»Komm, Vater!« sagte Leupolt ruhig. »Tu dich aufrichten als festes Mannsbild! Bloß die Füß laufen von einander fort. Die Herzen bleiben allweil beisammen.«

»Bub! Bub!« Meister Raurisser, hin und her geworfen zwischen Zorn und Kummer, war einem Schreikrampf nahe. »Alles Gute für dich! Alles Gute auf der Welt! Du hast's verdient! Und so einen Buben jagen sie aus dem Land! Die Herrgottsakermenter! Wenn sich so was nit strafen tät, da müßt unser Herrgott – Jesus, Jesus, zu was für einem Herrgott muß ich denn hinaufschreien?« Er wollte die geballten Fäuste gegen die Stubendecke heben und klammerte die Arme wieder um den Hals des Sohnes. »Bub! Mein Bub, du mein lieber! Alles Gute für dich – und alles – Bub, ich kann nimmer, es reißt mir alles auseinander!« Wie ein Betrunkener machte er sich los, taumelte gegen die Türe hin und brüllte: »Kronäugeln tu ich ins Bier, vergiften tu ich die Unmenschen, die rotzmiserabligen!« Er schlug die Türe hinter sich zu, daß es wie ein Böllerschuß durch das Haus hallte.

Erschrocken sah Leupolt die Mutter an. Sie schüttelte den Kopf und wischte die Tränen von den Wangen. »Auf die Wörtlen därf man beim Vater nit gehen. Ist er drüben im Bräuhaus, so sucht er wieder das beste Malz für die Herren aus. Wahr ist's, Bub, es hat nit leicht ein Kind auf der Welt einen bräveren Vater, wie du!« Mit fahrigen Händen fing sie wieder zu packen an. Und Leupolt stand inmitten der Stube, unbeweglich, den Kopf zwischen den Fäusten. Nach einer Weile sagte er zaghaft: »Mutter! So kann's das Luisli doch nit gemeint haben. Der Einsamkeit zulaufen müssen, das ist hart. Meinst du nit, ich sollt noch eine letzte Frag an das liebe Mädel tun?«

Erst nach einer Weile konnte Frau Agnes antworten: »Da muß ich abraten. Will Gott es haben, so gibt er's. Mag er es nit, so mußt du es leiden.« Als sie das Gesicht von dem fertiggepackten Korb abwandte und ihren Buben ansah, mußte sie barmherzig sagen: »Fürgestern hab ich mit dem hochwürdigen Herrn geredet. Der hofft noch allweil.« In der Gottsaugenuhr ein leises Geräusch, wie von einem schnurrenden Rädchen; dann schlug die Uhr mit schönen, tiefen Klängen die sechste Morgenstunde. Frau Agnes ging auf den Tisch zu und löschte die Lampe. »Jetzt müssen wir von einander. Schau, es tagt! Da mußt du auf dem Markt beim Brunnen sein, wenn die Notigen und Ratlosen kommen. Du bist ihr Helfer und Wegweis.« Ihr Gesicht bekam etwas weiß Versteinertes, während sie zur Türe ging und den Riegel vorschob. Stumm, mit müden Bewegungen, trat sie an jedes Fenster und zog die blauen Vorhänge zu. Eine milde, neblige Dämmerung war in der Stube. Mutter Agnes ging zur Gottsaugenuhr, löste die Gewichte von den Schnüren und hängte den Perpendikel aus; der Engel und das Teufelchen blieben auf halbem Wege stecken, jedes auf der Schwelle seiner Pforte; das Auge Gottes, weder böse, noch freundlich, blickte ruhig aus der Mitte des von Strahlen umzüngelten Dreiecks, und Mutter Agnes sagte, nicht laut, nur in ihrem zerrissenen Herzen: »Die Uhr soll von der jetzigen Stund an nimmer schlagen, solang ich noch leb.« Ganz ruhig war sie, als sie auf Leupolt zutrat. Von ihrem Schmerz war nichts an ihr zu erkennen; heiß und gläubig strahlte die Liebe in ihren Augen. »Bub! Ich kann dich nit segnen, wie's deinem Glauben recht ist. Darf ich dich segnen, wie's mein Herz versteht?«

»Eine Mutter darf alles.« Er ließ sich hinfallen auf die beiden Knie, faltete in einer starren, hölzernen Art die Hände vor der Brust und sah mit glänzenden Augen zum weißen Gesicht der Mutter hinauf. Wortlos, kaum merklich die stummbetenden Lippen rührend, besprengte sie ihrem Sohn den Scheitel, das Gesicht, die Schultern und die Hände mit geweihtem Wasser. Und bekreuzte ihm die Stirne, den Mund und die Brust. »Im Namen Gott des Vaters, Gott des Sohnes und Gott des heiligen Geistes! Ist Gerechtigkeit im Himmel, und da glaub ich dran, so muß die gütige Dreifaltigkeit dich hüten auf jedem Weg. An deiner sauberen Seel ist nie kein Fleck und Schaden gewesen. Nie hast du ein Ding getan, von dem ich sagen hätt müssen: das ist schlecht. Allweil bist du die Freud deiner Mutter geblieben –« Die Stimme versagte ihr. Wie von einem Frostschauer gerüttelt, beugte sie sich zu ihm hinunter und preßte das Gesicht auf seinen Scheitel. »Vergeltsgott, Bub!« Er umklammerte die Mutter, ohne einen Laut zu finden, und küßte den Schoß, der ihn geboren hatte. Dann sah er zu ihr hinauf. »Dich und mich – gelt, Mutter – uns schneidet man nit auseinander? Und nit mit der schärfsten Säg.«

Nur den Kopf konnte sie schütteln. Und nun wurde sie von einer Verstörtheit befallen, die sich ansah wie Raserei. Die Hände mit gespreizten Fingern emporstreckend, schrie Mutter Agnes zur Höhe hinauf: »Allmächtiger! Rührst du dich nit ein bißl? Siehst du nit, wie's zugeht in tausend Mutterherzen von Berchtesgaden?«

Am verhüllten Fenster ein heftiges Pochen. Und eine Stimme: »Bruder Leupi?«

Die beiden in der Stube umklammerten sich stumm. Erst als das Pochen am Fenster sich wiederholte, konnte Leupolt antworten: »Wohl! Ich bin noch daheim.«

»Geh, komm! Die armen Leut wissen nit aus und ein. Alle schreien nach dir.«

»Ich komm.« Er sprang vom Boden auf, umhalste und küßte die Mutter – »Gelt, du Liebe, jetzt muß es sein?« – vergaß den Rucksack, den er tragen sollte, vergaß die Geldkatze und den Zehrungskorb und kam auf der Straße gerade zurecht, um ein kränkliches Weib, das zwischen schreienden Kindern ohnmächtig geworden war, von der Erde aufzulupfen und auf einen Wagen zu heben.