Ein Menschengerenne hin und her. Trotz des wogenden Lärms, der die Marktgasse füllte, war nicht das geringste Zeichen von Rebellion zu erkennen. Das flutende Leutgedränge hatte was Festliches. Und während der Klang des evangelischen Liedes herscholl von den Stiftshöfen, ragte auf dem Brunnenplatz der leergewordene Schandbalken über das Gewühl der Köpfe hinaus. Man hatte den Büßenden aus Staatsräson begnadigt, um die Aufregung der Subjekte zu mildern. Dieser notwendig gewordene Gnadenakt hatte die Regierungsseele des Herrn von Grusdorf bedenklich aus dem Gleichgewichte gebracht. Das stand unter verschobenem Lockenbau auf seinem Katzenjammergesicht zu lesen, als er, von sechs Musketieren flankiert, hinüberwatete zum Sanssouci der Allergnädigsten, die ihn durch ein geheimnisvolles Eilbriefchen zu sich berufen hatte. Sein Prophetengeist war so verwirrt, daß er nicht ahnen konnte, welcher familiären Bestürzung er mit seinen Gichtzehen entgegenzappelte.

Unter munteren Worten bohrte sich der Pfarrer durch das wogende Leutgewühl zu dem Hause seines Freundes Lewitter. In dem dunklen Flur, in dem es nach Gewürzen duftete, fragte er die stumme Lena: »Ist dein Herr daheim?« Da hörte er aus dem Oberstock den leisen Gesang einer müden Greisenstimme. Es war nicht das erstemal, daß Pfarrer Ludwig in Lewitters Haus diese alte, schwermütige, wunderlich verzierte Tempelweise vernahm. Er hastete über die steile Treppe hinauf und hämmerte mit dem Fingerknöchel gegen die Türe. »Simmi! Tu auf! Ich bin's! Ein Mensch!« Eiserne Stangen klirrten, und zwei Schlüssel drehten sich in den schweren Schlössern. Simeon Lewitter schlüpfte durch einen schmalen Spalt und fragte tonlos: »Ist Gefahr?« Der Pfarrer schüttelte den Kopf. »Die Leut von heut sind ungefährlicher als die von gestern. In ihnen ist Freud und Hoffnung. Bloß die Regierung hat Magenweh. Und ich bin gestern marod geworden. Der Bader hat seine Not mit mir gehabt.«

»Den Bader hast du holen lassen?« Simeons Augen wurden groß. »Warum denn mich nit?«

»Du bist der bessere Doktor. Aber der Bader schwefelt vor unserem Justizkamel das glaubhaftere Zeugnis.«

Erschrocken fragte Lewitter: »Wirst du's nötig haben?«

Der Pfarrer lachte. »Wenn dem Willibald ein Tröpfl Verstand lebendig wird in der Stöckelmilch! Wahrscheinlich ist's nit. Aber allweil noch so möglich, wie daß der Gockel eine Henn wird, wenn man ihm freundlich zuredet. Und da sollst du außer Spiel bleiben, Simmi! Aber weil mir der Bader nit geholfen hat, drum bin ich in den Filzpatschen hergelaufen zu dir. Und du hast mir ein feines Medikament verzapft. Gelt ja?«

Ohne zu antworten, huschte Lewitter davon, brachte eine haselnußgroße Pille und schob sie dem Pfarrer zwischen die Lippen. »Jetzt brauch ich nit lügen.«

»Und ich brauch nimmer im Bett liegen. Da ist uns beiden geholfen.«

»Eine seltsame Krankheit! So glaubhaft –« Lewitters Stimme wurde leis, »wie das Mirakel der Armeseelenkammer.«

Schmunzelnd beugte sich der Pfarrer gegen das Gesicht des Freundes hin. »Gott sei Dank, Simmi, daß du nit der Landrichter bist.« Ein heiteres Lachen. In der Stille, die ihm folgte, klang der Hall des tausendstimmigen Bekennerliedes wie das ferne Rauschen einer Mühle. Herr Ludwig wurde ernst und fragte flüsternd: »Weißt du, was geschieht da drunten?«