Lewitter wehrte mit beiden Händen und schlüpfte in seine leere Kinderstube. Drinnen klirrten die eisernen Stangen. Vor sich hinnickend, stapfte der Pfarrer die Treppe hinunter. In das Gewühl der Marktgasse wagte er sich nimmer. Hinter den Häusern watete er durch die Traufenbäche und begann, bevor er seine Wohnung erreichte, heftig zu niesen. Die Folgen seiner Verkühlung in den nassen Filzpantoffeln entwickelten sich mit der Schnelligkeit eines fürstpröpstlichen Läufers. Dem Jammer seiner Schwester konnte Pfarrer Ludwig das tröstende Wort entgegenhalten: »Gott bleibt allweil barmherzig. Wie nötiger ein Leiden ist, um so flinker schickt er's.«

Brausend klang von den Stiftshöfen herauf das fromme Lied. »Tät die Regierung nit sagen, das ist Rebellion, so möcht man glauben, das ist schöner Gottesdienst.« Der Pfarrer ließ sich den Lehnstuhl ans Fenster rücken. Hier saß er, in wollene Decken gewickelt, sich immer schnäuzend, und blickte hinunter auf das Menschengewühl, das sich in dem weiten Hof mit jeder Minute vergrößerte.

Nicht nur Bauern und arme Handwerker standen da drunten, um auf die Eintragung in die Ketzerliste zu warten, auch wohlhabende Bürger des Marktes, die man noch nie als Unsichtbare verdächtigt hatte, zahlreiche Salzknappen und viele Dienstleute des Stiftes. Die fassungslose Regierung mußte die Wahrnehmung machen, daß sie seit Jahren von ‚Abtrünnigen‘ umgeben war bis zu den vergoldeten Füßen ihres Thrönchens.

Nichts von Aufruhr. Kein Schimpfen und Spektakulieren. Das Verhalten der Bekenner war ruhig, war durchglänzt von einem freudigen Glück. In dichten Gruppen standen sie beisammen, und immer wieder fing einer zu singen an, und hundert und tausend fielen ein, daß ihr froher Gesang wie das Osterlied einer Orgel war. »Christen? Ketzer?« Pfarrer Ludwig sah zum Geheimfach seines Schreibtisches hinüber. »Hat der Amsterdamer Singvogel recht, so sind es tausend Gotteskinder, näher dem Himmel als der Welt. Weil sie vorwärts drängen und Wahrheit suchen.« Sinnend betrachtete er die lange Menschenkette, die sich gegen das Gerichtsgebäude hinüberschob. Bei aller friedsamen Bürgerruhe, die da drunten herrschte, gab es doch auch erregte Szenen. Es kamen gutgläubig gebliebene Frauen, verstört und weinend, um ihre evangelischen Männer und Söhne zu reuevoller Umkehr zu beschwören. Es kamen zornige Männer, die ihre ‚verführten‘ Weiber und Töchter herausreißen wollten aus der Bekennerschar. Doch immer ruhiger wurden diese Wortkämpfe, je deutlicher die Regierung eine Hilflosigkeit bekundete, von der man Gefahren für Gut oder Leben nimmer zu besorgen brauchte. Wie man den Leupolt Raurisser vom Holz der Unehr heruntergenommen hatte, ließ man auch alle Verhafteten wieder frei. Die gesetzliche Macht beschränkte sich darauf, zur Festlegung der Bekennernamen ein Tribunal zu errichten, dessen Vorsitz der Kanzler von Grusdorf übernehmen sollte. Leider mußte man auf seine Mitwirkung verzichten; er war von dem Besuch bei seiner unpäßlichen Nichte Aurore de Neuenstein in einem Zustand heimgekehrt, der einem Schlagfluß ähnelte. So mußte den Vorsitz des Tribunals der aus dem Schlaf gerüttelte Dr. Halbundhalb übernehmen. Als er in gespensterhafter Blässe zur dienstlichen Mißhandlung der Wahrheit antrat, richtete Herr Anton Cajetan diese Rede an ihn: »Willibald! Daß du ein Esel bist, hab ich immer gewußt. Aber so deutlich wie in diesen Tagen hast du es noch nie bewiesen. Ich möchte weinen über die Arbeit, die du fabriziert hast. Daß du die Ehrlichen als Verbrecher erkennst und die Lumpen für Apostel der Wahrheit nimmst, das ist noch lange nicht die übelste von deinen Schädigungen des Staates. Du wirkst wie ein Fäulniskeim. In allen Redlichen erschütterst du den Glauben an die Gerechtigkeit, und den geheiligten Richterstand machst du verächtlich vor allen Subjekten. Mais, que Dieu nous soit en aide, die böse Stunde läßt dich unentbehrlich erscheinen – ich habe kein Rechtskamel, das kleiner ist. Setze dich hinauf, laß die andern amten, suche würdevoll auszusehen und halte das Maul! Besser kannst du mir nicht dienen.« Als Beisitzer gab ihm Herr Anton Cajetan vier Kapitelherren, die beiden Chorkapläne und fünf Domizellaren. Graf Tige war nicht aufzufinden.

Die Moidi von Unterstein, die man zuerst verhaftet hatte, wurde auch zuerst verhört. Als Graf Saur die Frage an sie richtete: »Was glaubst du?«, öffnete sie das Mieder, zeigte die schwärenden Male der Faustschläge und sagte: »Ich glaub, daß es Gottes Willen nit ist, ein Menschenkind so zuzurichten.« Die Herren waren ein bißchen betreten, und der Richter mit den verriegelten Zähnen klappte wie eine Eule die Augendeckel zu, weil der unsittliche Anblick seinen Prinzipien zuwiderlief. Dabei ließ er sich zu zwei verbotenen Worten hinreißen: »Du Schwein!« In Zorn antwortete das Mädel: »Auf den Hintern haben mich die Soldaten Gottes nit gehauen. Sonst hätt ich Euch den gezeigt. Und mir hätt's weniger weh getan.« Graf Saur beruhigte die Empörte. Dann wurde sie drei Stunden lang über alle Glaubenssätze vernommen.

Als Zweiten wollte man den Fürsager von Unterstein citieren. Da polterte ein Ungerufener in die Amtsstube: der Mälzmeister Raurisser. Er hatte die von seiner Frau versperrte Haustür in Fetzen geschlagen, um sich als evangelisch zu bekennen. Unter allem, was er zähneknirschend vor sich hinbiß, hatten nur die Worte Verstand, die er über die ‚unchristliche Peinigung‘ seines Sohnes sagte; doch sein Glaubensbekenntnis war so verworren, daß man mit Sicherheit nicht unterscheiden konnte, ob der alte Raurisser schon evangelisch oder noch gutkatholisch wäre. Dieses Dilemma wurde von Graf Saur durch die salomonischen Worte entschieden: »Mein lieber Mälzmeister! Geh er wieder heim, glaub er, was er wolle, und brau er uns auch fürderhin eine so bekömmliche Biersorte wie bisher.«

Nun wurde der Alte von Unterstein vorgerufen. Sein Verhör entwickelte sich für die beiden Chorkapläne zu einem erbitterten Wortgefecht. Der Greis in seiner unerschütterlichen Ruhe, in seiner graden und schlichten Einfalt, blieb ihnen keine Antwort schuldig und übertraf an Bibelfestigkeit die zwei Theologen bei weitem. Sie hätten seine Nierenprüfung ausgedehnt bis in die Nacht, wenn Graf Saur nicht festgestellt hätte, daß mit drei Verhören fünf kostbare Stunden vertrödelt wurden. »Protokollieren wir so weiter, dann müssen wir ein halbes Jahr lang durch Tag und Nacht verhören und sind im Herbst, wenn schon die Hirsche röhren, noch immer nicht fertig.« Es war dringend notwendig, die Tribunalpraxis in ein summarisches Verfahren zu verwandeln. Es wurden sechs Tische aufgestellt. An jedem zwei Schreiber. Und nun wanderten die endlosen Reihen der Bekenner an den sich immer länger füllenden Listen vorüber. Man schrieb nur Namen, Alter, Lehen und Gnotschaft auf. Dann weiter um eine Nummer. Erst gegen die zweite Morgenstunde wurden die Stiftshöfe leer. Und als man an den Tischen des Ketzertribunals summierte, ergab sich die erschreckende Ziffer 2714.

Schon früh am Morgen begann die Zuwanderung der Bekenner aufs neue. Am Abend standen 4372 Namen verzeichnet. In der Dämmerung des dritten Abends waren es 5816, und als in den Nachmittagsstunden des folgenden Mittwochs der Strom der Subjekte, die sich als evangelisch bekannten, endlich versiegte, konnte die Regierung ihre Hände über der Ziffer 6394 zusammenschlagen. Mehr als zwei Drittel der gesamten Einwohnerzahl des gefürsteten Landes von Berchtesgaden! Herr Anton Cajetan stand ratlos und erschüttert vor dieser ungeahnten Katastrophe. Er hatte schlaflose Nächte, Herr von Grusdorf entsetzliche Tage. Der Kanzler fühlte die Last der Verantwortung, wagte sich nimmer ins Stift und maskierte seine chronische Absenz durch einen schweren Anfall von Podagra. Auch jeden Besuch bei der Allergnädigsten unterließ er. Wurde ihr Name vor ihm genannt, so bekam er einen Gallenkrampf.

An Jesunder waren Zeichen einer Melancholie zu entdecken, die in Geistesstörung überzugehen drohte. Er zankte sich ununterbrochen mit seiner verehrten Frau Mutter, versagte bei jedem Bekehrungsversuch und konnte durch Tag und Finsternis an nichts anderes denken, als nur an das ungelöste Rätsel der Armeseelenkammer. Immer hängte sich sein ganzes Sinnen und Grübeln an diesen einen Verdacht: der Pfarrer Ludwig! Um dem Chorkaplan diese aberwitzige Vorstellung aus dem Gehirn herauszubeweisen, verschwendete Dr. Willibald alle Schärfe seines Geistes. Zu Dutzendmalen sagte er: »Aber Bester! Endlich muß man sich doch von einer notorischen Wahrheit überzeugen lassen!« Im Bewußtsein, etwas justiziarisch Zweckloses zu unternehmen, nur, um den gequälten Jesunder von dieser Wahnvorstellung abzubringen, überraschte er den Pfarrer durch einen inquisitorischen Besuch. Der Verdächtige war jetzt wirklich krank, litt an einem Schnupfen von gewalttätigen Symptomen. Weil die Sache unbestreitbar war, begann der Landrichter an ihr zu zweifeln und sagte zu Jesunder: »Nun erkenne ich, daß Ihr nicht völlig unrecht habt.« Er mußte die infizierte Nase putzen. »Der Pfarrer simuliert.«

Während solche Gedankenblitze unter den gepuderten Roßhaarwickeln des Landrichters wetterleuchteten, ging ein hoffnungsvolles Aufatmen durch das Berchtesgadnische Land. In allen Häusern und Hütten der Bekenner war's wie ein stiller, schöner Ostermorgen der Wahrheit. Die Freude glänzte in den Augen der Evangelischen. Doch nirgends hörte man lauten Jubel, nie ein übermütiges Wort. Diese Sechstausend schienen wie erneut in ihrem Leben, wie erhoben und geläutert an allen Kräften ihres Herzens. Am Tage gingen sie fleißig ihrer Arbeit nach. Am Abend versammelten sie sich zur Fürsage und hörten das Wort Gottes. Und im ganzen Ländl erwies es sich, daß es für die Bekenner verschiedenen Glaubens kein Ding der Unmöglichkeit ist, verträglich Seite an Seite zu leben. In den Gutgläubigen, die treu an ihrem alten Himmel hingen, zitterte wohl der Schreck und die Trauer. Auch der Zorn. Aber in diesem gesunden, prächtigen Volksschlag gab es viele Verständige, die sich gut darauf verstanden, den Nebenmenschen nicht nach der Kittelfarbe einzuschätzen, sondern nach Herz und Leben. Auch waren die Unterschiede in den Glaubenssätzen nicht so beträchtlich, daß ein nachbarliches Brückenschlagen nicht möglich gewesen wäre für Menschen, die sich nicht leiten ließen von blindem Haß. Es standen auf katholischer Seite viele Männer und Frauen, die wesensverwandt mit dem Pfarrer Ludwig und der tapferen Frau Agnes waren, jeden aufbrennenden Hader besänftigten und immer sagten: »Ist unser Erlöser nit der gleiche? Sind wir nit geboren auf gleichem Boden? Sind wir nit deutsche Leut, die zusammengehören in Freud und Pein?«