Auch in den Häusern, in denen ein ‚tiefer Graben‘ ausgeschaufelt war zwischen Mann und Weib, zwischen Eltern und Kindern, begann es friedsamer zu werden, seit man nimmer zu besorgen hatte, daß man auseinandergerissen würde. Zwei Drittel der Einwohner eines Landes kann man nicht um Dach und Heimat bringen und über die Grenze jagen. Die Herren müssen zur Einsicht kommen, sie haben schon den Anfang gemacht, haben den Leupolt nach der vierten Stund am roten Balken begnadigt, haben keinen Bekenner ins Eisen geschmissen, werden sich verständigen mit den Evangelischen, wie's der Westfälische Frieden allen Deutschen vermeint hat, und müssen den Leuten ein ruhsames Nebeneinanderhausen vergönnen. Not und Elend ist aus dem Ländl hinausgeblasen, alles Böse wird linder sein, und die ‚gute Zeit‘ wird kommen, auf die man in Schmerzen gewartet hat seit hundert Jahren und länger. Wie eine feste, heiße und schöne Freude war dieser Glaube in allen.
Der Fürsager von Unterstein schickte an die verschwundene, drüben im Bayerischen versteckte Hasenknopfin die Botschaft: »Komm wieder heim mit deinem Mädel! Im Ländl ist lieber Gottfrieden.« Die Hasenknopfin konnte ihr Mißtrauen nicht überwinden, wollte die Heimkehr ihres Mannes aus dem Preußischen außerhalb der Grenze abwarten, blieb unsichtbar für die Berchtesgadnische Regierung und fühlte sich wohl auf bayerischem Boden.
Sie war eine weise Frau.
[Kapitel XVI]
In der Nacht vom Donnerstag auf den Freitag schlug das Wetter um. Früh am Morgen fing es zu schneien an, still, ohne das leiseste Windwehen. Senkrecht fielen die großen Flocken aus der Luft herunter.
Im schwarzwollenen Hauskittel stand Pfarrer Ludwig am Fenster. Er hatte eine rotverschwollene Nase zwischen entzündeten Augen und mußte noch manchmal niesen. Im Widerspruch zu diesem Leiden war seine Laune überraschend heiter und wurde noch immer fröhlicher, je dichter da draußen die Flocken fielen. »Nur schön herunter mit dem weißen Leintüchl! Dann such, du justiziarisches Dromedar!«
Sehr heftig rasselte die Hausglocke. Schwester Franziska, mit erweiterten Angstaugen, trat in die Stube: »Der Hochwürdige soll hinüberkommen zum Fürsten.«
Pfarrer Ludwig schrie mit seiner vom Schnupfen noch heiseren Stimme: »Die hohen Stiefel! Flink!« Als er allein war, runzelte er die Stirne wie unter angestrengter Gedankenarbeit. Er sprang zum Kasten, zerrte einen Mantel heraus, der farbig und gebändert war wie weltliche Herrentracht, ballte ihn zu einem Knäuel zusammen und schob ihn hastig ins Ofenloch. Das gab ein hurtiges Feuer. »Es stinkt ein bißl, aber hilfreich ist es.« Pfarrer Ludwig lachte. »Der Schlüssel im tiefsten Brunnen! Der Totengräbermantel in der schönsten Glut!« Nun flink hinüber zum Schreibtisch. Er ließ das Geheimfach aufspringen, zerriß drei lateinisch beschriebene Blätter in kleine Stücke und beförderte sie ebenfalls in die Flamme. »Früher hat man die Klugen selber verbronnen, jetzt röstet man nur noch ihren Verstand. Allweil duldsamer wird die Menschheit.« Aus einer Lade nahm er zehn Guldenstücke und zwanzig Sechser, legte die Münzen schön geordnet in das Geheimfach, ließ die Feder wieder zuschnappen, zog in der Stube alle Schlüssel ab und schob sie in die Tasche. Als ihm die Schwester die Stiefel brachte, fuhr er mit den Füßen hurtig in die Schäfte. »Nach Rosenwasser riechen sie nit. Der Gnädigste wird das Näsl verziehen.« Er nahm den Radmantel um und stülpte schmunzelnd die schwarze Pelzkappe übers weiße Haar. »So, Schwester, tu mir das Haus schön hüten! Und kriegst du Besuch, so unterhalt dich gut!«
Bevor er hinaustrat in den jungen Schnee, spähte er nach den Fenstern des Chorkaplans Jesunder und konnte gewahren, wie Frau Apollonia zurückfuhr von ihrem Lauerposten. »So so?« Er schlug den Radmantel um die Schultern, wanderte gegen das Stift, blieb wieder stehen und blickte heiter dem flinken Menschenkind entgegen, das herankam durch den Vorhang der weißen Himmelsfäden. Flaumig hing der Schnee am Federtuff des spanischen Hütls. Schultern und Ärmel des grünen Mantels waren versilbert. Kein Gebetbuch, kein Rosenkranz. Zwischen den Händen, die aus den Mantelsäumen herauslugten, zitterte ein braunes Tiegelchen, das mit einem Schweinsblasenfleck überbunden war. »Guten Morgen, Kind! Wohin denn im tiefen Winter?«