Wieder jene Handbewegung, etwas kräftiger. »Augenblicklich besitze ich für formwidrige Dinge kein Ohr. Die aufgeregte Jungfer wird deponieren, wenn man sie zitieren und inquirieren sollte.«
»Herr Richter?« flehte Luisa verstört. »Ist es für die Wahrheit nit allweil Zeit?«
»Nein. Jedes Ding secundum juris regulam. Nach der dubiosen Weisheit uncitierter Zeugen, auch wenn sie in Kenntnis irgendwelcher Wahrheit sich befinden sollten, wird nicht entschieden vor Gericht. Vor allem müssen die Formalitäten des Prozeßverfahrens observiert werden.«
»Herr Richter?« Luisas erschrockene Augen erweiterten sich. »Steht die Unschuld eines Menschen nit höher –«
»Nein!« unterbrach er sie. »Deshalb wird die Jungfer sich jetzt entfernen. Ich erkenne ihre unzulässige Voreingenommenheit für den Inkulpaten und bezweifle, ob man sie überhaupt zur Zeugnislegung berufen wird.«
Sie stammelte: »Aber guter Herr Richter! Da muß doch ein Irrtum –«
»Irrtümer vonseite der Gerechtigkeit, der ich diene, sind ausgeschlossen.« Dr. Willibald wollte die Feder in die Tinte tauchen, irrte sich und fuhr mit dem Kiel in die Streusandbüchse.
»Aber Herr! Ich bin's doch gewesen, mit der in selbiger Nacht der Leupolt geredet hat! Ich bin doch die einzige, die weiß –«
Wieder unterbrach er sie: »Über den Glauben, der einem Zeugen zu schenken ist, entscheidet weder die Tatsächlichkeit der Ereignisse, noch die persönliche Qualität des zeugenden Subjekts, sondern einzig und allein meine richterliche Räson. Punktum!« Zu diesem Worte des Richters machte Feldwebel Muckenfüßl erfreut die Bewegung des Streusandschüttens. Die dünne Stimme des Dr. Willibald verschärfte sich: »Sollte sich die Jungfer nach dieser Aufklärung nicht entfernen, so werde ich sie durch eine Amtsperson zur Tür expedieren lassen.« Er vertiefte sich in die Durchsicht des Protokolls, das er vor einer Weile dem Schreiber diktiert hatte.
Luisa stand wie betäubt und sah den Tisch der Gerechtigkeit so ratlos an, als wäre sie in eine unverständliche Welt geraten, die ihr so schreckhaft wie unmöglich erschien. Da legte sich ein Arm um ihre Schultern, und als sie aufblickte, sah sie das blasse Gesicht und die guten Augen der Mutter Agnes. »Geh, lieb Kind!« sagte die Mälzmeisterin leise. »Der liebe Gott wird wissen, warum er's duldet. Ich will meinem Buben sagen lassen, daß du reden hättst mögen für ihn. Da wird es ihm leichter werden, wenn er leiden muß. Gott ist mit uns, lieb Kind, drum dürfen wir nit verzagen.«