»Hilf mir, hilf mir, heilige Gottesmutter, oder ich komm zu spät!«

Mit dem Einpacken des Weihbrunnkesselchens ging es so flink, daß sie es vorher zu leeren vergaß. Der Klosterkoffer war nicht wasserdicht, unten tröpfelte es merklich heraus. Dafür hatte Luisa keine Augen, weil sie besonders sorgfältig die Weihwasserflasche, die sie nach der schrecklichen Warnung der Gottsaugenuhr aus der Kirche heimgebracht hatte, mit zwei Paar Strümpfen überziehen mußte. Da lag nun alles, was ihr heilig, kostbar und unentbehrlich war, wohlgeborgen in ihrem Koffer. Und jetzt dazu, was noch Platz hatte an Kleidern, Wäsche, Schuhen und täglich nötigen Dingen. Dann sprang sie wieder zum Fenster hin und lauschte hinaus in die milde Sonne. Außer dem Lärm der Nähe war kein Laut mehr zu hören. Auf der Reichenhaller Straße alles still! Totenstill! In Schreck, in neuer Verzweiflung flog sie zur Tür und schrie, daß es hallte in der Stille des Hauses: »Vater! Vater!« Keine Antwort kam. Sie jagte über die Treppe hinunter. Und wieder in die Werkstätte. »Vater!« Hinaus in den Garten. »Vater! Vater!« Da kam ihr die Besinnung: der Vater ist gegangen, um zu bekennen, um sich einzuschreiben in die Liste der Evangelischen. Diesen Gedanken empfand sie wie ein tröstendes Glück. Und morgen wird der Vater nachkommen, vielleicht noch heute. Und wer, wie ihr Vater, so mild und menschlich über alle Dinge des Lebens urteilt, wird es verstehen, daß man den Leupi keine Nacht mit so sterbenstraurigen Augen erleben lassen darf.

Diese Wahrheit gab ihr Tapferkeit und Ruhe in das irrsinnig hämmernde Herz. Die Ruhe währte aber nicht länger, als bis Luisa droben war in ihrer weißen Kammer. Sie selber wußte nicht, wie es kam. Es war, als hätte an der weißen Mauer, nur sichtbar für ihre fromme Seele, eine warnende Schrift zu brennen begonnen. Das Gesicht mit den Händen verhüllend, fiel sie auf den Boden hin, geschüttelt von einem Schluchzen, das ihr junges Leben zu zerreißen drohte. Und da streckte sie schon die Hände, um alles für die weite, schöne Wanderung Gepackte wieder herauszuzerren aus der tröpfelnden Klostertruhe. Plötzlich waren ihre Finger unbeweglich. Ihre Tränen versiegten. Ein frohes, glückliches Leuchten war in ihren Augen. »Lang muß man harren auf Erlösung! Einmal kommt sie.«

Vor Luisas Abreise aus dem Kloster hatte die gütige, kluge, fürsorgliche Frau Oberin auf der Innenseite des Kofferdeckels ein geweihtes, von jungfräulichen Rosen umwundenes Schutzengelbild festgekleistert und sogar noch mit goldfarbenem Lack überstrichen, damit es nur ja nicht mehr herunterfallen könnte und für den frommen Klostervogel ein verläßlicher Wegweis bliebe in allen Gefahren der bösen Welt. Mit einer langen Stange, die unten eine Lanze und oben eine Fahne war, durchstach der geharnischte und geflügelte Schutzengel die Herzgegend einer drachenförmigen Schlange. Und die Fahne trug in gotischen Lettern den wunderwirkenden Spruch:

»Wo auch der bös Feind Uibles sinnt,

Dein Engel wird ihn gstillen.

Was frumb dein truies Herz beginnt,

Ist allweil sHimmels Willen.

Seel, laß dein Glück nit zagen,

Gott wirz auf Händen tragen,