Als der Landrichter im Haus verschwand, erhob sich auf der Gasse ein schadenfrohes Gelächter, ein lärmendes Durcheinanderschwatzen. Immer größer wurde im wachsenden Frühschimmer das Leutgedräng. Noch ehe die Glocken zum Hochamt riefen, waren die Stiftshöfe und alle Gassen von Berchtesgaden mit einem Menschengewimmel angefüllt, das an die viertausend Köpfe zählte. In der Sonne, die über das Dächergezack herunterglänzte, blitzten die Messingknöpfe auf den schwarzen Gewändern der Salzknappen, leuchteten die Farben der ländlichen Trachten und schimmerten die Silberschnüre der Bauernhüte und das zinnerne Schaugeschmeid der Weiber. Die vielen roten Joppen der jungen Burschen und die kirschfarbenen oder gelben Mädchenmieder erschienen wie tausend leuchtende Feuertupfen. Unter den kurzen, nur handbreit über das Knie reichenden Sonntagsröcken der Bäuerinnen waren die weißen Wadenstrümpfe wie rührsame Schneeflecken. Das bunte Gewühl dieser straffgewachsenen, festgefügten Menschengestalten, dieser gesunden Jugend und dieses noch kraftvollen Alters mit den von Sonne und Schnee gebräunten Gesichtern wäre ein herzerfreuender Anblick gewesen, wenn nicht die Zeitsorge, die Erregung der Stunde, das spähende Mißtrauen und die gereizte Heiterkeit einen Fieberglanz der Unruh in allen Augen erweckt und dem ganzen Bilde etwas Beängstigendes gegeben hätte. Dieses Leutgewoge war anzusehen wie ein Menschenhauf in jenen Augenblicken, die eine Masse von Tausenden emporreißen zu schöner Begeisterung oder sie verführen zu sinnlosen, verbrecherischen Dingen.
Es gärte seit langer Zeit in diesen Bedrückten. In ihnen brannte das wühlende Erbe aus Jahrhunderten des Leidens, die gallige Unzufriedenheit über geistliche und weltliche Unerträglichkeiten, die dürstende Hoffnung auf Hilfe und das fiebernde Suchen nach dem Neuen und Besseren. Was sich formte in ihnen, hatte ein kindliches Gesicht. Zu gutmütig, um sich in Aufrührer zu verwandeln, wurden sie Träumer und Schwärmer. Das hatte unerstickbar in ihnen geglommen, schon lange, und war in den beiden letzten Jahren, seit dem großen Auspeitschen der Dreißigtausend aus Salzburg, als ein Unsichtbares hinter ihren Stirnen gewachsen. Die Behörden waren blind. Und an diesem bedrohlichen Sonntagsmorgen, an dem es aussah, als würde von der Seele des Volkes ein Schleier fortgezogen, konnte die Obrigkeit warnende Wahrnehmungen nicht machen, weil sie die zwecklos versäumte Nachtruhe bei Sonnenaufgang nachholen mußte. Sogar der einzige Musketier, der vor dem Stiftstor auf Wache war, hatte die Augen geschlossen. Mit der ungeladenen Feuersteinflinte zwischen den Knien saß er schlummernd auf dem sonnbeschienenen Wächterbänkl, ohne geweckt zu werden von dem wachsenden Stimmenlärm.
Schon manchmal, wenn Schreck und Unruh durch das kleine Land geronnen waren, hatte das Bild des sonntäglichen Kirchgangs einer heißen Suppe geglichen, in der man rührt mit einem groben Löffel. So, wie an diesem Hornungsmorgen, war es noch nie gewesen. Hatten die Zeiten der stumm ertragenen Pein, die Klagstimmen in den Andachtsnächten der Unsichtbaren, Leupolts Mahnung bei der Untersteiner Krippe, das schwarzweiße Unglück im Haynacherlehen und die Ungerechtigkeiten, die viele gerade in diesen letzten Tagen erfahren mußten, die leidende Geduld des Volkes bis zum äußersten gespannt? Und sollte nun die mit Schreck oder Aberglauben, mit frommer Scheu oder schweigendem Staunen vernommene Kunde von dem unerklärlichen Mirakel der Armeseelenkammer zum letzten Anstoß werden, der das vollgeschüttete Geduldfaß zum Bersten und Überlaufen brachte?
In der Morgensonne, die um alle Dächer, um das weite schöne Tal und um die weißen Berge einen mit tiefem Blau verbrämten, silberglitzernden Mantel wob, fingen auf drei Kirchtürmen die sieben Glocken zu läuten an, deren hallende Stimmen sich melodisch ineinander woben. Das lärmende Gewühl der Menschen begann sich zu schieben und strömte nach drei Richtungen. Inmitten dieser Menschenwoge war nur ein Einziger, der allem Aufruhr dieses Morgens entzogen blieb. Das war gerade der Hauptbeteiligte, der von seinem dunkelgrünen Bauernhut drei schwarze Trauerbänder herunterhängen hatte. Wäre Christl Haynacher nicht das unglückseligste Mannsbild der Welt gewesen, so hätte er sich an diesem Morgen beinah als einen Glücklichen fühlen können. Beim ersten Wort, das er vom Mirakel in der Armeseelenkammer vernommen hatte, war es für ihn eine ausgemachte Sache, daß sein gottseliges Martle mit treuen Mutterhänden aus dem Himmel heruntergegriffen, ihr liebes Pärl aller irdischen Pein entzogen und die zwei kleinen, unzertrennlichen Seelchen hinaufgehoben hatte in den ewigen Glanz. Und das zu erzählen, das war ihm polizeilich nicht verboten. Jedem Menschen, mit dem er auf dem Kirchgang Seite an Seite geriet, verkündete er das gottschöne Wunder seiner in die Seligkeit emporgeflogenen Kinder. »Gelt, so was Heiliges macht die Mutlosen wieder gutgläubig! Schau, jetzt bin ich nach allem Elend wieder ein aufrechtes Mannsbild! Und daß ich kein Wörtl nit geredet hab von meinem gottseligen Weibl, nit von ihrem Erlösungswunder, nit von ihrem schönen und heiligen Tod? Gelt, Mensch, das kannst du bezeugen und tät's einen kreuzweis geschworenen Eid vor dem selbigen kosten, der alles Gute verbietet.«
Während Christl so redete, hatte er immer einen nassen Schimmer in den Augen, hatte immer ein Lachen des Glückes um den von Schmerzen zuckenden Mund. Und als er zwischen tausend anderen in der Kirche war und unter dem Rauschen der Orgel in seinem Betstuhl tiefgebeugt auf den Knien kauerte, fühlte er sich in seinem Herzen als einen so treuen und dankbaren Katholiken, wie er's in seinem ganzen Leben noch nie gewesen. Und für die schwere Sünde, die er gleich nach dem Hochamt begehen mußte, bat er den lieben Herrgott im voraus um Vergebung. Anstelle des ausgerissenen Kreuzes ein neues auf das Grab seiner Martle zu stecken? Freilich, das war nicht gutgläubig und war verboten. Aber der Christl mußte das tun. Und wenn der liebe Herrgott da droben die Martle mit ihren zwei seligen Kinderlen ansieht, dann versteht er es schon und muß es verzeihen.
Alle Kirchen waren schon dicht gefüllt, Schulter an Schulter, und noch immer strömten lange Menschenzüge heran, die nimmer Einlaß fanden und vor den Toren sich anstauten zu großen Gruppen, in denen die letzten Nachzügler nur noch das Orgelspiel und die Klingeltöne, aber nimmer die Worte der Predigt vernehmen konnten.
Der Brunnenplatz und die Marktgasse waren still und leer, alle Haustüren versperrt, alle Fenster geschlossen und verhängt. Auch der Musketier vor dem Stiftstor war verschwunden, war aufgewacht und frühstückte in der Torstube seine Bratwurst. Nur die zerfließenden Schneeflecken, die Sonne und der Schatten waren noch da. Und das Brunnenrauschen.
In dieser schweigsamen Öde erschien am Ende der Marktgasse ein Stiftslakai, spähte an den Häusern hin und verduftete wieder. Nach einer kurzen Weile kehrte er zurück und schritt einer reich mit Silber verschnörkelten Sänfte voran, die von zwei Jägerknechten getragen wurde und zugezogene Gardinen hatte.
Als die Sänfte durch die Torhalle des Stiftes gaukelte, trat die Wache nicht ans Gewehr, und man trommelte nicht. Mit Rücksicht auf die Kirchenzeit.
Wenige Minuten später, unter der Brennschere und Puderquaste des parisischen Perückenmeisters, mußte Herr Anton Cajetan, welcher gutausgeschlafene Augen hatte, die Kunde des Mirakels vernehmen, das in der Nacht geschehen war. Nach dem ersten Staunen sagte er mit gerechtem Ärger, aber in bestem Deutsch: