»Das Kind ist fort.«
»Also!« Lächelnd sah Herr Ludwig hinauf in das reine Blau. »Der Ewige arbeitet doch verläßlicher, als ein Nürnberger Spielwerk.«
»Mensch? Wahrhaftig? Daß mein Kind dem Leupi nachspringen muß? Das hast du erwartet?«
»Drum hab ich mich doch bei dir für heut zum Essen geladen. Daß du dein Süppl nit allein verschlucken mußt. Und komm! Wir müssen das gleich der Mutter Agnes bringen. Die verzweifelt schier.« Sie wandten sich gegen das Stiftstor. »Guck, Nicki! Eine Parabel der Zeit!« Der Pfarrer deutete auf die Fülle des Unrates, der das Pflaster bedeckte. »Das bleibt der Regierung vom heutigen Tag. Sie wird nit lernen davon. Statt den nutzbaren Mist für einen Acker zusammenzukehren, wird sie ihn vornehm liegen lassen, bis ihn der nächste Regen verwässert. Staatskunst, Nicki, Staatskunst!«
Als Mutter Agnes die Botschaft vom Glück ihres Sohnes hörte, tat sie einen Schrei, fiel auf die Mauerbank und wurde von einem so heftigen Zittern der Beine befallen, daß die Absätze ihrer Schuhe auf dem Fußboden ein flinkes Getrommel erhoben. Meister Raurisser, der vom Bräuhaus heimkam und seine Frau so finden mußte, fragte in Sorge: »Mutter, was hast du denn?«
»Freud – Freud – Freud –« Sonst brachte sie unter dem Sturz ihrer frohen Tränen kein Wort heraus.
Pfarrer Ludwig, als er mit Meister Nick aus der Stube ging, deutete auf eine ungefährlich gewordene Sache an der weißen Mauer. Und draußen auf der Straße sagte er: »Der Dillinger Landschaden, der Grusdorf, die überflüssigen Buchstaben, der Muckenfüßl und die Gottesaugenuhr mit ihrem boshaften Teufel! Alles im Kehrichtfaß der Vergangenheit! Nick, es geht halt doch ein bißl aufwärts mit der Menschheit. Deswegen muß sie nit grad eine heilige sein.« Sie kamen zur Pfarrpfründe, und Herr Ludwig klinkte an der Haustür, die er verschlossen fand. »Die Schwester ist schon voraus zu dir.« Um den Weg zu kürzen, gingen sie hinter den Häusern am gestutzten Hofgarten vorüber, dessen lächerlich beschnittene Bäume unter Frühlingshilfe den Versuch begannen, aus der Pariserei heranzuwachsen und sich wieder auszustrecken zu natürlicher Form.
Beim Plankentor des Meisters blieben die beiden stehen und lauschten. Im Haus eine schreiende Stimme. »Meine Schwester!« stammelte der Pfarrer. Sie sprangen in den Flur, sahen die Tür der Werkstatt offen und fanden neben der schreienden Schwester Franziska die Sus, wie tot, von Blut umronnen, die Arme noch immer um die Statue geklammert. Der Meister taumelte. Und Pfarrer Ludwig brüllte der Schwester ins Ohr: »Zum Lewitter! Lauf, was du laufen kannst!« Nur mühsam gelang es den beiden Männern, die schwere Statue vom Körper der Ohnmächtigen emporzuheben. »Ach, Mädel, du gutes!« schrie der Meister, hob die regungslose, von Blut überströmte Sus auf seine Arme und trug sie über die Treppe hinauf. Ohne zu denken, nur weil es von den Türen die nächste war, trug er die Blutende in Luisas Kammer und rannte um Essig, um alles, was beleben konnte. Nichts wollte helfen. Die geschlossenen Augen taten sich nicht auf, kein Herzschlag war an der Sus zu spüren, kein Atemhauch vor den blassen Lippen, an denen ein leises, unveränderliches Lächeln zu erkennen war. Nur das Blut sickerte noch immer aus den Wunden, die das scharfkantige Holz in ihren Körper geschnitten hatte.
Schwester Franziska und Lewitter mit seiner Tasche traten in die Kammer.
»Komm, Nicki!« Pfarrer Ludwig legte den Arm um den Hals des Meisters. »Wir zwei sind überflüssig.« Sie gingen hinüber in die Wohnstube. Der Pfarrer stand am Fenster. Stumm und unbeweglich saß Niklaus am Tisch; nur seine Augen bewegten sich, wenn durch die Krippenwand ein matter Laut aus der Kammer klang, oder wenn auf der Stiege draußen die hastigen Täppelschritte der Schwester Franziska zu hören waren. Und plötzlich warf er das Gesicht auf die Tischplatte hin.