Da fuhr die Sus erschrocken vom Schemel auf. »Sie kommt.« Hastig schob sie den Antritt gegen die Mauer und war schon zur Tür hinausgehuscht, bevor der Meister das Gesicht vom Fenster abwandte. Draußen im weißen Garten kam Luisa mit gesenkten Augen durch den Schnee gegangen, eingehüllt in einen dunkelgrünen Mantel. Als wäre sie die Bringerin einer helleren Zeit, so glitt bei ihrem Eintritt in die Werkstatt der erste Sonnenschein des Morgens durch die Fensterscheiben. Von der Frühkälte waren Luisas Wangen wie Pfirsiche vor der Reife. Über den Zöpfen trug sie ein mit weißem Federtuff bestecktes spanisches Hütl, das noch aus der Mädchenzeit ihrer Mutter stammte. Der dunkelgrüne, an den Schultern aufgepuffte Radmantel verhüllte strahlig die schlanke Gestalt. Vorne guckten zwischen den Mantelsäumen die Spitzen der Handschuhe heraus, die Perlen des Rosenkranzes und ein blaues Gebetbuch mit schöner Silberschließe. »Gelobt sei Jesus Christus und die heilige Mutter Marie!«
»Von nun an bis in Ewigkeit Amen!« Der Meister lächelte ein bißchen, nicht heiter. »Kind, du sagst den Ablaßgruß so oft, daß du aus dem Fegfeuer schon herauskommen mußt, noch eh' du drin bist.«
Ein Zucken ihrer Augenbrauen bewies, wie sehr sie die unfromme Rede mißbilligte. Schweigend nahm sie das Hütl ab und trat an die Seite des Vaters. Als sie sein Werk betrachtete, schien ihr Unmut sich noch zu steigern. »Du hast das noch allweil nit geändert? Daß ihr der Engl ein Rösl bringt. Das geht nit, Vater! Es müssen die unschuldigen Lilgen sein.«
Der Meister sagte geduldig: »Ich muß das wächserne Fürbild formen für das Holz. Aus dem spleißigen Holz ist ein Lilgenstengel nit herauszuschneiden, ohne daß er nit ausschaut, als wär's ein Besen. So eine Staud? Die tät mir doch jedes Verhältnis stören. Es ist ein Gesetz in aller Kunst –«
»Die Kunst muß sich bescheiden vor dem Heiligen. Irdische Rosen hätt die Gottesmutter bei der Verkündigung nit genommen.«
»So? Wer hat dir denn das gesagt? Dem kannst du ausrichten, er soll mich mein Holz schneiden lassen, wie ich glaub, daß es sein muß. Ich schwefel ihm auch nichts drein, wie er reden soll mit einem Beichtkind! So, wie mit dir? So nit! Aber ich red' ihm nichts drein.« Immer schärfer klang die Stimme des Meisters. »Obwohl ich als Vater verlangen könnt, daß mein Kind, wenn es heimkommt aus der Gottesnäh, für mich ein menschliches Wörtl findet und einen guten Blick. Von einem Lachen will ich schon nimmer reden. Das ist versunken in meinem Haus.«
Luisa schien nicht zu hören, was der Vater sprach. Während sie sein Werk betrachtete, fingen ihre Wangen in Zorn zu brennen an. Gleich einer Verzweifelten sah sie auf und stammelte: »Vater! Gott verzeih dir die Sünd, was hast du denn da getan?«
»Getan? Und Sünd? Ich weiß nit, was du meinst?«
Ihre Lippen zuckten, als wäre ihr das Weinen nahe. »Es muß so sein, daß die Höll mit ihren bösen Mächten durch unser gutgläubige Haus gegangen ist. Ich hab von mir die Versuchung fortgebetet, wie sie gegriffen hat nach meinem Arm. Du, Vater, bist dem sündhaften Geist erlegen. Er hat den Segen von deiner Hand genommen, so daß du dein frommes Werk entheiligt und verdorben hast.«
Erschrocken sah Niklaus in die fieberhaft glänzenden Augen seines Kindes. »Mädel, mein liebes? Bist du krank?«