Er hatte den Mantel um Hals und Brust geschlungen, daß unter dem schwarzen Saum nur die Fingerspitzen mit der Kielfeder hervorguckten. Leib und Beine waren noch in eine wollene Decke gewickelt. Die Feder raschelte und spritzte ein bißchen, während sie in lateinischer Sprache ein Buchstäbchen ums andere hinmalte auf das gelbliche Papier. Was Pfarrer Ludwig in seinem Kirchenlatein vom Inhalt des hebräischen Briefes, der sich in Asche verwandelt hatte, für seine einsamen Stubenstunden festzuhalten versuchte, das hätte in deutscher Sprache gelautet:
»Alles Wissen und Geschehen muß dem Leben dienen, damit der Lebende des ihm möglichen Glückes teilhaftig wird. Als Anfang mußt du erkennen, Mensch, daß alles ein Einziges ist. Der Vater hat viele Kinder. Sie kommen und gehen. Er ist der Einzige, der immer gewesen ist und immer sein wird. Ob du Gott sagst oder Natur, Geist oder Körper, immer nennst du das Gleiche. Das Ewige ist in sich geschlossen und muß vollkommen sein. Da Gott nicht begehren kann, was er nicht schon hätte, kann er ein Werdendes nicht wollen um eines neuen Zweckes willen. Alles ewig Werdende ist ein ewig Gewesenes. Gott ist Bewegung und Ruhe, ewiges Wirken und ewige Zufriedenheit. Das fühlst du, Mensch, wie ein Tropfen fühlt, daß er ein Teil des Meeres ist. In jedem Körper ist Geist vom Geiste. Fühle dich als Gottes Kind, als Blutstropfen des Ewigen, als Körnchen im Berge von Gottes Größe. Weil du als Teil das Ganze nicht sehen kannst, drum siehst du immer ein Unzulängliches. Sei ein Suchender, und du näherst dich der ewigen Wahrheit! In jedem Ding ist Trieb nach der Heimat, in jedem Wesen ein Trieb zu Gott. Jeder Schritt, dem Vollkommenen entgegen, erhöht deine Kraft. Wende dich ab vom Zug des Ewigen, und Furcht und Reue werden dich erfüllen. Du bist nicht schuldig deiner selbst, nur schuldig deiner irrenden Straße. Vom Guten und Schlechten hast du ein ewiges Wissen in dir: die Sehnsucht und den Ekel. Gott leitet und warnt dich nicht, alle Stimmen deiner Wege sind in dir selbst. Schau in die eigene Seele und in das eigene Blut; je tiefer du schaust, so deutlicher sprechen die Weiser deines Weges. Jedes Rasten ist Verlieren. Der willig Schreitende ist ein Wachsender an Macht und Freude. Willst du zu Gott, so wirst du bei ihm sein. In seinen Armen bist du ein Freier, ferne von ihm ein Knecht ohne Hände.«
Pfarrer Ludwig legte die Feder fort, und während ihn immer wieder ein Frostschauer rüttelte, überlas er, was er geschrieben hatte. »Ob ich es richtig verstanden hab?« sprach er leise vor sich hin. Der Ernst seiner Augen begann sich aufzuhellen. »Man muß da halt auch wieder glauben!«
Mit einem wunderlich frohen Lächeln, das seinem Warzengesicht einen kindhaften Ausdruck gab, ließ er aus der dicken Platte seines Schreibtisches ein nur fingertiefes Lädchen herausspringen, verwahrte die beschriebenen Blätter und drückte das Geheimfach wieder zu.
Hurtig, immer ein bißchen mit den Zähnen schnatternd, wickelte er den Mantel von sich herunter und begann sich zu entkleiden. Als er schon barfüßig war und nur noch das Hemd und die Bundhose trug, fiel ihm der schöne, fast lebensgroße Crucifixus in die Augen, der, ein Jugendwerk des Meister Niklaus, an der weißen Mauer hing.
Sinnend blickte Pfarrer Ludwig zu dem von Dornen gekrönten, gütig lächelnden Antlitz empor. »Mir scheint, ich weiß ein bißl, was du jetzt denkst von mir!« Er höhlte die Hände um die Füße des Gekreuzigten. »Du Fröhlicher! Verzeih's deinem alten treuen Narrenschüppel, weil er um so sehnsüchtiger ein Mensch sein möcht, je näher ihm das kommt, daß er einer gewesen ist!« Zärtlich küßte er den eisernen Nagel, der durch die Füße des Erlösers getrieben war.
[Kapitel V]
Seit drei Tagen hatte bei klarem Himmel der Föhn über die Berge hingeblasen und hatte schon an sonnseitigen Gehängen den Schnee zusammengebissen zu einer dünnen Kruste. Gegen den vierten Morgen begann man den lauen Südwind auch im frostigen Tal zu fühlen.
Bei Tageserwachen, ein Freitag war's, beschlugen sich die Spitzen der Berge mit dem Goldglanz der kommenden Sonne. Dennoch hatte der Morgen keinen reinen Himmel. Von den Zahnspitzen des Wazmann strebten kleinzerstückelte Wolkenstreifen gegen Norden. Die waren anzusehen wie endlose Züge kleiner Weißgestalten, die von Süden emporstiegen und da droben hinwanderten über blaublühende Leinfelder.