Das Mädchen sah erschrocken den Feldwebel Muckenfüßl an, der nach einem Wink des Richters auf sie zutrat. »Jesus –« Mit der Hand, die den Rosenkranz zwischen den zitternden Fingern hatte, tastete Luisa ins Leere. Dann verließ sie bleich und wortlos die Richterstube. Menschen und Mauer, Licht und Dunkel, alles schwamm ihr vor den Augen. Wie im eintönigen Geräusch des Regens das Hämmern einer Traufe klingt, so hörte sie in dem schwirrenden Lärm eine fiebernde Stimme rufen: »Da gibt's kein Verbieten nit! Was wahr ist, muß einer sagen dürfen. Und tät mein gottseligs Weibl nit im Himmel sein, so tät ich einen Misthaufen heißen, was Gerechtigkeit ist. Mein Weibl ist so heilig und fromm gestorben –«

Die Stimme erlosch. Ein schweres Keuchen, ein hartes Klappern genagelter Schuhsohlen. Dann die gemütlich klingende Rede: »Gelt, du Subjektissimus, jetzt kannst du silentium observieren!«

Luisa trat in die Morgensonne und preßte den Arm über die vom Himmelslicht geblendeten Augen. Dann schritt sie gegen die Marktgasse hinüber, immer schneller, und schließlich fing sie zu laufen an, daß ihr ein paar Leute verwundert nachsahen. Nicht viele. Obwohl es in der Marktgasse von Menschen wimmelte. In aufgeregten Gruppen standen Weiber und Männer beisammen. Überall war lauter Zank oder scheues Gewisper, grollendes Wortknirschen oder erbitterte Schimpferei. Überall klangen die gleichen Worte: schwarz und weiß, Heil und Verdammnis. Und immer wieder die vier Namen: Haynacher, Hasenknopfin, Lewitter und Leupolt.

Als Luisa ihres Vaters Haus erreichte, glich sie einem Menschenkind, das völlig von Sinnen ist. Sie hörte nicht den Sorgenschrei der Sus. An der blonden Magd vorüber, tastete sie gegen die Werkstatt ihres Vaters hin.

Meister Niklaus stand bei seiner neuen Arbeit und legte, als er sein Kind so kommen sah, erschrocken die beinerne Spachtel fort, mit der er gebosselt hatte an dem roten Wachs. »Um Gotteswillen! Kind? Was hast du?«

Sie sah nicht die schöne Morgensonne in dem großen Raum, sah nicht die werdende Arbeit ihres Vaters: diese schlanke von Schmerz und Sehnsucht bewegte Gestalt eines jungen, arm gekleideten Weibes, das mit seitwärts gebreiteten Armen wie angeschmiedet an einer halb zertrümmerten Mauer steht und den dürstenden Blick nach oben richtet. Nur das Gesicht des Vaters schien Luisa zu sehen, nur seine Augen. Und als er das spanische Hütl von ihrem Scheitel nahm und den Rosenkranz aus ihren zuckenden Fingern löste, fragte sie mit erwürgter Stimme: »Vater, was ist Gerechtigkeit?«

Eine Weile sah er sie prüfend an. Dann antwortete er mit ruhigem Ernst: »Das kann ich dir nit sagen, Kind. Allweil hab ich an sie geglaubt, allweil hab ich sie gesucht auf Erden. Schau her, was ich gefunden hab.« Er streckte den Arm mit der hölzernen Hand.

Ihre Augen wurden groß. So stand sie zitternd. Und plötzlich mußte sie schreien in ihrem Schmerz. Und sah, wie ihr Vater erschrak. Unter rinnenden Tränen stammelte sie: »Du bist gut!« Schluchzend hing sie an seinen Hals geklammert. »So viel mißträulich bin ich gewesen! Tu mir verzeihen, Vater! Ich will dein treues Kind sein. Wie du auch deutest und redest, ich glaub an dich und ich hab dich lieb.« Ihre Stimme erlosch, und eine Schwäche schien sie zu befallen.

Er hob sie auf seine Arme. Glück und Sorge wirrten sich im Klang seiner Worte durcheinander: »Sus! Sie muß verkrankt sein in der eisigen Kirch. Am Morgen hat sie kein Brösl gegessen. Schnell, liebe Sus! Das Kindl muß gleich was Kräftiges haben.« Er trug sie über die Treppe hinauf, in ihre Kammer.

Die Sus rannte wie verrückt in die Küche, schürte das Feuer und schaffte, als möchte sie jede Minute zur Sekunde machen. Und wie ein Husch mit dem dampfenden Schüsselchen über die Stiege hinauf. Unter der Kammertüre nahm ihr der Meister die Suppe ab und sagte fröhlich: »Vergeltsgott, gute Sus! Das ist gegangen als wie gezaubert.« Er sah nicht das glückliche Leuchten in den Augen der Magd, sah nur das zinnerne Schüsselchen an und trug es auf vorgestreckten Händen zum Bett seines Kindes. »So, liebs Weibli, jetzt komm und iß.«