Aus hundert Stuben von Berchtesgaden war der Abschiedsjammer herausgetreten über die Schwelle, mit zärtlichem Gestammel und Schluchzen, mit Umarmungen, die nicht enden wollten, mit Kindergeschrei und Muttertränen, mit erbitterten Zornflüchen und himmelschreienden Klagen zerrissener Herzen. Der ganze Marktplatz und alle zuführenden Gassen waren unter dem Frühlingsblau und in der milden Morgensonne verwandelt zu einer einzigen großen Stube des Menschengrams. Alle Glaubensfeindschaft und aller religiöse Gegensatz schien erloschen und verschwunden; der Schmerz der Wandernden, die man aus der Heimat jagte, war übergeflossen in die Herzen der Bleibenden; in allen war das Gefühl der Zusammengehörigkeit wach geworden, die nachbarliche Freundlichkeit und das menschliche Erbarmen.
Immer dichter und lärmender füllte sich die lange Marktgasse. Von den Armen und Ärmsten, die nicht zu bleiben brauchten, bis Haus oder Feld verkauft war, hatten sich Neunhundertundsieben zur ersten Schar unter Leupolts Führung gemeldet, Greise, Männer und Weiber, Burschen, Mädchen und Kinder. Unter ihnen auch Kranke, die nimmer bleiben, nicht länger warten wollten auf den Tag der Seelenfreiheit. Ein Bauer hatte seine siebzehnjährige Tochter, die den Fuß gebrochen, auf eine Kraxe gebunden und brachte sie auf dem Rücken getragen. Den Jakob Aschauer, einen Hundertjährigen, der schon ein Sterbender war, mußten seine grauköpfigen Söhne auf den Leiterwagen heben und betten im Stroh. Jede Mahnung, zu bleiben und den nahen Tod in der Heimat zu erwarten, lehnte der Greis mit harter Handbewegung ab und sagte: »Das ist vor Zeiten ein Sprichwort gewesen: Wen Gott lieb hat, den laßt er fallen ins berchtesgadnische Land. Jetzt ist eine Zeit gekommen, daß aus Berchtesgaden hinauskriechen möcht, wer nimmer laufen kann.« Erschüttert durch diese Worte, das Gesicht von Tränen überflossen und vom Geist befallen, stieg ein junges Weib auf den Wagen des Greises, hob die Arme zum Himmel und begann zu predigen über das Wort: »Gehe von deinem Vaterland, von deiner Freundschaft und deiner Mutter Haus in ein Land, das ich dir zeigen werde.« Beim Brunnen begannen die Evangelischen das Lutherlied zu singen:
»Ein feste Burg ist unser Gott –«
und auf der anderen Seite der Marktgasse sangen Hunderte das Wanderlied der Salzburger:
»Ich bin ein armer Exulant
Und därf daheim nit bleiben,
Man tut mich aus dem Vaterland
Um Gottes Wort vertreiben –«
Mit dem inbrünstigen Klang der singenden Stimmen, mit dem verzückten Lautgestammel des predigenden Weibes und mit den klingenden Helferworten des Leupolt Raurisser, der ruhelos von Wagen zu Wagen sprang, vermischte sich das Gerassel der verspäteten Karren, das Gebrüll der Kühe, das Ziegengemecker und das Blöken der ängstlichen Schafe. Der Tier- und Menschentrubel des Brunnenplatzes und der Gasse glich dem Bild eines Viehmarktes, dessen Geschäft und Handel unterbrochen wurde durch die Nachricht einer bösen, alle Menschen verstörenden Landsnot. Köpfe und Arme streckten sich aus allen Fenstern, und von überall warf man Kleiderbündel und Päcklein mit Geld und Eßwaren herunter auf die Wagen der Exulanten. Aus allen Türen kamen Frauen, Männer und Mägde, um herbeizuschleppen, was sie zu geben hatten. Pfarrer Ludwig mit seiner Schwester, Lewitter und die stumme Lena, die Sus und Meister Niklaus brachten große Körbe. Und die Mälzmeisterin, als sie ihrem Buben die Geldkatze um die Hüften geschnallt und die Rucksäcke mit dem Zehrkorb untergebracht hatte auf dem Scharwagen, unter dessen Bocksitz die eiserne Truhe mit den preußischen Hilfsgeldern an die Leitern angeschmiedet war, lief von Karren zu Karren: »Ihr guten Leutlen, brauchet ihr noch was?« Sie sprang in alle Kaufläden, raffte zusammen, was nötig war, hatte kein Geld mehr und mußte immer sagen: »Schreibet nur auf! Ich zahl schon!«
Zwischen Gram und Schluchzen spielten sich Szenen ab, über die man in unbedrückter Stunde hätte lachen müssen, und die der Jammer der Abschiedsstunde zu einer herzerschütternden Begebenheit machte. Zwei Geschwister, die einander verlassen mußten, hielten einen kleinen weißen Hund, den sie lieb hatten, am Strickl und stritten verzweifelt miteinander, weil ihn jedes dem anderen überlassen wollte. »Nimm ihn, um Gottes Barmherzigkeit, so nimm ihn doch, du tust mir was Liebes an!« Auf einem Wagen spielte ein ähnlicher Streit, noch tränenreicher, noch verzweifelter. Drei Kinder, die beim Vater blieben, hingen am Hals der exulierenden Mutter und beschworen sie, den kleinen Käfig mitzunehmen, in dem ein Distelfink zwischen den Stäben scheu umherflatterte. »Nimm, Mutterle, nimm, du hast das Vögerl so viel lieb, du kannst nit leben ohne das Vögerl!« Und die Mutter, von Schluchzen geschüttelt: »Nit! Und tausendmal nit! Wandern muß ich nach meinem Herrgotts Willen. Euer Vögerl ist nit des Himmels und nit der Höll. Eh tät ich lieber sterben am Fleck, eh daß ich meinen Kinderlen die singende Freud aus dem Leben tät reißen mögen.« Ihr Schluchzen verwindend, mit den Zähnen knirschend, preßte sie den kleinen Käfig zum letztenmal an ihre nasse Wange und schlang mit dem anderen Arm die Blondköpfe der weinenden Kinder an ihre Brust. Und neben dem Wagen, zwischen einem Ziegenknäuel, redete ein junger Bauer mit erbitterten Worten zu seinem blassen, unbeweglichen Weib: »Um aller Seligkeit willen, tu dich besinnen im letzten Stündl! Weibl, Weibl, bist du denn ganz verloren, daß du mich lassen und mit den Luthrischen laufen kannst?«