Von Gottes Gnaden des Heiligen Römischen Reichs Fürst, Probst und Herr zu Berchtesgaden

Ew. Königlichen Majestät
allzeit Dienst-geflißnister
Cajetan Antoni.«

Die beiden Hände auf die Schenkel klatschend, platzte der junge Oberst los: »I Jott, wat for 'ne Gedärmverwicklung.« Er wurde ernst. »Wüßt man nich, daß es deutsch is, man möcht es nich glooben.« Dem Geheimrat zunickend, streifte er die Reithose von den mageren Beinen und huschelte sich unter das ungetüme Federbett. Nach Gewohnheit brachte der Soldat das Lederetui mit der Elfenbeinflöte zum Nachtgebet. »Nee, Hänne, laß man heute! Wir wollen musikalisch nich weiter in schlechte Reputation jeraten. Um Viere weckste! Ick reite vor Tag.« Er drehte sich lachend gegen die Wand. Nach Art eines memorierenden Schülers, dem ein Stück Weisheit nicht hinein will in den Schädel, wiederholte er mit halblauter Stimme mehrmals die schöne Wortbildung: »Dienstgeflißnister, dienstgeflißnister, dienstgeflißnister –« Ein munteres Aufkichern. »Na also! Et jeht en avant mit's Deutsche.«

[Kapitel XXXI]

Bei grauendem Morgen brannte die Lampe in der Wohnstube des Mälzmeisterhauses. Der alte Raurisser, mit rotglühendem Kopf, saß im Herrgottswinkel, wickelte kleine Geldrollen und stopfte sie in eine neue Lederkatze, die aussah wie ein Tiroler Bauerngürtel. Mit buntem Garn waren die Anfangsbuchstaben von Leupolts Namen und sein Geburtsjahr 1707 eingestickt; und rechts und links eine Gemse, die mit enggestellten Läufen auf einem spitzigen Kegelchen stand. Immer dicker und schwerer wurde der schöne Schatzbehälter. Und als der Meister beim Wickeln seufzend eine Pause machte, sagte Mutter Agnes, mit Augen und Stimme bettelnd: »Gib, Alterle, gib! Sein Weg ist weit.« Der Meister wickelte wieder. Und Frau Agnes packte. Zwei große Rucksäcke standen schon fertig geschnürt auf der Fensterbank. Jetzt füllte sie mit zitternden Händen den dritten Sack und huschte immer wieder davon, um ein für ihren Buben brauchbares Stück zu holen, das ihr noch einfiel. Als der kugelrunde Sack verschnürt war, packte sie alles, was die Magd mit verheulten Augen als Zehrungsbeitrag für die Exulanten herbeischleppte, in den großen Wäschekorb auf der Ofenbank: geselchtes Wildbret, geräucherte Saiblinge, Schinken und Speckwürste, ein paar hundert hartgesottene Eier, Schmalzbüchsen und Buttertöpfe, Salzdüten, Schnapsgutter und Weinflaschen, Brotlaibe und süße Wecken. Immer war es der Mälzmeisterin noch zu wenig. »Lauf, Mädel, und bring! Da muß man geben!« Zustimmend tackte die Gottsaugenuhr an der Mauer: »Tu's! Tu's! Tu's!« Ob's der Engel oder das Teufelchen sagte, immer klang es mit der gleichen heimlichen Freundlichkeit, und immer blickte das rollende Gottesauge im Zustand des Wohlwollens gegen die Ofenbank, blickte nur finster, wenn es hinüberschielte gegen die lautwerdende Straße. An der schönen alten Uhr, die sich in tadellosem Gang befand, war nicht die geringste Spur einer irrsinnigen Mißhandlung zu erkennen. Da mußte der Pfarrer Ludwig, als er dem Luisli jene sonderbare Uhrgeschichte erzählte, entweder an Wahnvorstellungen gelitten haben wie der Chorkaplan Jesunder, oder der Pfarrer hatte wieder einmal gelogen, diesmal anscheinend ohne Erfolg. Mit Spinozas Lehre von den für das Menschenglück ersprießlichen Geschehnissen schien es in diesem Falle nicht zu stimmen.

Leupolt kam zur Tür herein, in dem verwitterten Bergjägerkleid, das er getragen hatte, als er die preußischen Herren hinaufführte zum Toten Mann. »Jetzt bin ich fertig.« Frau Agnes schien nicht zu hören; beim Packen beugte sie nur das Gesicht ein bißchen tiefer gegen den Korb hinunter. Für den Vater war das ruhige Wort des Sohnes wie ein Stoß vor die Brust gewesen. Mit tattrigen Händen schnallte er die zwei Kappen der Lederkatze zu. »So, Bub!« Er schob sich aus der Bank heraus. »Schau, da ist, was du kriegst von mir. Sei halt ein bißl gescheit und gib nit alles für die anderen aus. Für dich muß auch was bleiben.«

»Vergeltsgott! Tust du die Brüder nit verkürzen?«

Der Alte schüttelte den Kopf. »Beredet haben wir schon alles. Machen wir's kurz. Ich muß ins Bräuhaus hinüber.« Als er die Arme um den Hals des Sohnes legte, war er noch mannhaft. Kaum aber spürte er den eisernen Zärtlichkeitsdruck seines Buben, da verlor er alle Fassung, wühlte das Gesicht an die Brust des Sohnes und keuchte: »Bub, ich wollt, ich tät mitdürfen!«

»Ja, du!« grollte Mutter Agnes beim Packen mit zerdrückter Stimme über die Schulter. »Du wärst der Richtige zum Exulieren! Wo du schon den Schnaufer verlierst bis hinüber zum Bräuhaus. Möcht wissen, was du sagen tätest auf der Wanderschaft, wenn du Wasser trinken müßtest, statt Tag für Tag deine fünf Maß Bier.« Nun drehte sie das blasse Gesicht und blinzelte dem Sohne zu, daß er's dem Vater leichter machen sollte.