»Welcher Schafskopf hat mir denn das schon wieder angerichtet?«
[Kapitel XIV]
In der schönen, frühlingskühlen Sonnenstille läuteten die Glocken zur Wandlung. Als ihre letzten Klänge mit Gesumm verhallten, wurde es in der schlummerfriedlichen Torhalle des Stiftes ein bißchen lebendig. Unter Führung des Wildmeisters erschienen acht Jägerknechte mit vier großen, zweirädrigen Karren. Drei von diesen sanftholpernden Fahrzeugen waren mit Jagdnetzen, Stellstangen, Pflöcken und Seilen beladen. Auf dem vierten Karren befanden sich zwischen zwei großen Klappkisten die drei kleineren Kastenfallen mit den sechs Füchsen, die vor der Mittagsstunde ‚geprellt‘ werden sollten, um der edlen Aurore de Neuenstein und ihrem galanten Hofstaat ein Sonntagsvergnügen zu bereiten. Der Wildmeister schmunzelte immer, wie in Erwartung eines ganz besonders fröhlichen Ereignisses. Auch die Jäger befanden sich in guter Laune. Sie waren Mitverschworene bei dem vom Grafen Tige ersonnenen Knalleffekt, der das Fuchsprellen zur Überraschung der Demoisellen lustig beschließen sollte. Munter kuderten die Jäger, als der Wildmeister befahl: »Nur langsam über den Straßgraben, daß sich die vier lieben Kostbarkeiten in den großen Kästen nit überpurzeln. Wenn die einander die Bäuch aufreißen, wär der ganze feine Jux beim Teufel!«
Der Karrenzug ging eine Strecke über die zum Tal der Ache führende Straße hinunter und dann hinauf zu der großen, noch von dünnem Schnee bedeckten Wiese, die sich an den gestutzten Hofgarten anschloß. Was man den ‚Hofgarten‘ nannte, bot nicht den Anblick eines fürstlichen Parkes. Es war nur ein großes, umzäuntes Gemüsefeld, jetzt schneefleckig, mit entblätterten Beerstauden und Obstbäumen, die man der Zeitmode zulieb ein bißchen versaillisiert und mit der Schere höchst sonderbar in Form von Bechern, Leiern und Pyramiden zugestutzt hatte – ein halb komisches, halb trauriges Gleichnis für die Mißgeburten der modischen Pariserei, für das Wollen und Nichtkönnen der kleinen, durch sinnlose Verschwendung überschuldeten Höfe.
Auf der freien Wiese, die neben diesem fürstpröpstlichen Hofgarten lag, wurden die Netze für die galante Festivität des Fuchsprellens aufgestellt. Sonst war es nicht üblich, die Population an den Erlustigungen des Hofes teilnehmen zu lassen. Das niedere Volk in seinem Unverständnis war immer rasch bereit, die graziöseste Galanterie als Schweinerei zu verschreien. Drum pflegte man sonst den Festraum solcher Ergötzlichkeiten mit hohen, undurchsichtigen Jagdtüchern zu umschließen. Doch für das muntere Fuchsprellen hatte man, einem staatsweisen Rate des Herrn von Grusdorf entsprechend, die durchsichtigen Netze gewählt. Der Kanzler war der Meinung, daß der gnädig bewilligte Mitgenuß bei solch einem heiteren Spektakel eine wünschenswerte Beruhigung der bedenklich erregten Subjekte inaugurieren würde.
Der Schaulust des Volkes wurde an diesem sonnleuchtenden Hornungsmorgen auch noch auf andere Weise gedient. Während auf der Hofwiese die Netze für das Fuchsprellen gespannt wurden, brachten zwei Bußknechte aus der Torhalle den langen, schweren, mit festen Eisenklammern versehenen Schandbalken herausgetragen. Seine Farbe – er war von dem vielen eingetrockneten Blut beinahe schwarz geworden – konnte davon erzählen, daß die Schaustellung an diesem Holz der Unehr nicht nur eine qualvolle, auch eine lebensbedrohliche Sache war. Die robustesten Inkulpaten hielten das Hängen in diesen schneidenden, Haut und Muskeln zerreißenden Eisenklammern nicht länger als zehn Stunden aus, ohne der Erschöpfung und dem Blutverlust zu erliegen. Die meisten der Verurteilten wurden schon gleich zu Beginn der Marter ohnmächtig, und löste man sie vom Balken, so krankten sie Wochen und Monate an den schwärenden Wunden.
Dieses häufig benötigte instrumentum justitiae aufzurichten, verursachte geringe Arbeit. Man brauchte nur aus dem dicht am Brunnen befindlichen Mauerloch den deckenden Holzstöpsel herauszuziehen und den Balkenfuß hineinzusenken. »Lupp auf!« Die zwei Freimannsleute hoben mit den Schultern. Ein kollerndes Gepolter, und nun stand der hohe Balken aufrecht, ähnlich einem Galgen ohne Querholz. Eine kleine Leiter wurde angelehnt, und alle Vorbereitungen für diese Sonntagsgabe der Hringghhischen Wahrheitsforschung waren erledigt, gerade in dem Augenblick, als alle Kirchenglocken den Segen des Hochamtes melodisch auszuläuten begannen. Aus dem Schattendunkel des Tores kam ein kleiner Zug heraus: zwei Musketiere, hinter ihnen der gutwillige und deshalb ungefesselte Verbrecher zwischen dem Freimann und seinem Knechte, dann wieder zwei wachsame Soldaten Gottes und als Beschluß der etwas schläfrige Feldwebel Muckenfüßl, der, um seinem staatserhaltenden Amte zu genügen, von seiner Christenpflicht ein kleines, für den lieben Gott gewiß nicht belangreiches Zipfelchen hatte abzwicken müssen.
Leupolt Raurisser ging aufrecht, mit festem Schritt. Er hatte keine Spur von Scham oder Zorn im Gesicht. Der Blick seiner glänzenden Stahlaugen war so still, als wäre für ihn, was hier geschah, eine fremde Sache. Die sinnende Ruhe, mit der er hinauf sah ins leuchtende Blau, war fast ein heiteres Lächeln. Der Schein der Morgensonne glänzte auf seiner Stirn und auf den Strähnen seines dichten Blondhaars. Meister Raurisser hatte das beim Pflegeramt erbettelt: daß man seinem Buben den Kopf nicht schor wie einem Ehrlosen. Man hatte dem Vater diese unverdiente Gnade aus Klugheit bewilligt, weil der Mälzmeister die Güte des Bieres, das er für die Herren braute, leicht durch eine unerweisbare Bosheit zu mißliebigen Wirkungen permutieren konnte.
Am Schandpfahl durfte Leupolt das fürstpröpstliche Jägerkleid nicht tragen; man hatte ihm die Uniform jenes Aufenthalts verliehen, in dem es nicht Mond noch Sonne gibt: einen langen Kittel aus grauem Zwilch, dessen schlappe Falten einen zutreffenden Schluß auf die Feuchtigkeit der Mauern gestatteten, zwischen denen Leupolt seit seiner Heimkehr vom Königssee viele dunkle und doch von einem Stern durchleuchtete Stunden verbracht hatte. Pfarrer Ludwig, wenn er den Leupolt so gesehen hätte, würde vielleicht im Sinne Spinozas wieder gesagt haben, daß kein Ding auf Erden so bös ist, um sich nicht irgendwie in ein Gutes für die Menschen verwandeln zu können. In keiner Jägertracht, auch nicht in der Weidmannsgala mit den Silbertressen und den hohen Knöpfelgamaschen war es so deutlich wie in diesem schmiegsamen, von Sickerwasser durchtränkten Sträflingskittel zu erkennen gewesen, welch einen schönen, stracken, prachtvoll gebauten Jünglingskörper der Leupolt Raurisser von Mutter und Vater, von Gott und Natur empfangen hatte. Schade, daß Pfarrer Ludwig, der schöne Menschen immer mit Freude sah, diese Wahrnehmung nicht machen konnte; von seiner Unpäßlichkeit gepeinigt, lag er noch immer zu Bett und litt so schwer, daß er seit dem vergangenen Abend den Bader schon viermal hatte holen lassen.