»Im Gegenteil, Herr Kamerad! Der freieste Mensch ist nicht jener, der immer tun kann, was ihm persönlich zusagt. Der ist der freieste, der die notwendigen Gesetze am redlichsten achtet, seiner vaterländischen Pflicht am willigsten genügt und kein Stäubchen von Vorwurf oder Reue auf seiner Seele fühlt. Und das freieste von allen Völkern ist jenes, das die meisten Soldaten solcher Art besitzt. Da sollen die Feinde kommen. Man haut sie auf die Köpfe.«
»Oh, wie gewalttätig!« warf der sanftblickende Domizellar von Stutzing ein. »Sie scheinen gering von dem zu denken, was man hier auf Erden als Frieden bezeichnet?«
»Nein! Friede ist das schönste von den Dingen der Welt. Nur nicht möglich unter allen Umständen. Die Friedfertigen um jeden Preis zerstören wohl keine fremden Häuser, aber sie bauen auch das eigene nicht auf.« In der Erregung, mit der der junge Oberst sprach, wurden seine Gesichtsmuskeln von nervösen Reizungen befallen, die aussahen wie Grimassen. »Es gibt gewiß viel bessere Dinge auf der Welt, als Soldat sein müssen. Aber so lange die Menschen bleiben, wie sie sind – und sie werden immer so bleiben – so lange ist jenes Volk auf Erden am sichersten, das die schlagfertigste und gewissenhafteste Armee erzieht. Eine solche Armee ist nicht nur höchste Geborgenheit des Staates, nicht nur eine militärische, auch eine moralische Macht, eine Schule der Selbsterziehung des Volkes.«
»Und Sie meinen,« spottete Graf Tige, »eine Armee von solch fabulöser Beschaffenheit wäre die preußische?«
»Ja.«
»Was hat sie denn schon geleistet? Für uns in der Ferne erscheint sie nur als ein Gamaschenklotz ohne Zweck.«
»Dieser Klotz wird sich bewegen.«
»Wann?«
»Sobald das Wort gesprochen wird, das ihn belebt. Sie, lieber Graf, als angehender Priester der katholischen Kirche werden vermutlich ohne Kinder bleiben.« Die brennende Verlegenheitsröte übersehend, die dem Neuensteinischen Verkündigungsengel in die Wangen fuhr, sprach der junge Oberst mit jagenden Worten weiter: »Aber Brüder oder Schwestern haben Sie wohl? Deren Kinder und Kindeskinder werden mitzehren an den deutschen Früchten jenes beweglich gewordenen Gamaschenklotzes. Deutscher Boden droht die Schüssel für alle fressenden Hunde der Nachbarschaft zu werden. Die vergönnen uns die eigene Mahlzeit nur, wenn wir die Faust haben, den nach unseren Knochen Lüsternen die Zähne einzuschlagen. Sieger wird keiner, der nicht alles gibt, was in ihm ist. Diese Opferfreudigkeit wollen wir in unseren Offizieren und Soldaten, in unserem ganzen Volk erziehen. Dann wird dafür gesorgt sein, daß uns die Welt nicht unterkriegt. Das gelänge ihr nur, wenn man ihresgleichen wäre. Wir haben die Pflicht und Absicht, uns wesentlich zu unterscheiden von ihr. Dann wird die Zeit kommen, in der das kleine Preußen zu wachsen gedenkt. Und was ein Segen für Preußen ist, wird zum Heil werden für alle Deutschen. Der Aufstieg und die politische Neugeburt des deutschen Volkes wird uns nicht durch den strohdreschenden Reichstag und nicht durch die schimmelig und hohl gewordene römische Kaiserpuppe beschert werden, sondern durch das junge, erstarkende Preußen der Zukunft.«
Diesen Worten folgte an der Tafel ein etwas unfrohes, fast höhnisches Gelächter. Nur Pfarrer Ludwig blieb ernst und grollte in Zorn: »Wie kann man da lachen? Wenn jeder Deutsche so denken würde, müßte man nicht in Durst, in Zweifel und Sehnsucht auf den Augenblick harren, der den Kaiser im Untersberg von seiner finsteren Schlafsucht kurieren wird.«