Der Pfarrer trat zu ihm und rüttelte ihn an der Schulter. »Nicki! Bleib der Mensch, der du bist! Tu dich nit so verbohren in den Schreck! Tu reden, Nicki!«
Meister Niklaus hob das blasse Gesicht. »Einsam werden ist das Grauenhafteste des Lebens. Mein Weib versunken, mein Kind ins Kloster gesteckt – um Gottes willen!« Er hob die hölzerne Hand und betrachtete sie. »Daß ich es überleben hab können? Ich glaub, am Leben hat mich nur die Hoffnung gehalten, daß ich doch wieder schaffen könnt – einmal.« Wieder streckte er die künstliche Hand vor sich hin. »Das ist das Leichtere gewesen.« Er nahm den Kopf zwischen die Fäuste, und seine Stimme wurde tonlos. »Das andere hat erst angefangen, wie ich gemeint hab, ich wär schon wieder ein ruhiger Mensch. Fünf Jahr lang hab ich nimmer gewußt, daß ich an Leib und Blut noch allweil ein Mannsbild bin. Und gählings – wie ein schweres Leiden, das kommt, man weiß nit wie – hat's angefangen: die Ruhlosigkeit in den Nächten, am Tag das Nachschauen hinter den Weibsleuten, das Händzittern, wenn mir ein junges Geschöpf in die Näh gekommen ist. Nur Eine, die allweil bei mir war, hab ich nie drum angesehen. Sie ist mir immer das kleine Mädel gewesen, als das sie zu uns ins Haus gekommen ist. Und ist schon über die achtzehn Jahr gewesen. Im Frühling einmal, da hat sie sich im Garten einen Dorn in den Finger gestoßen und ist gekommen: ich sollt ihr helfen. Und wie ich sie bei der Hand hab und frag: Tut's weh? – und sie schüttelt den Kopf, da hab ich spüren müssen, wie sie zittert. Ich schau sie verwundert an. Und gählings merk ich, wie schmuck sie geworden ist. Mir ist der Teufel ins hungrige Blut gefahren –«
»Was für einer?« fragte der Pfarrer. »Der von der Gottsaugenuhr?«
Niklaus, ohne zu hören, redete vor sich hin: »Ich bin erschrocken über mich. Und hab sie fortgeschoben. Und da brennt ihr Gesicht wie Kohlenglut. Sie schaut mich an mit ihren treuen, barmherzigen Tieraugen und sagt: ‚Was liegt an mir? Der Meister muß Ruh haben‘.«
Zwei leise Worte: »Heilige Menschheit!«
Der andere schwieg. Nach einer Weile sagte er in Qual: »Sie hat sich um meinetwegen zerschlagen mit Vater, Mutter und Geschwistern, hat ihr junges Leben hingelegt vor meine Füß und hat gegeben, wie man ein Kräutl gibt, das heilsam ist für Not und Trauer eines Menschen. Kann sein, es ist ein Unrecht gewesen, daß ich genommen hab. Hungert einer, so stiehlt er beim Bäcken. Nie hab ich sie lieb gehabt. Ich bin ihr nur gut gewesen, nur dankbar.« Er preßte die Zähne übereinander. »Wie mein Kind wieder im Haus gewesen ist, hab ich einen Riegel fürgeschoben und hab die Sus nimmer angerührt. Allweil ist ihre treue Sorg um mich die gleiche geblieben. Jedes andre – kann sein, ich selber – hätt heut in der Werkstatt fallen lassen, was ich in Müh geschaffen hab. Die Sus hat helfen müssen. Wie's zugegangen ist, das weiß ich nit. Ich weiß nur, die Sus ist so. Sie muß dran sterben. Ich leb.« Langsam hob er das Gesicht. »Pfarrer! Tät man einen verblutenden Leib noch anbinden können an einen Lebendigen, so müßt ich bitten: du sollst mich trauen mit der Sus!« Er wandte die Augen zur Krippenwand. »Jetzt hab ich sie lieb.«
Schweigend trat der Pfarrer auf ihn zu und strich ihm mit der Hand übers Haar. Dem Meister fuhr das Gesicht herum, weil er draußen einen Schritt vernahm. Simeon Lewitter trat in die Stube. Und Niklaus, vom Sessel aufzuckend, keuchte: »Ist Hilf?« Ohne die Antwort abzuwarten, sprang er auf die Türe zu. Simmi breitete wehrend die Arme auseinander: »Nit! Tu bleiben!« Er führte den Zitternden wieder zum Sessel und sprach zu ihm in seiner sanften, halblauten Art. Der Pfarrer, schweigend, ging zur Holzverschalung der Mauer und drückte auf den versteckten Knopf. Lautlos öffneten sich die beiden Flügeltüren der Krippe. Die sonnige Fensterhelle leuchtete hinein in die Nische, machte alle Farben der hundert Figürchen flimmern, umglänzte die drei Gestalten unter dem Kreuze, gab dem Frühlingsbild der zierlichen Landschaft einen warmen Schein – und ohne daß die kleinen Lampen brannten, glitzerten die winzigen, aus Glassplittern gebildeten Fenster an Kirche und Hütten, als wär's um die Morgenstunde, die einen strahlenden Tag verspricht.
»Komm, Nicki! Oder wär's nit so in dir, daß du beten mußt?«
Nun standen die drei Männer wortlos vor der Nische, jeder mit dem Arm um den Hals des anderen. Dieses Schweigen war das verbrüderte Gebet ihres duldsamen Glaubens, war das ungesungene Lied ihres gemeinsamen Harrens auf einen Menschenmorgen, der kommen mußte – nach Jahrhunderten, meinte der eine; nach Jahrzehnten, glaubte der andere; bald, so hoffte der dritte.
Auf den Kirchtürmen schlugen die Glocken mit schwebendem Hall die erste Mittagsstunde.