Jetzt sprach der junge Offizier allein. Die zwei Herren, mit vorgebeugten Gesichtern, hörten gefesselt zu, lachten immer wieder erheitert auf, vergaßen des Lachens und wurden ernst. In dem Bild, das der leidenschaftlich Sprechende bot, war der gleiche, schwerbegreifliche Gegensatz wie in seinem ganzen Wesen. Grell angestrahlt von der Feuerhelle, in dem schmucklosen, fast ärmlichen Soldatenkleid mit den Funkelknöpfen, auf dem gestürzten, radlosen Karren sitzend, neben den stampfenden, schnaubenden, durch das Essenfeuer beunruhigten Gäulen und neben der Finsternis da draußen, in der das Getrommel des schweren Regens war, das falbe, dem Flammenschein von Brandstätten gleichende Aufleuchten der umnebelten Blitze, das Donnerrollen des Frühlingsgewitters, bald wie knatternde Gewehrsalven, bald wie dröhnende Kanonenschläge – sah er aus wie ein junger Heerführer, der in einer Feldnacht zwischen Kampf und Kampf vor einem lodernden Wachtfeuer ruht, sich müde fühlt und doch von lebensprühender Erregung durchfiebert ist, alle wühlende Sorge in sich mit Heiterkeit zu umschleiern vermag, so zu den Seinen redet, ruhig und gläubig in die dunkle Ferne späht und mit der deutenden, blitzschnell zuckenden Hand Befehl um Befehl erteilt. Doch sein Gesicht war alles andere, nur nicht soldatisch. Das spitzvorgeschobene, heißwangige Antlitz mit dem lächelnden Spöttermund und den strahlenden Feueraugen war das Gesicht eines geistvollen, vom Funken der Stunde erfaßten Poeten, der sich immer wandelte, Ernst und Witz durcheinander schüttelte, mit sich und den anderen zu spielen schien, bald sprach wie ein kluger Greis und bald wie ein träumender Knabe, allen Esprit der französischen Sprache erschöpfte und mit diesem fremdländischen Wortgefunkel ein altes, sinnvolles Märchen der Deutschen erzählte: die Fabel von dem weisen und liebenswürdigen Jüngling, der sich alle Menschen der Welt zu Freunden machte.

Dieser Jüngling war so kraftvoll und klug, daß sein Verstand gegen jede Gefahr und Not einen siegreichen Gedanken fand. Und war so schön und gütig, daß sein warmer Blick und sein herzliches Lächeln jeden Neider und Gegner verwandelte in einen Freund. Alle Seelen flogen ihm zu, alle Wege der Welt erschlossen sich ihm. Die einen sagten: »Sein Verstand erzwingt es.« Die anderen: »Nein, sein gewinnendes Herz!« Das sagten die Leute so oft, bis Herz und Hirn im Körper des Jünglings von Eifersucht befallen wurden. In einer Gewitternacht, als der Jüngling schlummerte, fingen Herz und Hirn in ihm wie erbitterte Widersacher zu hadern an und vergaßen, daß sie brüderliche Teile des gleichen Körpers waren. »Du da droben unter der Stirne,« sagte das gekränkte Herz, »sei nicht so stolz! Die sieghafte Kraft unseres Herrn entspringt nicht deinen erfindungsreichen, doch kalten Ratschlägen. Nur mir allein verdankt er seine Erfolge, dem fröhlichen Blut, mit dem ich ihn erfülle, dem gewinnenden Glanz, den ich entzünde in seinem Blick!« Höhnisch lachte das beleidigte Gehirn: »Du aufgedunsener Fleischklumpen! Bist du vom Größenwahn befallen? Wenn er mich nicht hätte, wäre unser Herr ein stumpfsinniges Tier. Nur die Funken meines Geistes erwecken in ihm das Göttliche und machen ihn zum Sieger in aller Gefahr.« Zornig antwortete das Herz: »Du lügst! Alle Freunde unseres Herrn verärgerst du durch dein spottendes Besserwissen. Immer hab ich zu tun, um durch freundliche Güte wieder zu mildern, was du versalzen hast.« Und das Gehirn erwiderte: »Du schwächlicher Versöhnungslappen! Jeden kühnen Gedanken, den ich erwecke in unserem Herrn, verwässerst du durch säuselndes Wohlwollen, durch nachgiebige Biederkeit!« Mit Tränen antwortete das geschmähte Herz: »Das hab ich satt! Ich lasse mich nicht länger unterschätzen. Gott befohlen!« Lachend sagte das triumphierende Hirn: »Vergnügte Reise! Jetzt will ich beweisen, was ich vermag, auf mich allein gestellt.«

Das Herz entsprang den Rippen des Schlafenden und glich einem roten Frosch, der schwerfällig hinhüpfte durch den Staub der Straße. Das Gehirn entschlüpfte der Stirn und war wie eine weißgraue Tarantel, die sich mit vielen Gedankenbeinen hastig bewegte. So zogen die beiden in die Welt, jedes für sich allein. Eines frühen Morgens kehrten sie zurück, und jedes weinte vor Freude beim Anblick des anderen. Klagend erzählte das aus vielen Wunden blutende Herz: »Ach, wie erbärmlich ist es mir ergangen! Überall nannten sie mich die hüpfende Qualle. Jeden liebevollen Schrei meiner Güte haben sie gedeutet als ein Zeichen meiner Schwäche, haben mich verlacht, verhöhnt und mit den Füßen beiseite gestoßen! Hilf mir, du kluges Gehirn, sonst muß ich verbluten!« Und das vor Schmerzen zuckende Hirn erzählte: »Ach, wie niederträchtig sind der Unverstand und die Bosheit der Erde mit mir umgesprungen! Überall nannten sie mich den giftigen, stechenden Skorpion. Jeden Funken meines Geistes verleumdeten sie als weltbedrohendes Feuer. Kaum entrann ich ihren Lügen und Drachenzähnen. Hilf mir, du gutes Herz, ich bin müde zum sterben!«

Da suchten die beiden eine reine Quelle, um zu baden. Als sie versöhnt dem Haus ihres Herrn entgegenwanderten, vernahmen sie die Klagen und das Hohngelächter vieler Menschen. Die hatten den schlafenden Jüngling für tot gehalten und wollten ihn begraben. Jene, denen er Gutes getan, betrauerten seinen Tod. Doch jene, die er kraftvoll überwunden, beschimpften seine Leiche und verteilten unter sich die funkelnden Waffen seiner Siege. Schon wollten sie den stählernen Sarg für ewig über seinem wehrlosen Körper schließen. Da schlüpfte ihm das geläuterte Herz unter die Rippen, das reingewordene Gehirn unter die Stirne. Und das Herz begann zu hämmern, wie das Gehirn es ihm gebot, und das Hirn, vom pochenden Herzen befeuert, begann seine leuchtenden Funken zu sprühen. Die strahlenden Augen des Jünglings öffneten sich, mit frohem Lächeln erhob er sich, und gedoppelte Kraft erfüllte seine Glieder. Jubelnd umringten ihn seine Getreuen, erschrocken beugten sich seine Feinde, und von Stund an war der Jüngling schöner und gütiger, war kühner und klüger, als er je gewesen. Und weil er um der Ewigkeit seiner Kräfte willen nicht untergehen kann, so lange die Welt besteht, drum wird die Wahrheit seiner Geschichte nicht enden mit den Märchenworten: Starb er nicht lange schon, so lebt er noch heute.

Der junge Oberst, der seine Fabel mit spottender Grazie begonnen hatte, war ernst geworden. Als er verstummte, blieb sein Mund eine schmale Linie, und seine großen Augen blickten in die Essenglut, als wäre sie das redende Geheimnis kommender Dinge. Wie ein Erwachender sah er auf, weil er die Stimme des Pfarrers hörte. Der war auf ihn zugetreten. »Herr Oberst, ich danke Ihnen.« Er streckte dem jungen Offizier die Hand hin, die dieser lächelnd ergriff. »Ich bin ein alter Mann. Aber so lang ich noch atme, soll mir diese Fabel ein Lehrbuch des deutschen Lebens bleiben.« Tief atmend nickte der Pfarrer. »Fabel? Die Todesnot der schlafenden Deutschen wird sie zur Wahrheit machen. Freilich gehört auch der helfende Mann dazu.«

Da sagte Leupolt Raurisser neben der glühenden Esse: »Ihr Herren! Das Sturmwetter hat aufgehört. Die Nacht wird schön.« Er führte die drei Herrengäule durch das Tor der Schmiede auf die finstere Straße hinaus. Mit dem klirrenden Hufschlag mischte sich hinter ihm ein fröhliches, fast übermütiges Knabenlachen. Es galt dem Aussehen des Pfarrers. In dem verwachsenen Jagdrock und mit den klumpig von weißer Leinwand umwickelten Waden sah er so komisch aus, daß er selber nicht ernst bleiben konnte. Und als man heimritt durch die vom Bachrauschen erfüllte Finsternis, leuchteten die beiden milchigen Wickelklötze wie führende Laternen.

Gegen Westen, wo der Himmel klar geworden, schimmerten schon die Sterne. Über Berchtesgaden und den Zinnen des Untersberges hing noch eine schwarze Wolke, in der es manchmal aufdämmerte wie fernes Leuchten.

Aus dem Tal der Ache ritten die Herren gegen die Höhe des Marktes hinauf. Und Leupolt Raurisser stammelte erschrocken: »Da droben! Was ist denn das? Allmächtiger, das ist Feuerschein! Das Stift und der ganze Markt muß brennen.« Die fünf Gäule jagten. Als erster gewann der junge Oberst die Kante des Hügels und stand mit seinem Pferde schwarz eingezeichnet in diesen seltsam glimmenden Schein, der nicht von den Dächern der Stiftsgebäude und des Marktes ausging. Es war ein großes, von allen Steinspitzen, Felskanten und Baumwipfeln ausströmendes Elmsfeuer, gleich einem gebänderten Nordlicht um die breite Zinne des Untersberges herumgewunden, mit zarten Purpurstrahlen, die sanft hinaufzüngelten gegen die glimmenden Säume der schwarzen Wolken. Das war anzusehen, als trüge der Untersberg eine geisterhafte Riesenkrone, die, kaum daß sie zu schimmern begonnen hatte, schon wieder zu versinken begann im schwarzen Dunkel. Während die Herren in Erregung debattierten, lallte der abergläubische Hiesel Schneck: »Herr Jesus! Leupi! Was kann denn das sein?« Ein froher Atemzug. Und eine Stimme wie der Klang eines Betenden: »Der Kaiser im Untersberg hat eine freudige Seel. Die leuchtet so.«

Für den ganzen Rest des Heimrittes beherrschte die wundersame Lichterscheinung das Gespräch der Herren und überschimmerte auch wie Weihe den Abschied, den sie vor dem Leuthaus voneinander nahmen. Der grüblerische Ernst des jungen Obristen schlug erst wieder um in seine knabenhafte Heiterkeit, als er auf seinem Bette saß und sich die Stiefel herunterziehen ließ, während ihm Danckelmann das Rekreditiv Seiner Liebden vorlas:

»Durchlauchtigster König! Eure Königliche Majestät, besonders gnädiger Herr! – Was Ew. Königliche Majestät zu Faveur Unserer in dero Königlich- und Chur-Fürstlichen Lande auf Veranlassung einer Religions- und Gewissens-Freyheit emigrirenden Unterthanen vorschrifftlich an Uns gelangen lassen, hat der anhero geschickte Geheime Hof-Rath von Danckelmann behöriger Orten geziemend überreichet, und gleich wie Wir sowohl in Regard Ew. Königlichen Majestät höchst-venerierenden Vorschreibens, als auch derer selbst redenden Völker-Rechts-, auch Civil-Gesätzen gemäß denen Emigranten das Ihrige angedeyen zu lassen, Unserer desfalls eigen aufgestellten Comission die angemessenen Befehle ertheilet, sofort dieses Geschäfft durch die sorgfältige Negotia gedachten abgeordneten Geheimen Hof-Raths nunmehro zu seiner vollkommenen, Zweiffels ohne vergnügten Endschafft gediehen, mithin demselben seiner dabey bezeigten Conduite halben ein anständiges Zeugnis zu ertheilen Anlaß nehmen, und Uns der Hoffnung erleuchten, Ew. Majestät möge in Höchstdero so wohlexerzierter wie forchtbarer Armee noch viele dermaßen hartnäckig und viktorios battaillirende Offiziers als Höchstdero juchendligen und musikalischen Obrigsten von Berg possediren, allso zweiffeln auch nicht, es werden Ew. Königliche Majestät diese ultra viniculum instrumenti pacis demselben begünstigte Zubilligung so ansehen, wie Wir ambirt haben, das Königliche hohe Vor-Wort mit ersinnlichster Hochachtung erfüllen zu mögen, und damit verbleiben