Das war die gleiche Stunde, in der die siebenhundert vom großen Jagen aus dem Land Gepeitschten ihr letztes Gebet auf heimatlichem Boden zum Himmel sangen.

Sie hatten die steigende Wegstrecke vor dem Hallturm erreicht. Alle Gesichter der Wandernden waren der Ferne zugerichtet, der sie entgegenschritten. Nur die Augen der Kranken, die, mit den Köpfen gegen die Zugtiere, gebettet lagen im Wagenstroh, waren rückwärts gerichtet nach dem Lande, das sie verließen. Und plötzlich, während die lange Karrenzeile schwerfällig hinaufkletterte über die Steigung, hob der hundertjährige Jakob Aschauer die dürren, gichtisch verkrümmten Hände aus den Strohhalmen, tat einen klagenden Schrei und griff mit zuckenden Fingern gegen die blaue Heimat, die schon versunken war hinter Hügeln und Gehölzen und noch ein letztesmal heraufstieg mit gewellten Frühlingswiesen, mit blitzenden Gewässern, mit sammetgrünen Fichtengehängen, mit sonnbeglänzten Dächern und Mauern, mit den erwachenden Almen und den kettengleich ins Endlose geschichteten Silberkanten der noch von Schnee umschütteten Zinnen. Und alles hineingewoben ins reine Blau, alles umschmeichelt von warmer Sonne, alles umgossen vom schönen Frieden der lautlosen Ferne. Wieder ein Klagelaut, so schrill wie ein Falkenschrei. Und die mühsame Stimme des Hundertjährigen: »Leut! Ihr Leut! Ach luget sell naus! Das Ländl! Das liebe Ländl! Das Paradeis, aus dem sie uns alle verjagen!«

Das faßte einen um den andern; alle Gesichter wandten sich; hundert Stimmen rannen zusammen; der Zug der Wagen staute sich; die Viehtreiber ließen die Stricke der Tiere fallen, um die Fäuste vor die Augen zu pressen; viele Kinder fingen zu weinen an und klammerten sich an die Röcke, an die Hälse der Mütter; Männer und Buben umschlangen sich mit den Armen, und die siebenhundertfache Trauer und Liebe floß ineinander zu einem einzigen, machtvollen Seelenschrei, der ähnlich war dem Brausen eines stürzenden Wildbachs. Die Arme breiteten sie aneinander wie Gekreuzigte, sie schrien verzückte Laute in das Hallgewoge dieses hundertfältigen Schmerzes und griffen nach der Erde, die sie verlassen mußten für immer. Kein Fluch und keine Verwünschung war zu hören. Nur Segensworte, nur Laute der inbrünstigen Treue. Und Leupolt Raurisser, um dessen Schultern die schwarzweißen Bänder des Führers flatterten, hob neben dem Wagen des Hundertjährigen die Hände gegen das Blau. Sein Gesicht war entstellt. Aus seinen Augen, die trocken geblieben waren in der härtesten seiner Qualen, stürzten die Tränen, während er mit klingender Stimme den Psalm begann:

»Aus tiefer Not schrei ich zu dir,

Herr Gott, erhör mein Rufen –«

Die Siebenhundert fielen ein, auf den Wagenbrettern und im Staub der Straße lagen sie auf den Knien, und ihr betendes Lied, ihr letztes auf dem Boden der Heimat, schwamm in den Lüften wie das Feiertagsgeläut einer schönen, heiligen Glocke.

Als sie zu tönen anfing, kamen aus einem Seitentälchen zwei alte Leute, ein kleines Weibl mit kurzem Rock und ein langes, geselchtes Mannsbild mit weißem Schnauzer. Vor einem schwerbeladenen Karren, an den drei Ziegen und ein Geißbock angebunden waren, hingen die beiden in den Zugriemen. Beim Hall des Liedes blieben sie stehen und guckten, das Weib in Rührung, der Lange auf eine verdutzte Art, als wäre ihm etwas unverständlich an den Klängen, die ihm entgegenrauschten. Er riß die Augen auf und atmete schwül. In seinem braunen Gesicht erwachte etwas, wie der Spiegelschein eines erschrockenen Gedankens. Immer härter schnaufend, sah er sein Weibl an. »Du! Schneckin!«

»Was?«

»Wir zwei gehören da nit dazu. Die Leut da müssen einen Glauben haben als wie ein Baum. Der unser ist bloß ein Stäudl, geht hin und her und wackelt bei jedem Wind. Wir zwei, verstehst, wir zwei gehören sell hin, wo der Bockmist düftelt.« Er hatte den Karren schon gewendet. Die Schneckin begann zu weinen und der Hiesel knurrte: »Kreuzhöllementsverteufelter Himmelhund, verstehst du denn nit, du Schneehas ohne Löffel! Das ist doch kein Fürwurf.« Immer bitterlicher weinte das Schneckenweibl. Da wurde der grobe Hiesel barmherzig und legte den Arm um den kleinen, kurzröckigen Stöpsel. »Schau, was Guts hat unsere Narrenschopferei halt doch gehabt. Verstehst?« Das Weib schüttelte kummervoll den grauen Kopf, und tröstend sagte der Hiesel: »So sauber, wie jetzt, ist unser Geißstallerl seit dreißig Jährlen noch nie gewesen.« Die schwimmenden Augen der Schneckin wurden heller. So viel Anerkennung hatte sie in ihrem ganzen Leben noch nie geerntet. Mit dankbarem Lächeln sah sie am Hiesel hinauf und flüsterte wie ein schämiges Mädel: »Vergeltsgott, Schneck!« Der quieksende Karren mit den Meckerziegen verschwand hinter den Stauden, während auf der Straße die fromme Glaubensglocke der Siebenhundert immer machtvoller und inbrünstiger tönte:

»Ob bei uns ist der Sünden viel,