Graf Tige sagte mit spottender Heiterkeit: »Wie reizend, Hochwürden! Ihre siebzig Jahre befinden sich in kindlicher Märchenlaune!«
Da beugte sich der junge Oberst, die zitternden Hände um den Champagnerbecher geklammert, über die Tafel hinüber. In dem vorgestreckten Spitzgesichte flammten die Augen, während er mit leiser und dennoch scharfklingender Stimme sprach: »Die Kindermärchen der Völker sind ihre schönsten und tiefsten Sehnsuchtsschreie. Solche Sehnsucht braucht nur beharrlich zu sein, um die Erfüllung zu erzwingen.«
»Herr Oberst!« Die Stimme des hübschen Domizellaren erinnerte ein bißchen an das parisische Gezwitscher der Allergnädigsten. »Das stimmt nicht für Märchen. Die erfüllen sich nie. Noch weniger stimmt es für politische Phantastereien. Ihr heimatliche Selbstbewußtsein in allen Ehren! Ich mache Ihnen hierüber sogar mein Kompliment. Es frägt sich nur, ob das deutsche Volk und die deutschen Fürsten auch gewillt wären, sich von Preußen an den Roßschwanz nehmen zu lassen?«
Das Gesicht des jungen Offiziers, in dem alle Erregung plötzlich erloschen schien, war verwandelt zu ruhigem Lächeln. So wandte er sich dem Pfarrer zu und sagte: »Man muß die Deutschen selig machen gegen ihren Willen. Oder sie werden es nicht.«
[Kapitel XXX]
An der fürstpröpstlichen Jagdtafel ereignete sich abermals eine kulinarische Überraschung: man servierte neben dem Champagner zum erstenmale heißen, schwarzen Kaffee, von dem die Sage verbreitet war, daß er den Appetit zu reizen vermöchte, den Durst erneuere und gegen den Katzenjammer ein vorbeugendes Remedium wäre. Auch noch aus einem anderen Grunde war die dampfende Köstlichkeit, die überaus angenehm duftete, an der Tafel willkommen. Wer nicht zureichende Weinhitze in sich hatte und der natürlichen Blutwärme entbehrte, fröstelte schon ein bißchen. Bei sinkendem Nachmittag verkühlten die Frühlingslüfte. Das böse Wetter, das der windkundige Hiesel Schneck vorausgeahnt hatte, begann sein Herannahen bemerkbar zu machen. Immer häufiger erloschen die Sonnenlichter zwischen den von Windstößen geschaukelten Girlandenbogen.
Graukühler Schatten überschleierte die farbenbunte Tafel, als Graf Saur sich erhob, eine schmetternde Fanfare blasen ließ und die witzigen Verse seines Dianentoastes zu sprechen begann. Eine galant durchprickelte Stimmung herrschte an der lauschenden Tafel. Nur die gefeierte Göttin selbst schien jedem munteren Lächeln entrückt zu sein und sollte – entre la coupe et les lèvres – den jauchzenden Zuruf »Vive la reine divine de la chasse!« nicht mehr erwarten können. Sei es, daß Aurore de Neuenstein sich durch die jähe Dämpfung der Frühlingstemperatur in nachteiligem Grade angeschauert fühlte, oder sei es, daß die Ermüdung nach dem emsigen Lanzenschwingen, der allzu reichlich genossene Champagner oder andere Umstände mit im Spiele waren – sie wurde während des geistreichen Reimgeklingels plötzlich zwischen den schwarzen Schönheitspflästerchen so blaß, daß ihr schmales Unschuldsgesicht beinah einer preußischen Miniaturstandarte zu vergleichen war. Gewaltsam die contenance bewahrend, schloß sie die Augen und überlegte flink alle hilfreichen Möglichkeiten einer Ohnmacht. Es war für diesen klugen Gedanken bereits zu spät. Inmitten einer Lachsalve, die ein entzückender Dianenscherz des Grafen Saur entfesselte, mußte sie sich hastig erheben, um in fluchtartiger Eile den Tisch und die Mahlhalle zu verlassen. Auch das gelang nicht mehr. Weil die Natur schneller arbeitete als alle französisch geschulte Geistesgegenwart, kam die unpaß gewordene Göttin nur bis zur Söllerbrüstung und fand hier zwingende Veranlassung, sich rasch über den grüngirlandierten Balkenbord hinauszubeugen. Ein solcher Vorgang war bei zeitgenössischen Trinkgelagen keine ungewöhnliche Erscheinung. Dennoch verlor Graf Saur den Faden seiner witzigen Reime, und eine unbehagliche Verblüffung rieselte über die ganze Tafelrunde hin, von Herrn Anton Cajetan bis hinunter zum Grafen Tige.
Kanzler von Grusdorf, der sich gleichfalls entfärbte, als wäre er von der Indisposition seiner Nichte schon infiziert, versuchte der Leidenden durch die naheliegende Vermutung zu Hilfe zu kommen: »Ach, Barmherziger, augenscheinlich hat sie die heftig bewegte Schaukelfahrt auf dem Dianenschiffe nicht gut vertragen!« Niemand lachte, alle Herren schienen teilnahmsvoll und besorgt zu sein. Dennoch wuchs das Bedrückende der Tafelstimmung. Und in der halben Stille, die für einen Augenblick entstanden war, sagte der junge Oberst mit der Ruhe eines großen Gelehrten, dem die Entdeckung einer unanzweifelbaren Wahrheit gelang: »Das? Eine Artemis? Nein. Das ist eine Göttin der guten Hoffnung.«
Dieser Moment bewies, wie wohlerzogen alle diese adligen Herren waren und wie sehr sie sich nach reichlich verschlucktem Wein zu beherrschen wußten. Keiner von ihnen wollte das klärende Wort des jungen Offiziers verstanden haben, wie vernehmlich es auch gesprochen war. Immerhin hatte die Macht der Wahrheit für einigen menschlichen Farbenwechsel gesorgt, der sich konträr vollzog: Herr Anton Cajetan war bleich geworden, Graf Tige dagegen dunkelrot. Es hätte, dank aller höfischen Galanterie, die Situation vielleicht noch gerettet werden können, wenn nicht Aurore de Neuenstein selbst, unterstützt durch das Bewußtsein einer leidlich gesicherten Zukunft, sie verloren gegeben hätte. Im Zustande merklicher Erholung betätigte sie mit flinker Grazie ihr Brabanter Spitzentüchelchen, trat tapfer auf die Tafel zu, griff nach dem Champagnerbecher ihres sprachlosen, in einen Kreidestein verwandelten Onkels, leerte den Kelch bis auf den letzten Tropfen, stellte den Becher mit hörbarem Klaps wieder hin und zwitscherte in ihrem zierlichen Französisch: »Weshalb so erstaunt, meine Herren? So etwas Ähnliches hat sich seit Mutter Evas Zeiten schon mehrmals ereignet. Ich bin nicht die erste.«