Die ekstatisch glänzenden Augen zur Höhe gerichtet, sagte sie leis: »Ich geh, weil der liebe Gott mich ruft.«

Er klagte: »Weibl, Weibl, du laufst dem Satan zu!« Und weil in ihm die Sorge noch größer war, als der Zorn, machte er das schützende Kreuzzeichen auf ihre Stirn.

Da sah sie ihm lächelnd in die Augen. »Vergeltsgott, du Gütiger! Jetzt kann mir die Höll nimmer schaden. Deine Lieb hat ein heiliges Kreuz über mich gemacht.«

Ein alter Mann und eine alte Frau, beide mit bleichen, entstellten Gesichtern, hingen an die Arme ihres zwanzigjährigen Sohnes geklammert und beschworen ihn zur Reue und zu christlichem Bleiben. Er zog die Alten an sich, hielt ihre Köpfe an seine Rippen gepreßt und sagte: »Es ist auf der Welt kein Ding, das mir lieber wär als Mutter und Vater. Aber Gott ist mehr. Ihr habt euch anders besonnen, und ich tu's nit schelten. Jeder so, wie er muß. Ich getrau mich bei eurem Glauben nit selig zu werden. Und lügen kann ich nit. Ich tät mich schämen müssen vor dem Leupi, der geblutet hat für uns alle. Jedem Redlichen muß die Wahrheit heiliger sein als Glück und Leben.«

Das hörte einer, dem dieses verzückte Wort den letzten Blutstropfen aus den bärtigen Wangen jagte. »Meister?« stammelte die Sus erschrocken. Er sagte zwischen den Zähnen: »Gib! Und gib! Wie mehr, so lieber ist mir's. Ich hab einen Weg.« Vorüber an lautem Schluchzen und stillem Weinen, vorüber an Zorn und Gram, an Tieren und Menschen. Beim Brunnen sah er den Pfarrer und drängte sich hin zu ihm. Der fragte betroffen: »Nick? Ist dir nit gut?«

Der Meister sah ihm in die Augen. »So geht's nit länger. Ich kann's nimmer hehlen. Ob Ruh oder Elend, ich muß bekennen heut.«

»Dein Gesicht hat mir's kürzer gesagt.« Der Pfarrer legte den Arm um den Hals des Freundes. »Tu, was du mußt! Jetzt red ich dir nimmer ab.« Seine trauernden Augen irrten über den tausendköpfigen Jammer hin, der die Gasse füllte. »Aber was du tun mußt, tu als mutiger Mensch! Der Weg zum Listenkommissar ist leicht. Erst geh den härteren zu deinem Kind.«

Der Meister nickte und bot dem Freunde die linke Hand, die lebende. Stumm ging er davon und sah nimmer, daß ein leises Lächeln den trauernden Ernst im Warzengesicht des Pfarrers milderte. Um sich in der langen Gasse nicht wieder vorüberwühlen zu müssen an Menschen und Tieren, schritt der Meister hinüber zum gestutzten Hofgarten und suchte den Heimweg hinter den Zäunen. Wie das Rauschen eines großen Wassers begleitete ihn der klagende Lärm der Marktgasse.

Friedlich umschimmerte die Morgensonne sein Haus inmitten des Gartens, in dem die Rosenstauden zu knospen begannen. Der Meister trat in den Flur und rief über die Treppe hinauf: »Kind? Wo bist du?«

In der Werkstätte ein erwürgter Laut.