Hab rechten Mut
Und sEnd ist gut!«
Wie kann doch ein Schutzengel, wenn's nur der richtige ist, vieltausendmal hilfreicher und klüger sein, als eine Nürnberger Gottsaugenuhr! Und wie die liebe herzensgute Frau Oberin sich freuen würde, wenn sie wüßte: daß ihre treue Fürsorge ein junges Menschenglück gerettet hatte, das schon zerbrechen wollte zum siebenten und letzten mal! Heiß beseligt, in dankbarer Freude, küßte Luisa das erlösende Bild. Dann flink den Deckel zu und den Schlüssel abgezogen. Den spanischen Hut mit dem weißen Federtuff übers braunblonde Haar, den grünen Radmantel um die Schultern! Und während die schmalgewordenen Mädchenwangen glühten wie am Johannistag die Rosen im Garten, lernte der kleine Klosterkoffer kennen, was eine Schlittenfahrt ohne Schnee bedeutet. Mit schrillendem Rutsch ging's über die Schwelle der jungfräulichen Kammer hinaus, durch den Oberstock, über die Treppe hinunter, und überall auf der hurtigen Glücksreise ließ der pfeifende Wanderschlitten eine feuchte Tröpfelfährte hinter sich zurück.
»Vater! Vater! Vater!«
Flink hinein in die Werkstätte. Mit einem Rötelstift, der zum Handwerkszeug des Meisters gehörte, schrieb Luisa auf die weißgescheuerte Spinnbank: »Lieber Vater! Ich bins derweilen vorausgewandert, weils den Leupi seine traurichen Augen nich därf warten laß übernacht. Gelt du kommest bald. In Glück und Freiden dein erlösenes Kint.« Schöner und fehlerfreier, als es auf der Bank geschrieben stand, klang das in Luisas brennendem Herzen. Sie hatte bei der klugen, fürsorglichen Frau Oberin besser beten als schreiben gelernt.
Eine Vaterunserlänge später bekamen viele Berchtesgadener eine atemlose und einsame Exulantin zu sehen, deren Anblick niemand zu Gram und Zorn bewegte, niemand erschütterte zu Tränen. Wie das junge, bildhübsche Mädel im grünen wehenden Radmantel, mit erhitztem Gesicht und strahlenden Glücksaugen ihren kleinen, träufelnden Koffer auf einem großen Schubkarren in sehnsüchtiger Ungeduld über die Reichenhaller Straße hinausradelte, das war mehr als ein liebliches, war ein ergreifendes Bild. Dennoch erschien es den Leuten so komisch, daß sie zuerst verwundert gucken, dann heiter schmunzeln und schließlich ohne jedes Zartgefühl darüber lachen mußten. Während in einem erlösten und beglückten Erdenkind von allen schönen Träumen des Lebens der allerschönste zur Wahrheit wurde, kamen törichte Menschen zu der völlig unzutreffenden Vermutung: diese verspätete und drum so eilfertige, immer betende, weinende und lachende Emigrantin hätte einen reichlichen Schoppen über den für ein Mädchen zulässigen Durst getrunken.
Wenn es so schwer fällt, das Natürlichste des Natürlichen klar zu erkennen? Wie darf man sich wundern darüber, daß dem Menschengeist zuweilen auch bei den Klarstellungen des Übernatürlichen ein wesentlicher Irrtum widerfährt?
[Kapitel XXXII]
Nach allem Seelensturm des verflossenen Morgens lag die Sonnenstille des Mittags über dem leeren Haus des Meisters. Die heimgekehrten Schwalben umflogen den First, bauten an ihren Nestern oder saßen rastend auf den geschnitzten Holzzieraten des Giebels.