Da war es mit aller hoheitsvollen Selbstbeherrschung des Herrn Anton Cajetan, der sich fern jeder Schuld zu fühlen vermochte, jäh und gründlich vorbei. Sich erhebend, sagte er kalt, doch immer noch mit Würde: »Madame! Um die Grenzen unseres Landes zu verlassen, sind Ihnen vierundzwanzig Stunden Zeit gegeben.«
Während Herr von Grusdorf eine Knickbewegung tiefster Erschütterung machte, wurde Aurore de Neuenstein überaus heiter. »Vierundzwanzig Stunden? Ach, wie gnädig!« Das waren die letzten französischen Laute, die man am fürstpröpstlichen Hofe von ihr vernahm. Trotz aller Peinlichkeit des Augenblickes erwachte in Aurore de Neuenstein der schwäbische Mutterwitz. Mit den Fingerspitzen das geschürzte Reitkleid auseinanderspreitend, machte sie vor Herrn Anton Cajetan einen tadellosen Hofknicks und sagte lustig in ihrem niedlichen Dillinger Idiom: »So groß, wie Dei' Ländl isch, bring i dees Hüpfle über de Grenzbaum fertig in em halbe Stündle.« Lustig lachend, sichtlich erfreut über den sieghaften Abgang, den sie gefunden, schwebte die vermenschlichte Göttin des Großen Jagens der bewimpelten Söllerpforte entgegen. Huldreich winkte sie mit dem hübschen Händchen nach allen Richtungen der Tafelrunde, ohne den sorgenvollen Grafen Tige einer besonderen célébration des adieux zu würdigen, und nickte noch freundlich und versöhnt dem jungen Oberst zu, der nun sichtliches Wohlgefallen an ihr zu finden begann und fast so begeistert applaudierte, wie er's beim Anblick der beiden fliehenden Gemsböcke getan hatte.
Das drohende Unwetter begünstigte Aurorens Abschied. Alle Pferde der Jagdgesellschaft waren schon bereit zum Heimritt. Munter schwatzend ließ die Neuenstein sich in den Sattel heben und galoppierte mit ihrem Kammerlakai und Büchsenspanner davon, um in Reichenhall so ziemlich alles wiederzufinden, was sie zu Berchtesgaden unter beträchtlichem accroissement der Stiftsschulden klug zurückgelegt hatte.
Dem vorsichtigen Wildmeister, der für die prompte Bereitschaft der Pferde gesorgt hatte, war auch ein willkommenes Erlösungswerk an der schwülgewordenen Stimmung in der Söllerhalle zu verdanken. Er brachte Seiner Liebden die Meldung des bedenklichen Wetterumschlages. »Wollen die gnädigsten Herren nit naß werden bis aufs Häutl, so wird's wohl nötig sein, daß man reitet auf der Stell.«
Einem turbulenten Aufbruch von der Tafel folgte ein beschleunigtes Abschiednehmen unter fröhlichem Horngeschmetter. Herr Anton Cajetan, der nicht gerne naß wurde, zog es vor, sich einen einsamstillen, aber trockenen Schmollwinkel in der Försterei bereiten zu lassen, auch auf die Gefahr einer schlaflosen Nacht, die umwittert zu werden drohte von den üblen Verwesungsdüften der riesigen Wildstrecke. Beim Abschied zeigte er eine bewundernswerte Haltung und war in so guter Laune, wie man nach kleinen, harmlos verlaufenen Scherzen zu sein pflegt. Den unerquicklichen Schwegelpfeifer und begnadigten Militärverbrecher in diplomatisch zulässigem Ausmaß ignorierend, bedachten Seine Liebden den Geheimrat von Danckelmann mit erlesenen Liebenswürdigkeiten und entbanden ihn gnädigst von allen ceremoniellen Abschiedspflichten. Bei der Rückkehr nach Berchtesgaden würde Seine Exzellenz das fürstliche Rekreditiv im Leuthaus vorfinden. Herr Anton Cajetan unterließ es, beizufügen, daß dieses historische Dokument als letzte Amtstätigkeit des weiland Kanzlers von Grusdorf zu erachten sei.
Vermochte der bedrohte Staatsmann unter der Stirne seines Herrn zu lesen? Mit bleichen Lippen stammelte der entlastete Elefant Aurorens: »Euer Liebden! Ich bin trostlos –«
Eisig unterbrach ihn der Fürst: »Da suche er seinen Trost, wo er ihn zu finden hofft.« Das war klar gesprochen. Dennoch erwachte in der Schlotterkreide des Herrn von Grusdorf nur zögernd die Erkenntnis, daß er in diesem Augenblick ein bedauernswerter Schicksalsgenosse des Doktor Willibald Hringghh und des Polizeifeldwebels Muckenfüßl geworden war.
Der schöne Schmetterklang des Fürstengrußes, an den sich keine Dianenweise mehr anzärtelte, geleitete Herrn Anton Cajetan unter bleigrauem Himmel zur Försterei, und als er in der niederen Tür verschwunden war, löste sich bei dämmerndem Abend aller Pomp des Großen Jagens auf in ein Wettrennen vieler Gäule, deren Reiter die schützenden Dächer von Berchtesgaden noch vor dem drohenden Platzregen zu erreichen hofften.
Weit hinter der jagenden Klapperkavalkade der Stiftsherren und Domizellaren blieben fünf Reiter zurück, weil der junge Oberst den Pfarrer Ludwig, der sich an den Sattellappen die Waden aufgewetzt hatte und nur mit bescheidener Geschwindigkeit noch vorwärts kam, nicht der Einsamkeit überlassen wollte. Bei Ausbruch des Regens erreichten die Fünf, zwischen Ramsau und Berchtesgaden, in der Schmiede von Ilsank einen schützenden Unterstand. Die große Werkstätte gab Raum für die Reiter und Pferde. In der Esse, deren Kohlen noch glühten, schürte Leupolt ein Feuer an. Und während draußen in der sinkenden Nacht der wilde Frühlingsregen der Berge trommelte und in der großen Schmiedhöhle das Feuergeflacker alle rußigen Dinge vergoldete, ließ sich Pfarrer Ludwig vom alten Hufschneider, der ein geschickter Viehdoktor war, die aufgescheuerten Waden mit Hirschtalg salben und mollig mit Leinwand überbinden. Danckelmann hatte sich gegen den Ambos gelehnt, der junge Oberst saß auf einem umgestürzten Schubkarren, das rechte Bein übers linke Knie gelegt, die Hände um den braunen Reitstiefel geschlungen. Immer schwatzten und lachten die Drei. Der wunderliche Reiz dieser Stunde im Flackerglanz, das mystische Wechselbild zwischen Glut und Schwärze, die Nachwirkung der feurigen Klosterweine und des Champagners, das Erinnern an alle schönen Natur- und Waldbilder des Tages, an die qualmenden, ekelhaften Blutströme des Großen Jagens, an den zum Spott herausfordernden, lächerlichen Abklatsch des französischen Hofschwindels und an die Komödie der gesegneten, so munter zum Orkus entschwundenen Göttin Diana – das alles wirbelte im Gespräche der Drei mit Ernst und Laune, mit Zorn und Hohn, mit Witz und sprühendem Übermut durcheinander und gab ihnen eine Stunde, an der sie Freude hatten. Sie lachten bei diesem Schwatzen so oft und so fröhlich, daß Hiesel Schneck, der immer mitlachen mußte, ohne zu wissen warum, ein bißchen wütend wurde und nach einem mäßig geschwänzten Himmelhündchen zum schweigsamen Leupolt Raurisser sagte: »Was die für kreuzlustige Sachen reden müssen! Und unsereiner versteht's halt nit! Aufpassen tu ich wie der Haftelmacher. Und versteh's halt nit! Kreuzhimmel und Höllementsnot, hol' doch der Teufel die ganze Französianerei! Wann einer, der schießen kann wie das preißische Soldätl, wann so einer ebbes sagt? Und zittert und fiebert und augenblitzt! Da muß er doch reden, als wie er schießt! Und so was möcht halt unsereiner verstehn! Verstehst?«
Raurisser schien nicht zu hören. Neben dem Essenfeuer an der schwarzen Mauer lehnend, alles Harten und Schönen des eigenen Lebens vergessend, in der Faust die zusammengebundenen Zügel der drei Herrengäule, sah Leupolt unbeweglich zu dem jungen Oberst hinüber, lauschte mit großen glänzenden Augen, lauschte mit einem gläubigen Lächeln seiner Freude auf jeden Laut dieser melodischen, wundersam bezwingenden Stimme, verstand so wenig wie der Hiesel Schneck und verstand doch mehr, viel mehr, als der Hiesel verstanden hätte, wenn er der beste Franzose gewesen wäre.