»Auch nit.«
»Eine Heilige?«
»Kann sein.« Ein Lächeln huschte um seinen Mund. »Es gibt doch eine heilige Kümmernis? Da kann's auch eine heilige Sehnsucht geben. Vielleicht auch eine heilige Menschheit. Was ich da machen hab müssen, das ist mir ein Bild des irdischen Lebens, das allweil leidet, allweil glaubt und in Sehnsucht allweil auf Erlösung hofft. Lang muß man harren. Einmal kommt sie.«
Luisa sah den Vater an, als hätte sie den Sinn seiner Worte nicht ganz verstanden. Wieder betrachtete sie das rote Wachs, diese von Qual und Erwartung durchglühte Frauengestalt. Wie eine Träumende flüsterte sie: »Ja, Vater, das ist wahr! Die Erlösung ist vom Kreuz zu den Menschen heruntergestiegen. Und allweil wieder kommt sie. Sonst tät man nimmer glauben können.« Ein leises Aufatmen. »Ich glaub, daß der gnädigste Fürst gerecht ist und einen Schuldlosen begnaden muß.« Sie schlang die Hände ineinander und stand unbeweglich.
Bei der Stille, die in der sonnigen Werkstatt war, hörte man von ferne her ein rasselndes Geräusch – den Hall der Polizeitrommel.
[Kapitel XIII]
Wo der Platz vor dem Leuthaus sich hinüberbog in die Marktgasse, war ein schweigsames Leutgedränge. Frauen und Mädchen guckten aus allen Fenstern heraus. Die Trommel rasselte. Und der Feldwebel des Pflegeramtes, begleitet von vier Soldaten Gottes, verkündete den Lauschenden: Zum ersten, daß jeder Untertan, so vom Aufenthalt der Hasenknopfischen Menscher, wie von der verbotenen Außerlandsfahrt des irrgläubigen Hasenknopf in geringster Kenntnis wäre, dies unversäumt, zur Vermeidung geziemender Straf, der Obrigkeit bekanntgeben müsse. Zum anderen, daß die Untertanen, ausgenommen den sonntäglichen Kirchgang, jede Rottierung auf der Straße, wie jedes Herumtragen von Unruh erzeugenden Redereien unter Androhung dreitägiger Inhaftierung zu vermeiden hätten. Zum dritten, daß nach gerechtem Spruch der Jäger Leupolt Raurisser wegen Ausschwätzung eines geheimen Amtsbefehls zu Pfahl und Eisen gesprochen wäre und kommenden Sonntags nach dem Hochamt seine schuldige Buß in loco hujus vor aller Leut Augen und zu wohlmeinender Warnung der Population erleiden würde. Die Trommel rasselte. Und die fürsorgliche Obrigkeit bewegte sich weiter. Das Leutgedränge rann auseinander. Die Mannsleute blieben stumm. Man sah nur manchmal ein müdes Lächeln oder einen zornfunkelnden Blick. Von den Fenstern verschwanden die Frauenhauben und die Mädchenschöpfe, die Straße wurde fast leer von Erwachsenen und blieb nur ein Spielplatz der heiteren Kinder. Berchtesgaden war an diesem kühlsonnigen Hornungstage anzusehen, wie die Heimat des schönsten Landfriedens. Dennoch sprangen Mißmut und Erbitterung, Aberglaube und Geflüster, Klatsch und Anklage, Scheu und Hoffnung von Haus zu Haus.
Für die wachsamen Augen der Obrigkeit blieb alles ein Unsichtbares. Bewegung, die ihr sichtbar wurde, herrschte nur im Hausflur des Landgerichts. Dr. Willibald Hringghh war sehr beschäftigt. Ruhelos hatte er Protokolle zu diktieren und Streusand zu bewegen. Um vor dem gefährlichen Richter als dienstwillig zu erscheinen, kamen viele, die von den Hasenknopfischen was zu wissen glaubten. Jene, die etwas wußten, blieben aus. Als der Landrichter gegen Abend das Ergebnis der aufgenommenen Protokolle revidierte, trat der seltene Fall ein, daß er scharf eine Wahrheit erkannte: »Schier sechzig Bogen! Und nichts steht drin.« Zur Beendigung seines staatsbeschützenden Tagewerkes erteilte er noch die menschlich angehauchte Ordre: den Christl Haynacher aus der Verwarnungshaft zu entlassen.
Seit dem Morgen hatte der stummgewordene Verkünder vom heiligen Absterben seines Weibes jene billige Wohnung genossen, in der nicht Mond, noch Sonne scheint. Als ihm nun in Milde gestattet wurde, das schwindende Abendlicht zu erblicken, begriff er das ebenso wenig, wie er verstand, daß jedes Wort über den frommen Tod seiner gutgläubigen Martle ein Verbrechen wäre, für das er, wenn er es nur ein einzigesmal noch beginge, so schwer wie für Diebstahl oder Brandstiftung zu büßen hätte. Sein Gesicht war bleich und sonderbar verändert, in seinem unruhigen Blick war eine Mischung von Zorn und Trauer, von Angst und Wirrsinn. Obwohl er fürchtete, daß sein Bübl in der Wiege seit dem Morgen hatte hungern müssen, schlug er nicht den geraden Weg zu seinem Lehen ein, sondern machte einen Umweg und spähte suchend über die Mauer des Gottesackers: ob da nicht irgendwo ein frischgehügeltes Doppelgräbchen zu sehen wäre? Nichts! Nur zertretener Schnee, nur große Gräber mit dem vergilbten Rasen des vergangenen Herbstes.