»Vater? Siehst du es nit?« Mit der zitternden Hand, um deren Finger die Perlenschnur des Rosenkranzes gewickelt war, deutete Luisa auf das rote Wachsfigürchen der Maria. »Das ist die reine, züchtige Gottesmutter nimmer, die ich allweil an deinem Werk gesehen hab. Was heilig gewesen, hast du verwandelt in ein sündhaftes Weib. Tät es über den Marktplatz laufen, so wär gleich einer da, der sagen möcht: ‚Du tust mir gefallen!‘« Aus ihren Augen fielen die Tränen. »Du mußt das wieder auslöschen. Oder dein Bildwerk ist verdorben. Es ist nichts Gutes mehr an ihm, als nur das fromme Köpfl der heiligen Mutter. Alles andere ist schlecht.«

In Erregung griff der Meister nach dem Wachsmesser. Hätte er dem ersten Zorngedanken nachgegeben, so hätte er das leblos himmelnde Köpfchen der Marienfigur vom Halse geschnitten und gesagt: »Das ist das einzig Schlechte an meinem Werk. Alles andere ist gut.« Ein Blick in die angstvollen Augen seines Kindes machte ihn ruhiger. Er legte das Messer fort. »Komm, liebes Mädel! Du hast in der kalten Kirch gefroren. Wir wollen uns neben dem warmen Ofen auf das Bänkl setzen.«

Sie entzog sich seinen Händen. »Tust du mir versprechen, daß du die Gottesmutter wieder heilig machen willst?«

Er sagte unter klagendem Lächeln: »Ja, Kind! So heilig, als ich es fertig bring mit meiner hölzernen Hand.« Da duldete sie, daß er ihr das Mäntelchen von den Schultern nahm, das Gebetbuch aus ihrer Hand herauswand, die Perlenschnur von den Fingern wickelte und die Handschuhe von ihren Händen zog. Während er alles beiseite legte, ging sie schweigend zu dem braunen Bänkl, das neben dem wärmestrahlenden Ofen an der weißen Mauer stand und überglänzt war von einem Lichtband der Morgensonne. Er betrachtete sie. Trotz der kämpfenden Bitterkeit, die ihn erfüllte, hatte er seine Freude an ihrem schmucken Bild. Sie trug das Mädchenkleid ihrer Mutter aus einer Zeit, in der die französische Mode den spanischen Schnitt noch nicht verdrängt hatte. Die gelben Lederstiefelchen verschwanden unter den Falten des braunen Röckls, und zwischen den abstehenden Schoßzacken des Leibchens lugte der rote Miedersaum hervor. Gleich einer großen weißen Blume lag die gestickte Leinenkrause um den schlanken Hals, und auf dem jungen Busen hob und senkte sich das kleine Elfenbeinkreuz der Klosterschülerin. Sie hielt im Schoß die schlanken weißen Hände übereinander gelegt und sah mit den dunklen Augen, die einen heißen Schimmer hatten und voll Sorge waren, in Erwartung zum Vater auf.

»Ach, Kind, wie lieb bist du anzuschauen!« sagte er herzlich. »Und wie viel Vaterfreuden könntest du mir schenken unter meinem Dach!« Er nahm ihre Hand und ließ sich neben ihr nieder. Weil er den Arm um ihre Schultern legen wollte, rückte sie von ihm fort. Da war auf seinen Lippen wieder das bittere Lächeln, in seinen Augen die Trauer. »Wir wachsen nit aneinander als Vater und Kind. Jeder Tag und jedes Stündl baut an der Mauer zwischen uns.«

»Das ist nit meine Schuld.«

»Wahr, Kindl! Was zwischen uns liegt, das hast du aus dem Kloster mit heimgebracht.«

»Wider das Kloster darfst du nit schelten, Vater!«

»Das tu ich nit. Ich mein' nur, die Zeit, in der wir uns nimmer gesehen haben, ist zu lang gewesen. Da hast du den Vater vergessen. Und das Denken an deine Mutter hat man in dir erlöschen lassen.«

»So ist das nit. Es ist im Kloster kein Tag gewesen, an dem ich nit dreimal für dich gebetet, nit fünfmal zu meiner seligen Mutter gerufen hab um ihren Beistand.« Luisas Augen irrten gegen die Sonne hin. »Ich muß ihr den Himmel neiden. Im Himmel ist's besser als in der Tief, in der wir leiden.«