Auf der Zeugenbank, neben der blassen Mutter Agnes, saß der Mälzmeister Raurisser, ein festgezimmertes Mannsbild, das angenehm nach der Bierpfanne roch und das Aktengemuffel der Richterstube durch einen Duft von gerösteter Gerste milderte. In dem braunen Gesichte waren die Zornadern an den Schläfen merklich verdickt. Aber trotz aller Sorge um den zu Pfahl und Eisen verurteilten Sohn schien der Mälzmeister vor dem Richter und der ihm innewohnenden Gefährlichkeit einen scheuen Respekt zu haben. Unbeweglich saß er auf der Bank und hielt mit der Linken die rechte Hand der Frau Agnes umklammert, die in Tapferkeit und Erbitterung um den Sohn gekämpft hatte. So oft sie sich rührte, klammerte der Mälzmeister die Faust noch fester um ihre Hand, wie in Sorge, daß sie wieder etwas Aufreizendes sagen möchte. Augenscheinlich war er kein Menschenkenner, auch gegenüber seinem Weibe nicht, mit dem er seit einem Vierteljahrhundert im gleichen Bette schlief. Frau Agnes bot nicht den Anblick, als wäre sie zu weiterem Widerspruch entschlossen. Freilich sah sie den Richter unablässig an, aber nicht mehr in Angst, sondern auf eine Art, als wäre dieser würdevolle, schwarzgewandete und weißgelöckelte Herr für sie etwas völlig Unbegreifliches und ein Gegenstand des tiefsten Ekels geworden.

Hinter erhöhtem Tische, auf dem zu beiden Seiten eines Kruzifixes viele dickbäuchige Bücher lagen, saß der Richter in würdiger Haltung neben dem Schreiber, dem er mit großem Aufwand lateinischer und französischer Worte den Schluß eines Protokolls diktierte. Zwischen den gepuderten Haarschnörkeln der umständlich gedrechselten Roßhaarperücke stach ein hageres Gesicht heraus, mit runden, kleinen, schwarzglänzenden Spitzmausaugen. Die Zahl der Jahre, die dieser Richter auf seinen schmalen Schultern trug, war schwer zu erraten. Er hatte was Kindliches und dennoch etwas Greisenhaftes, in jener rätselvollen Mischung, die stets in der innigen Ehe eines unbegründeten Selbstbewußtseins mit beklagenswerter Geistesarmut erzeugt wird. Das war der neue Landrichter, für die Leute zu Berchtesgaden eine halb beklemmende, halb lächerliche Person, die von Amts wegen das unverantwortliche Recht besaß, jede Wahrheit als Lüge, jede Lüge als Wahrheit zu erkennen und ihre tägliche Unheilsration zum Schaden der Menschheit anzustiften. In seinem Privatleben ein harmloser, vielleicht sogar ein ehrenwerter Mensch, wurde er in Ausübung seines Berufes eine um so gefährlichere Amtsbestie, je mehr er von der Unfehlbarkeit seiner richterlichen Entscheidungen überzeugt war. Ein Gleichnis für seine Justizmethode war die Form, zu der er seinen winzigen Namen aufblies. Jeder vernünftige Mensch des gleichen Namens hätte sich ‚Ring‘ geschrieben. Der Landrichter Dr. Willibald hatte dazu vier überflüssige Buchstaben nötig und schrieb sich ‚Hringghh‘. In gleicher Weise formte er seine Urteile. Gewiß, er suchte die Wahrheit mit Beflissenheit. Aber er fand sie nicht. Für seinen Scharfblick verwandelten sich alle Dinge ins Gegenteil ihres Wesens.

Bei dem verstaubten Gerichtsformalismus einer Zeit, die den Dr. Willibald Hringghh als juridische Mißgeburt erzeugte, leider als eine nach der Geburt lebendig gebliebene, konnte ein Irrtum zuweilen auch einem guten Richter widerfahren. Unter dem Heiligenschein der Daumschrauben erschien vor dem Richtertische nichts so unwahrscheinlich als die Wahrheit, nichts so glaubwürdig als ein mit Ruhe geschworener Meineid. Aber bei guten Richtern wurden die Fehlgriffe zu Ausnahmen, bei Dr. Willibald mit den vier überflüssigen Buchstaben – bei diesem würdigen Enkel der Hexenrichter, die ein unmündiges Mädelchen stundenlang über das Semen frigidum des Teufels inquirieren konnten – trat der Irrtum als beängstigende Regel auf. Wer vor seinen Richterstuhl berufen wurde, dem konnte man voraussagen: »Du sprichst die Wahrheit, dein Fall ist klar, du bist im Recht, also wirst du verurteilt werden.« Die Herren des Stiftes kannten ihn. Immer nannte ihn der Fürstpropst mit lächelnder Gnade: »Unser getreues Justizkamel!« Und ließ ihn weiter amtieren. Diese Duldung seiner Oberen war das größere Verbrechen als die bedauerliche Sünde, die eine unbegreifliche Schicksalsfügung dadurch beging, daß sie dem Lande Berchtesgaden dieses richterliche Käsgehirn als schädliche Laus in die Lebenswolle setzte.

Neben diesem Richter stand als ein ihn geistig überragender Gehilfe der Feldwebel Muckenfüßl und schnaufte sehr aufgeregt. Solange der Landrichter diktierte, mußte Muckenfüßl schweigen. Als der Streusand rieselte, fing der Feldwebel gleich zu kanzleieln an: »Euer Hoch-Ehren! Rapportiere subordinaliter, daß da draußen in loco hujus ein Subjektivus befindlich ist, der vulgo Haynacher, der das schwarzweiße Monstrum hat produzieren helfen, und deß nit genug, reißt er impertinalimentisch den Brotladen auf, räsonnieret wider den Papst und macht mit landsverräterischen Rumoribus die Population im Glauben irr. Das hat mein eigener ego ipsus in loco hujus observieren müssen.«

Der magere Hals des Landrichters verlängerte sich, und weißer Puder nebelte ihm auf die schwarzen Schultern herunter. Er machte eine winkende Handbewegung und wollte sprechen. Da klang eine erregte Mädchenstimme im Flur, die Tür wurde aufgerissen, und Luisa im grünen Mantel, den der Luftzug auseinanderwehte, stand atemlos auf der Schwelle der Richterstube.

Ein leiser Laut, halb Schreck und halb Freude, fuhr über die Lippen der Mutter Agnes.

Erstaunt und unwillig betrachteten die kleinen Spitzmausaugen des Richters das junge Mädchen, das nach Atem rang. Was aus Luisas angstvollen und dennoch wundersam frohen Augen redete, aus der wechselnden Glut und Blässe ihres Gesichtes und aus dem Zittern ihrer Hände, von denen die eine das kleine Gebetbuch und die andere den Rosenkranz an der kämpfenden Brust umklammert hielt, war menschlich so klar und leichtverständlich, daß es der Richter mit den vier überflüssigen Buchstaben mißverstehen mußte. Nach seiner Meinung war der Schuldlose immer ruhig, immer mit der Fähigkeit begnadet, sich zu beherrschen. Jede Erregung erschien ihm als verdächtig, als Zeichen eines befleckten Gewissens. Er machte den Hals noch länger, und deutlich war es an der Runzelbildung seiner niederen Stirn zu verfolgen, wie sich im Lakrizentopf seines Unverstandes die Umwandlung des ersten Staunens zur Ahnung einer verbotenen Sache vollzog. Mit strenger Würde richtete er an Muckenfüßl die Frage: »Wer hat diese verdächtig aufgeregte Jungfer citiert?«

Ehe der Feldwebel antworten konnte, trat Luisa an den Tisch und stammelte: »Herr Richter! Ich hab gesehen, daß man den schuldlosen Leupolt zum Eisen führt. Da muß ich Zeugschaft geben für ihn –«

Eine erledigende Handbewegung. Fein lächelten die überflüssigen Buchstaben und ließen nur die eine Silbe vernehmen: »Ssssso?«

Die hoheitsvolle Kälte dieses Lautes schien wie Eiswasser über Luisa hinzuströmen. »Herr Richter –«