Immer den Kopf schüttelnd, ging Christl Haynacher davon. Als er heimkam, fand er sein Bübl zufrieden und gesättigt, fand alle Arbeit im Stall getan und die Milch in den Rainen aufgesetzt. Dankbar lief er zur Nachbarin hinüber. Die mußte ihm verlegen sagen, daß sie den ganzen Tag nicht Zeit gefunden hätte, nach seinem Bübl zu schauen. Als Christl durch die farbige Dämmerung zurückwanderte zu seiner Haustür, murmelte er wie ein Träumender: »Die Unsichtbaren sind barmherzige Leut! Was wahr ist, müßt einer sagen dürfen.« Er trat ins Dunkel seines Hauses. Für sich zu kochen, das brachte Christl nicht fertig. Er hob das schläfrige Bübl aus der Wiege, wickelte das Kind in einen Lodenmantel und ging mit ihm hinüber zum Gerstenacker. Als er sah, daß vom schwarzen Grabhügel seines Weibes das Kreuz verschwunden war – irgend ein Strenggläubiger oder ein Gottesmusketier hatte es herausgerissen und verworfen – da knirschten ihm zuerst die Zähne. Zitternd setzte er sich auf die kalte Erde hin, hielt sein Kind umklammert und erzählte dem schlafenden Bübchen leise vom gottseligen Tod der ‚lieben, herzguten Mutter‘. Während er so flüsterte, spähte er immer in der sinkenden Dämmerung umher, ob nicht einer erlauschen könnte, daß der Christl Haynacher erzählen mußte, was ihm bei schwerer Strafe zu erzählen verboten war. Als er das Bübl heimgetragen hatte, wurde er auch in der finsteren Stube nicht stumm, schaukelte die Wiege und redete immer ins Dunkle hinein, bis er von einer Übligkeit befallen wurde. Das kam wohl nur von der Leere seines Magens. Wo nicht Mond und Sonne leuchtet, gibt es auch keine Dinge, die den Menschen stärken. Immerhin war es möglich, daß der Zustand, der den Christl Haynacher befiel, etwas Seuchenartiges hatte. Unter ähnlichen Erscheinungen erkrankten am gleichen Abend auch noch andere Leute.
Simeon Lewitter, der in der Marktgasse immer wieder das gleiche Wort hatte hören müssen: »Der Jud!« – häufig auch in der Zusammensetzung mit einer unreinlichen Silbe – wagte sich nimmer auf die Straße, schützte seine Haustür und in der leeren Kinderstube auch alle Fenster durch eiserne Stangen, wurde ruhelos gepeinigt von der Erinnerung an den roten Tauftag vor fünfzehn Jahren, bekam vor Aufregung einen Fieberanfall und legte sich ins Bett. Das letztere tat an diesem Abend auch Pfarrer Ludwig, obwohl noch eine Minute früher nicht das geringste Zeichen von Kränklichkeit an ihm zu bemerken war. Vor Anbruch des Dunkels ließ er sich wegen Unpäßlichkeit von der auf die siebente Abendstunde anberaumten Kapitelsitzung entschuldigen. Als die Hausglocke gezogen wurde und Chorkaplan Jesunder in Begleitung der vier überflüssigen Buchstaben bei dem Patienten erschien, den man im Verdacht hatte, daß er aus bedenklichen Gründen die über die schwarzweiße Gefahr entscheidende Kapitelsitzung schwänzen möchte, schlürfte Pfarrer Ludwig gerade den schmerzstillenden Glühwein, dessen lieblicher Zimtgeruch die Stube frühlingsähnlich durchduftete. Seine Pein verbeißend, machte der Pfarrer den Versuch, die eintretenden Herren freundlich zu begrüßen. Ehe sie sein Bett erreichten, entstellte sich in schreckhafter Weise sein unheimliches Warzengesicht, und angstvoll brüllte er die taube Schwester an: »Franziskaaa! Schnell! Es kommt schon wieder – salva venia, Ihr guten Herren –« Er fuhr mit den langen mageren Beinen aus dem Bett.
Fluchtartig verließen Jesunder und Dr. Willibald Hringghh die gefährliche Krankenstube. Kaum sie verschwunden waren, sprang der Pfarrer vollends aus dem Bett, schob die erschrockene Schwester zur anderen Tür hinaus, kleidete sich hastig an, öffnete einen Schrank und zerrte einen Mantel hervor, der nicht priesterlich schwarz, sondern gebändert und farbig war wie weltliche Herrentracht. Unter dem Kissen seines Krankenbettes holte er einen großen, von Rost zerfressenen Schlüssel hervor, blies die brennende Kerze aus und sprang mit den Bewegungen eines völlig genesenen Mannes zum Fenster. Hier stand er an die Mauer gedrückt und spähte hinaus.
In dem milden Glimmlicht, das aus vielen erleuchteten Fenstern durch den Abend glänzte, schritt der Kaplan in Begleitung der vier überflüssigen Buchstaben über den weiten Hof zum Stift hinüber. Jesunder war von Pfarrer Ludwigs bedauerlichem Zustand nicht völlig überzeugt, war noch immer mißtrauisch. Doch unter dem Barett des Landrichters vollzog die fettfleckige Hirnsubstanz einen Gärungsprozeß zur Ausbutterung der mit Scharfsinn erkannten Wahrheit. »Nein, Reverende,« sagte er, »in diesem Falle tut Ihr ihm unrecht. In contrario naturae versagt jeder Versuch einer Simulation. Hier arbeitet das organon humanum ganz nach eigenem Gutdünken. Nein, Reverend, ich irre mich nicht, er ist wirklich ein schwer Leidender.« Barmherzig fügte er bei: »Ob es nicht die rote Ruhr ist? Armer, verlorener Mann!«
Als die beiden den Kapitelsaal erreichten, war die erneute Debatte über die Diffizilitäten der ungetauftgetauften Mißliebigkeit schon in leidenschaftlichem Gange. Die Sache verwirrte sich immer mehr. Der Fürst war abwesend, um bei der Allergnädigsten zu speisen. Von Stunde zu Stunde ließ er sich Botschaft über den Verlauf der Debatte senden. Nach der dritten hoffnungslosen Nachricht, um die 10. Nachtstunde, schickte er den Grafen Tige mit dem Befehl: die Kapitularen müßten bis um elf zu einer Entscheidung kommen, damit alles Nötige noch vor Mitternacht erledigt werden könnte und der anbrechende Sonntag nicht bedroht wäre durch eine Entweihung. Man empfand den Befehl des Fürsten als eine hilfreiche Zwangslage. Doch jeder Versuch einer Abstimmung mißglückte. Schließlich blieb den erregten Herren kein anderer Ausweg, als die verschiedenen Vorschläge auf Zettel zu schreiben und den Grafen Tige als Vertreter des zarteren Alters, als eine Art von Waisenkind, das Los erküren zu lassen. Immer spricht bekanntlich der Himmel durch den Mund der Unschuld. Graf Tige fischte in graziösester Form den Schicksalsspruch aus der Urne und las: »Anatomische Trennung, Begräbnis der weißen Heilhälfte in geweihter Erde, Verscharrung des schwarzen, ewigverlorenen Abschnitzels auf dem Freimannsanger.« In Wahrheit sagte dieses durch die Wirkung der Unschuld verkündete Gottesurteil keinem der Kapitularen zu. Aber es war die unwiderrufliche Entscheidung. Man mußte sich mit ihr versöhnen. Rasch. Es fehlten nur noch wenige Minuten bis elf.
Man ließ den Freimann holen, dazu den Wildmeisterknecht, der sich aufs Zerwirken verstand. Jesunder wurde zum theologischen Kommissär, der Landrichter zum Protokollisten ad usum juris ernannt, zwei Kapitularen hatten als Zeugen zu fungieren, und wer nicht schläfrig war, schloß sich dem weltgeschichtlichen Vorgang als neugieriges Publikum an. Unter Voraustritt einiger Fackelträger bewegte sich der würdevolle Zug durch das Nachtschweigen auf die Armeseelenkammer zu. Jesunder, der den Schlüssel in Verwahrung hatte, wollte das Türschloß aufsperren. Dabei hatte er nicht mit dem gewissenhaften Formalismus der vier zwecklosen Buchstaben gerechnet. Dr. Willibald Hringghh verlangte eine peinlich genaue Untersuchung darüber: daß erstens nur ein einziger, in Verwahrung des Chorkaplans Jesunder befindlicher Schlüssel vorhanden sei; daß zweitens jede Möglichkeit eines Mißbrauchs dieses Instrumentes als absurd zu gelten hätte, und drittens die Türe noch ordnungsgemäß versperrt, das Fenster noch undurchdringlich vergittert und somit die Tatsache, daß kein menschlicher Fuß die Armeseelenkammer betreten haben konnte, als unanfechtbare Wahrheit festgestellt wäre.
Alle Punkte wurden mit gründlichster Genauigkeit erforscht und zu Protokoll genommen. »Jetzt!« sagte Dr. Willibald gnädig zum Chorkaplan. Jesunder öffnete die versperrte Tür, wißbegierig drängten die Herren heran, die Fackelträger traten voraus in den finsteren, sonderbarerweise ein bißchen nach Zimt duftenden Raum, und da erhob sich nach stummer Verblüffung ein fürchterliches Geschrei des abergläubischen Schrecks, ein wirres Durcheinanderlallen der fassungslosesten Gemütszustände. Sogar der wahrheitsfeindliche Mann mit den vier entbehrlichen Schriftzeichen mußte als unbestreitbares Faktum erkennen: daß jener arme kleine schwarzweiße Doppeltod, der so viel gefährliche rumores erregt und so viel ratlose Verlegenheit erzeugt hatte, völlig unsichtbar geworden und spurlos aus der vergitterten, festverschlossenen Armeseelenkammer verschwunden war. Man suchte auf und unter dem Totenbrett, suchte in der Fensternische, suchte in jedem Winkel, und der Freimann mußte sogar auf Befehl des Landrichters mit einem eisernen Schürhaken in alle Mauslöcher hineinstochern.
Nichts.
Der Wildmeisterknecht und die Fackelträger flüsterten gleich von einem Höllenstreich. Ein paar Verständige unter den Kapitularen nahmen das Unbegreifliche heiter und brachen, ein bißchen schadenfroh, in Gelächter aus. Der Chorkaplan stand vor dem leeren Totenschragen, als wäre ihm ein kalter Blitzstrahl durch alle Gelenke gefahren, und unter sämtlichen Augenzeugen des unerklärlichen Rätsels befand sich nur ein einziges, restlos glückliches Menschenkind: der Dr. Willibald Hringghh. Der segnete seine Weisheit, weil er in unbewußter Ahnung aller Möglichkeiten keine Formalität versäumt hatte und außer obligo war. Da gab es kein Deuten und Rütteln. Alles war formaliter erwiesen. Alles stand auf dem Papier. Nur die Wahrheit nicht. Um sie zu erforschen, begann er sich augenblicklich ans Werk zu machen, begann zu verhören, zu untersuchen, zu protokollieren. »Da bin ich neugierig, was unser justiziarisches Rhinozeros herauskitzelt!« flüsterte Graf Saur einem der Herren zu. »Glauben wir dann das Gegenteil, so sind wir der Wahrheit am nächsten.«
Den Fürstpropst konnte man aus höflichen Gründen im Verlaufe dieser Nacht von dem Vorgefallenen nicht mehr unterrichten. Aber der Kanzler von Grusdorf wurde nach Mitternacht unbarmherzig aus den Federn herausgeläutet. Als er keuchend, in dickem Pelz, mit hohen Filztöpfen über den Gichtzehen, die von Menschen umwimmelte Armeseelenkammer erreichte und sofort ein polizeiliches Schweigverbot erließ, war das unerklärliche Wunder, nein, dieses gottverwünschte Teufelswerk schon ausgeschrien bei allen Lakaien, Jägerknechten und Musketieren. Wie Flugfeuer hinhüpft über trockenes Heu, so sprang die Erregung noch während der Nachtstunden von Fenster zu Fenster. In welchem Grade dabei der Respekt vor den Regierungsgewalten flöten ging, das mußte Dr. Willibald an sich selbst erfahren. Er fand vor seiner Haustür unter dem schönen Frühgeläut ein Gedränge von Menschen vor, die, in auffälligem Gegensatze zur Zeitstimmung, nicht in zwei erbitterte Parteien gespaltet waren, sondern in einträchtiger Heiterkeit sich erlustigten. Als Ursache ihres Vergnügens erwies sich ein großer gelblicher Papierbogen, der an der Haustür des Landrichters befestigt war und in plumpen, fast kindlichen Schriftzügen die Verse trug: