, wie Sie einer sind, mein liebster Graf! Er dreht auch Menschen von so verzweifelt buckliger Art, wie ich einer bin. Aber ich will nicht unverbesserlich sein und verspreche Ihnen, meine Frisur so entschieden zu ändern, daß fernerhin an mir keine Spur von Perückenähnlichkeit mit einem Menschen zu finden sein wird, den ich um seiner üblen Vergangenheit willen heute noch häßlicher sehe, als ihn der eigene Vater sehen mußte.«

Während Pfarrer Ludwig sich schweigend auf dem Sessel zurückbeugte und den jungen Oberst mit großen, forschenden Augen betrachtete, warf der salzburgische Hauptmann mißbilligend ein: »So sollte ein Offizier nicht sprechen von seinem zukünftigen König. Der Gott aller soldatischen Religion heißt Loyalität und muß nach obenhin so blind sein, wie die Justitia.«

»Verzeihen Sie, Herr Kamerad, die Religion des preußischen Offiziers muß eine andere sein. Sie muß hellsehende Augen haben nach oben und nach unten. Ihr einziges Dogma muß lauten: die Arbeit zu tun, die von einem klugen Führer befohlen ist, seine Pflicht höher einzuschätzen, als sein Glück, sich selbst zu verleugnen und sein ganzes Leben den Zukunftszwecken des Staates, dem Wohl seines Volkes zu unterwerfen und nur den einzigen Ehrgeiz zu besitzen, ein guter Preuße zu sein und ein deutsches Herz zu haben.«

Der salzburgische Hauptmann schüttelte den Kopf und lachte: »Herr Oberst, Sie predigen die soldatische Sklaverei.«