Daß jeder Seufzer, jedes Wort und jeder Schrei erlosch in der wogenden Glockenfülle, das milderte den erschreckenden Vorgang dieses großen Jagens nicht, das sich ohne Hifthörner, ohne gelitzte Jägergala und ohne französische Reimsprüche vollzog und dennoch mehr des menschlichen Herzblutes verschüttete, als draußen in der Schönheitsrunde des Hintersees an rauchendem Wildblut hineingeronnen war in den Frühlingsboden des deutschen Waldes. Weil alle Menschenklage versank im Glockenhall, im Rädergerassel und Viehgeplärr, verwandelte sich das Bild des gramvollen Zuges zu einem grausam durchschauerten Anblick, der schreiende Farben hatte und dennoch wirkte wie ein stummes, unbegreifliche Schattenspiel. Auf den Karren und Wagen hielten verstörte Menschen einander umschlungen, drehten immer die Gesichter nach rückwärts und deuteten mit zuckenden Armen; die im Stroh gebetteten Kranken machten sinnlose Handbewegungen und versuchten sich aufzurichten; Bleibende, die von den Exulierenden nicht lassen konnten, liefen zwischen den Viehtreibern und den von Staub überqualmten Tieren umher, umarmten unersättlich die Scheidenden, hingen mit einer Hand an die Wagenleitern geklammert und griffen mit der anderen unter unverständlichen Worten immer zu den Weibern und Kindern hinauf, die droben saßen auf den Brettern. Hinter dem Scharwagen des Zuges, dem letzten aller Karren, kam der vielhundertköpfige Schwarm der Rüstigen, der Männer, Weiber und Kinder, die nicht zu fahren brauchten, sondern den heimatlichen Boden verlassen konnten auf den eigenen Sohlen. Die Zahl der Wandernden hatte sich verdreifacht durch die für immer, oder nur bis zum Tage des nächsten Exulantenzuges Bleibenden, und sie hingen Arm in Arm an den Wanderleuten, um einem Vater, einer Mutter, einem Bruder, einer Schwester noch das Geleit zu geben für eine Strecke des bitteren Weges.
Hinter dem Zuge schritt Leupolt Raurisser als der Letzte. Er ging gebeugt, wie bedrückt von einer schweren Bürde. Vier schwarzweiße Bänder wehten von seinem Jägerhut, als Zeichen des Führers. An den Knauf seines langen Wandersteckens hatte ihm Frau Agnes ein rotes Aurikelsträußchen gebunden. Er hielt den Arm um die Mutter gelegt, die ohne Haube, mit zerrauftem Grauhaar neben ihm herschritt und das blasse, von schmutzigen Tränenstrichen überzogene Gesicht an seiner Schulter liegen hatte. Diesen zwei Letzten folgte noch ein Gedränge von Kindern und Leuten, stumm, mit scheuen Augen, wie weltfremde Menschen in erschrockenem Staunen herlaufen hinter den Affen und Kamelen eines niegesehenen Gauklerzuges. Als dieser stille Schwarm unter dem schönen Glockendröhnen sich vorüberschob an der sekreten Mauer des frühlingsblühenden und doch verwelkten Freudengärtleins Seiner Liebden, straffte sich plötzlich der gebeugte Körper des jungen Jägers. Unter den Menschen, die neben dem Zuge dichtgepreßt an der Scheunenwand des Leuthauses standen, hatte Leupolt das mohnfarbene Kleid gesehen.
»Bub?« fragte Frau Agnes und sah zu ihm hinauf.
»Nichts, Mutter! Komm!« Er legte den Arm noch fester um die Zitternde. Bei ruhigem Weiterschreiten drehte er das ernste Gesicht und blickte über den grauen Scheitel der Mutter hinüber zu dem rotleuchtenden Farbenfleck an der Scheunenwand. Ein wehes Zucken irrte um seinen Mund. Kein Laut. Nur sein Herz und seine heißen Augen hatten gesprochen: »Du da drüben. Dich soll der Herrgott schützen und hüten! Mein Glück ist tot, nur meine Pflicht lebendig.«
Die Glocken dröhnten. Ihr Hall umschleierte den Lärm des Zuges, jeden klagenden Menschenruf und jeden Schrei der getriebenen Tiere. Nur dieses ungesprochene Wort erstickten die stimmgewaltigen Glocken nicht. Wie klingendes Feuer war es aus trauernden Augen in eine zu Tod erschrockene Mädchenseele gefallen.
Das Staubgewölk des Zuges qualmte weiter und weiter gegen die Reichenhaller Straße hinaus. Die Menschen, die zu beiden Seiten des Weges gestanden, begannen sich zu verlaufen. Die Glocken verstummten. Und noch immer stand Luisa an der Balkenwand, unbeweglich, rot, wie im Blut ihres Leidens angenagelt an die Mauer. Von den Bleibenden, die den Exulanten das Geleit gegeben, kamen schon viele zurück, die einen blaß und stumm, andere unter aufgeregtem Schwatzen, wieder andere mit den Händen vor den Augen. Immer dünner wurde die Reihe der Heimkehrenden. Jetzt kam eine einsame Frau mit grauem Scheitel. Sie ging so still und ruhig, als hätte der Jammer der verwichenen Glockenstunde keine Gewalt über sie gewonnen. Nur ihre Hände taten etwas Widersinniges. Wie Fieberkranke seltsam mit irgend einem Dinge spielen, so zog Frau Agnes den Saum ihrer Schürze durch die zitternden Finger, hin und her, wie eine müde Näherin einen langen Faden zieht. Nun blieb sie stehen, nicht erschrocken und nicht erfreut. Hatte sie geträumt? Oder hatte sie dieses leise Wort, das der letzte Laut ihres Sohnes gewesen war und noch immer nachklang in ihrem bedrückten Herzen, wirklich vernommen?
»Mutter?«
Sie wandte das Gesicht gegen die Scheune hin, ihre gütigen Augen wurden streng, und während die Tränen langsam über ihre Mundwinkel kollerten, betrachtete sie das unbewegliche Mädchen und sagte ruhig: »Mutter? So soll jedes ärmste, gottverlassene Elendskindl sagen dürfen zu mir. Du nit!« Der Kopf sank ihr auf die Brust, und so ging sie davon, immer tiefer gebeugt, den Saum der Schürze durch ihre Finger ziehend.
Leute, die an der Scheune vorübergingen, verhielten sich und sprachen zu Luisa, barmherzig und erschrocken. Sie hörte keinen Laut, sah keinen Menschen. Ihr klagender Blick irrte umher, mit einem Ausdruck des Entsetzens, als wären alle Bilder und Dinge der Welt etwas Fremdes, etwas Unbegreifliches und Quälendes für sie geworden. Lautlos betend klammerte sie vor der Brust die Hände in einander, fing zu schreiten an und fand nach einem verstörten Hin und Her den Weg zum Haus ihres Vaters. Immer rascher wurden ihre Schritte. Als sie zu den Bretterplanken des Gartens kam, begann sie zu laufen, begann in unverständlichen Worten zu lallen, rannte sinnlos dem Haus entgegen, streckte die Hände und schrie mit erwürgter Stimme immer wieder die zwei gleichen Worte: »Vater, Sus! – Vater, Sus!« Kein Laut im Haus. Sie lief in die Küche. »Vater! Vater!« Sie jagte zurück, stieß die Tür der Werkstätte vor sich auf, sah das von Sonne umglänzte Holzbild der ‚heiligen Menschheit‘ und schrie mit der schrillen Stimme eines zu Tod geängsteten Kindes: »Sus? Barmherzige Sus? Wo bist du?« Keuchend hetzte sie über die Treppe hinauf, rüttelte an der unverschlossenen Tür der Wohnstube, ohne sie öffnen zu können – »Vater! Vater! Vater!« – sprang in ihre Kammer, riß das ziegelfarbene Hauskleid von sich herunter und kleidete sich in Hast, als wäre ein hoher Feiertag erschienen und sie müßte zur Kirche gehen. Unter heißem Schluchzen, das sich anhörte wie ein glückseliges, nur etwas unbehilfliches Lachen, warf sie sich auf den Boden hin, schlug an ihrem kleinen Klosterkoffer den Deckel auf und nahm das brennende, von Tränen überströmte Gesicht zwischen die Hände, um aus ihrem verstörten Kopf herauszugrübeln: was man braucht auf einem weiten, weiten, viele Wochen währenden Wanderweg?
Nur nach dem Allernötigsten griff sie: nach dem wächsernen Jesuskind und nach der goldglitzernden Madonna. Voll Inbrunst küßte sie jedes der zwei heiligen Bildwerke, bevor sie es achtsam einwickelte in linde, verläßliche Wolle. Dazu die kleinen Leuchter, das silberne Ämpelchen und die künstlichen Blumen, sieben Heiligenbilder und die Silhouetten des Vaters und der Mutter, die über dem Bett gehangen, und die der Vater mit seiner linken Hand geschnitten hatte, bevor sein Kind zu ihm heimkehrte aus dem Kloster. Nach der Hetze dieser Arbeit sprang sie zum Fenster und lauschte gegen die Reichenhaller Straße. Der Lärm des Exulantenzuges klang nur noch wie mattes Summen aus weiter Ferne.