Als das Lied zu Ende war, griff der Fürsager in ein Faß, das an der Mauer stand, schöpfte mit der Hand von dem roten Viehsalz und hob es den Schweigenden hin. »Zum Zeichen, daß wir alle eines Herzens und Glaubens sind.« Eines ums andere tauchte den an der Zunge benetzten Finger in das Salz und nahm die bitteren Körner zwischen die Lippen. »Bleibet beständig und befehlt euer Leidwesen dem gütigen Heiland! Geht heim und seid mit der Zeit zufrieden, wie sie ist. Es wird noch ärger kommen.« Wer das Salz gekostet hatte, verließ den Stall. Eine von den Kühen brüllte der frischen Luft entgegen, die hereinwehte durch die offene Tür.
Als Leupolt vom Waldsaum über das weiße Gehäng hinuntersprang zur Straße, trug er wieder das dunkle Jägerkleid und hatte die Feuersteinflinte unter dem gespreizten Radmäntelchen. Hastig schritt er neben der rauschenden Ache hin, deren Wasser heraussprudelte aus dem gefrorenen Königssee.
Das beschneite Eis der Seefläche war von Sprüngen durchzogen, und immer, wenn eine von diesen Frageln weitersprang, war ein schwebender Ton zu hören, als hätte man an eine große Glocke geschlagen.
Aus dem Dunkel einer Schiffhütte holte Leupolt den Beinschlitten heraus, stellte sich auf das Brett und begann mit dem langen Stachelstock den Schlitten zu treiben. Eine sausende Fahrt, vorüber an der Insel Christlieger, dann in den Schatten der Falkensteiner Wand hinein. Hier hatte das Eis nur wenige Risse, und sie waren so schmal, daß der sausende Schlitten drüber wegsprang wie über eine ungefährliche Schnur. Nun aus dem Schatten wieder hinaus in das funkelnde Mondlicht, hinein in den ruhelos klingenden Weitsee. Und da wurde die Fahrt immer langsamer. Jetzt stand der Schlitten, und die schlanke Gestalt des Jägers blieb unbeweglich.
Was da schimmernd vor seinen Augen lag, das hatte er schon hundertmal gesehen, aber noch nie so zauberschön wie in dieser klaren Mondnacht. Oder steigerte ihm das eigene Denken und Gefühl den Schönheitstraum der Erde ins Überirdische? Während der Fahrt, bei der die scharfe Zugluft seine Wangen wie mit spitzen Nadeln gestochen hatte, waren ihm in Sinn und Seele zwei Gedanken gewesen, von denen der eine den anderen peitschte: der Gedanke an das Sichtbarwerden der Unsichtbaren, an das mutige Bekennen des verschleierten Glaubens – und der Gedanke an ein strengschönes, dunkeläugiges Mädchengesicht, um dessen Stirn wie ein schweres Seilgeflecht die braunblonden Zöpfe lagen. Daß er ein Unsichtbarer war, das wußte sie. Von ihrem Vater? Nein. Der Meister Niklaus schwatzte nicht. Da muß es ihr wohl die Sus gesagt haben, die im vergangenen Winter manchmal mit dem Meister im Schneekleid die heilige Fürsagung besucht hatte. Jetzt kam sie nimmer. Weil auch der Meister nimmer kam, seit Luisa wieder im Haus war. Gleich am ersten Tag nach ihrer Heimkehr aus dem Kloster hatte Leupolt sie gesehen, in der Marktgasse, und hatte immer an diese Augen denken müssen, die nicht Mensch, nicht Mauer zu gewahren schienen, nur immer so heilig ins Leere glänzten. Noch siebenmal war er an ihr vorübergegangen. Von jeder Begegnung wußte er den Tag, die Stunde, und ob Sonnschein oder trüb Wetter gewesen. Am Dreikönigstag, als sie mit der Sus von der Kirche kam, hatte er das Hütl gezogen und hatte ihr's grad in die Augen gesagt: »Du tust mir gefallen, ich bin dir gut, tätest du zürnen –« Er hatte sagen wollen: Wenn ich werben möcht bei deinem Vater? Das hatte sie ihn nimmer zu Ende reden lassen. Ihr Zornblick war ihm ins Herz gegangen wie ein Messerstoß.
Ihr Zorn? Warum dieser Zorn? »Hab ich's mit dem ersten redlichen Wörtl unschickig angestellt?« Oder hat sie – die jeden Morgen zur Messe und oft zu ihrem Beichtiger ging – schon damals gewußt, daß er ein Bruder der Unsichtbaren war? Er herüben und sie da drüben, und zwischen ihm und ihr ein Wasser ohne Steg! Eine, die meint, sie tät dem Himmel gehören, wird nicht die liebe Hand nach einem strecken, von dem sie glauben muß, er wär' verloren auf ewig. Mit harten Fäusten hatte er sein Herz gepackt, hatte sich gezwungen, dieses Hoffnungslose in seinem Blut zu ersticken. Und da war der Abend gekommen, an dem es der Vater heimbrachte vom Pflegeramt: »Heut kommt der Muckenfüßl über den Meister Niklaus; Gott soll's verhüten, daß der Meister verbotene Schriften im Haus hat.« Weder die Mutter, noch der Vater hatte dem Leupolt was angemerkt. Und aus der Kammer zum Fenster hinaus! Barmherziger Herrgott, was für eine irrsinnige Sorgennacht war das gewesen, bis ihm der Pfarrer die Angst vom Herzen herunternahm! Und immer, während der ganzen sausenden Fahrt über die schwarzen Frageln, die wie Glocken läuteten, immer hatte er Luisas Stimme gehört, hatte immer wieder das Wort vernommen, das sie im Schneegewirbel zu ihm gesprochen: »Du bist das Licht nit wert, es hilft dir lügen und macht dich anders, als du bist!« Das hatte er nicht verstanden. Weil ihm die Ruhe fehlte, um zu hören? Weil ihm die Angst um sie und ihren Vater die Sinne verstörte? Oder weil er empfunden hatte, wie fern sie von ihm war? Auch noch an seiner Brust? An der Brust des Unsichtbaren? Und wenn er sichtbar wird, und Schimpf und Verfolgung, Buß und Schergen kommen über ihn? Dann wird das Wasser zwischen ihm und ihr so tief sein, wie der Königssee. Ob's nicht am besten wär', hinunterzusausen durch eine von den Frageln, aus denen das schwarze Wasser herausquoll über den weißen Schnee? Das war gedacht und schon verworfen als eine feige Sünde. »Wer Gottes ist, muß leben und tragen, muß ein fester Stecken sein für die Schwächeren! Es zählen die anderen, Mensch, nit du!« Und da war ihm, als er herausglitt aus dem Schatten, diese silberfunkelnde, klingende Erdenschönheit in die Seele gesprungen.
Er stieg vom Schlitten, stemmte schräg den Stachelstock vor sich hin und staunte stumm hinein in das flimmerweiße, läutende Mondnachtwunder. Der weite Bogen der hohen Berge war durchwürfelt von Schimmerlicht und tiefen Schatten. Fern, am Fuß der gleißenden Wände, lagen drei schwarze Punkte im Weiß, die beschattete Kirche, der Jägerkobel und das Herrenschlößl von St. Bartholomä. Dahinter stieg das leuchtende Märchen empor. Zwischen den schillernden Eiskaskaden der in Tropfsteinformen gefrorenen Sturzbäche lagen seltsam gezeichnete Schattengebilde, bald wie schwarze Riesentiere, bald wie finstere Männerköpfe und Frauengestalten. Droben in der höchsten Höhe mußte Föhnsturm wehen. Wie silberne Bänder, wie duftige Schleier, wie weiße Mäntel, gesäumt mit Regenbogenschimmer, flog der aufgewirbelte Staubschnee von den Bergspitzen gegen den leuchtenden Himmel hinauf, an dem die Sterne wie winzige Nadelspitzen glänzten und fast verschwanden neben dem Vollmond. Der war anzusehen wie ein rundes Funkelfenster, in dem ein Mann und ein Weib einander küßten mit unersättlicher Inbrunst. Ruhelos tönten und sangen dazu mit tiefen und hohen Glockenstimmen die vielen Frageln, die an hundert Stellen das vom schwellenden Seewasser emporgedrängte Eis entzweirissen – ein klingendes, dröhnendes Andachtsläuten der Natur, die ihren Schöpfer lobte. »Herrgott im Himmel, wie mächtig und groß bist du!« Diese Worte stammelnd, klammerte Leupolt die Fäuste ineinander. Er betete: »Herr, wenn ich dich nur hab, so frag ich nimmer nach Himmel und Welt. Auch wenn mir Leben und Seel verschmachten, bleibst du mein Heil und meines Herzens Trost!« So hatte in der letzten Neumondnacht auf dem Toten Mann ein Salzburger gebetet, der aus dem Brandenburgischen gekommen war und Botschaft brachte von den in Ostpreußen angesiedelten Exulanten. Und der Salzburger hatte erzählt: so hätte er den preußischen Königsprinzen Friedrich beten hören, der ihnen Hand und Hilf geboten wie ein Bruder den Brüdern.
Noch lange stand Leupolt unbeweglich im Schnee. Plötzlich quoll ihm ein heißer Laut aus der Kehle. War's ein erwürgtes Schluchzen, oder ein erstickter Schrei der Sehnsucht in seinem Blut? Nach einer Weile das leise Wort: »Ach, Mädel, wie hab ich dich lieb! Wo ich hinschau, überall bist du!«
Ihm war im Schnee und im knirschenden Winterfrost so schwül, daß er an der Brust seinen Jägerkittel aufreißen mußte. – –
– Und um die gleiche Stunde, in einer von zwei Kerzen erhellten weißen Stube, in deren Feuerloch die Kohlen noch glühten, fror ein Schlafloser, daß ihm beim Schreiben die Zähne schnatterten. Der Pfarrer Ludwig.