Durch das Fenster mit den verbogenen Eisenstäben flutete eine goldschöne Sonnenfülle in den großen, schweigsamen Raum, umglänzte die Holzstatue der ‚heiligen Menschheit‘ und streifte den Schoß des jungen Mädchens, das im ziegelfarbenen Hauskleid hinter dem Spinnrad auf der Holzbank saß, ähnlicher dem jungen Tod als einem atmenden Menschenkind. Schweigend betrachtete Niklaus seine Tochter, in deren Augen eine angstvolle Frage brannte. Dann glitt sein Blick, der wie ein gramvolles Abschiednehmen war, über die Mauern, über alles Gerät, und blieb an seinem Werke haften: an der schlanken, von dürstendem Erwarten durchglühten Gestalt des jungen, ärmlich gekleideten Weibes, das die Arme auseinanderbreitet und verklärt einem kommenden Wunder entgegenblickt, aus starrem Holz verwandelt zu heißem Leben, durchleuchtet von opferwilliger Liebe und hoffendem Glauben. Die Hand auf seine Stirne legend, mit einem halb bitteren, halb frohen Lächeln, wiederholte der Meister leis die Worte, die er an dieser Stelle vor vielen Wochen zu seinem Kinde gesprochen hatte: »Lang muß man harren auf Erlösung. Einmal kommt sie.« Er wandte das Gesicht. Sorge und Zärtlichkeit waren in seiner Stimme. »Kind! Jetzt muß ich dir sagen, was dir hart sein wird.«

Sie schrie: »Was ist ihm geschehen?«

»Wen meinst du? Den Leupi?« Wieder das wehe und dennoch freudige Lächeln. »Mußt du schneller an den Leupi denken als an mich? Da hab nit Sorg. Der ist ein Aufrechter, geht den Weg seiner redlichen Pflicht, hat die Wahrheit im Herzen und ist ein Helfer für hundert Leidende. Er geht mit den Ärmsten. Heut. Mit mir hat er nit geredet, und ich bring dir keinen Gruß. Was ich dir sagen muß, lieb Kind, geht nit um den Leupi. Das geht um dich und mich. Ich muß dir sagen –«

Sie wehrte mit beiden Händen. Das glühende Rot, das ihre Wangen überflossen hatte, war wieder verwandelt in wächserne Blässe. »Vater!« Für einen Augenblick überkam's ihre Sinne wie Schwindel. »Ich hab verstanden. Du bringst dein Herz nit über den heutigen Tag hinüber. Du mußt – bekennen?«

»Ja.« Er trat zu ihr hin. »Und daß ich nimmer lügen kann? Auch nit um deinetwillen? Kind? Muß deine fromme Seel mich drum verdammen?«

Sich zusammenkrümmend, preßte sie das Gesicht in die Hände, schüttelte den Kopf und klagte: »Bloß ein Einziger weiß, wie alles ist. Ich such es allweil und kann's nit finden. Dich hab ich lieb ohne Reu und Schmerzen. Mehr weiß ich nimmer.«

Da sprang er zu ihr hin, warf sich vor ihr auf die Knie, zog ihr die Arme herunter, küßte lachend ihre Hände, die naß waren von ihren Tränen, sah zu ihren schwimmenden Augen hinauf, schmiegte das Gesicht an ihre Schulter und stammelte: »Kind! Jetzt hast du deinem Vater das Leben geschenkt. Und der Weg, den ich tun muß um der Wahrheit willen, ist mir ein leichter und schöner.« Sich erhebend, umschlang er sie, küßte ihre Wange, ihre Stirn, ihre Augen – sprang mit frohem Auflachen zur Tür hinüber und war verschwunden.

Unbeweglich saß Luisa auf der Bank und sah die Tür mit erloschenen Augen an, als wäre alles Denken in ihr zerdrückt. Da quoll in der schönen Sonne, die ihren Leib umflutete, durch die Mauern ein Rauschen zu ihr herein, das leis die Fensterscheiben erzittern machte. War es das Brausen eines stürzenden Baches? Oder der ferne Lärm von tausendstimmigem Menschengeschrei, in dem alles war, nur Freude nicht?

»Vater!« Bei diesem gellenden Laut voll Schreck und Grauen griffen ihre Hände gegen die Türe hin. »Vater! Vater! Vater!« Das Spinnrad fortstoßend, daß es über die Dielen kollerte, sprang Luisa von der Bank, jagte über die Schwelle, jagte mit gestreckten Armen hinaus in die Sonne. »Vater! Vater!« Wie eine Verzweifelnde hetzte sie an der Gartenplanke hin, gegen den Markt hinüber, in dem roten wehenden Kleid, einer fliegenden Flamme gleich, und war nicht die einzige, die so rannte, so verstört und ganz von Sinnen. Überall, auf der Straße, auf den Fußwegen, auf den Wiesen, überall sah man viele springende Menschen, die aufgeregt mit den Armen fuchtelten und wirre Worte kreischten, als wäre ein großes Schadenfeuer ausgebrochen, das alle Dächer und jedes atmende Leben bedrohte. Auch dröhnende Schläge, wie beginnender Feuerlärm! Auf drei Türmen fingen alle Glocken zu läuten an und füllten die sonnigen Lüfte mit schwebendem Hall. Sollte das ein mahnender Abschiedsgruß der Kirche an die wandernden Seelen sein, die sie verlor? Oder war es ein pröpstliches Freudengeläut, das die Reinigung des berchtesgadnischen Landes von allem Irrglauben verkündete?

Bei der Reichenhaller Straße kam Luisa nimmer weiter. Zwischen anderen Menschen, welche weinten oder beteten, stand sie an die Scheunenmauer des Leuthauses gepreßt, mit angstvoll erweiterten Augen im blassen Gesicht, keiner Handbewegung und keines Lautes fähig. Ihr gegenüber lugte über den Ziegelbord der sekreten Mauer das stille, ausgeräumte Unlustschlößchen der weiland Allergnädigsten mit niedergelassenen Jalousien hervor, und zwischen der weißen Mauer und dem versteinten Mädchen war die enge Straße vollgepfropft durch Menschen, Tiere und Karren, durch den vorwärts drängenden Zug der Exulanten, dem vier rotjoppige Burschen mit ledernen Reisetaschen, mit schweren Rucksäcken und langen Wanderstecken voranschritten, auf den grünen Bubenhüten die ersten Blumen des Frühlings, mit rotgeränderten Augen in den erbitterten Gesichtern. Einer von den Vieren sang mit der Stimme eines Wahnsinnigen, zwei waren stumm und ließen die Köpfe hängen, der vierte kreischte immer wieder die zwei gleichen Worte gegen die strahlende Sonne hinauf: »Gottsheilige Himmelsfreud! Gottsheilige Himmelsfreud!« Nur Leute, die ganz in der Nähe waren, verstanden diese Worte. Wie bei einer Hinrichtung das Trommelgerassel den letzten Schrei des Verurteilten erstickt, so übertönten die läutenden Kirchenglocken allen klagenden Zorn und Jammer dieser Stunde, in welcher tausend gläubige, redliche Menschen die Heimat verlieren mußten, an der sie hingen mit Blut und Seele.