»Ja.«

»Warum kommt er denn net?«

»Der Schnaps laßt ihn net aus. Heut in der Fruh hab ich ihn wieder troffen im Wirtshaus. Da hockt er schon den dritten Tag.«

Pepperl fuhr sich mit dem Ärmel über die Stirn. Die Sonne hatte ihm eingeheizt. Und in schwüler Sorge brummte er vor sich hin: »Mar und Joseph! Is dös a Mensch! A Vater! Und hat a Madl, dös in der ärgsten Gfahr is!« Dann sagte er laut: »Geh, ich bitt dich, red ihm zu, daß er kommt. Sag ihm: es pressiert!«

Während die beiden noch miteinander sprachen, kam der Fürst von der Pirsche zurück. Der Förster trug einen Gemsbock auf dem Rücken. »Und a zweiter liegt noch droben«, sagte er, »tummel dich, Pepperl, daß d' ihn runter bringst vor Abend!« Aber ehe Pepperl sich »tummeln« konnte, gab's vor dem Försterhäuschen noch ein langes, fröhliches Schwatzen über den Verlauf des glücklichen Pirschganges.

War es die seltene Jägerfreude, zwei gute Böcke erlegt zu haben, war es die ungetrübte Stimmung der vergangenen Tage oder die reine Bergluft, die an dem ernsten Flüchtling der Großstadt diese freundliche Wandlung bewirkt hatte — Ettingen war in so prächtiger, von Heiterkeit übersprudelnder Laune, daß die beiden Jäger ihre Freude an ihm hatten. Seine Augen blickten so froh, sein sonnverbranntes Gesicht hatte so gesunde Farbe, als hätte er nie die Luft der Krankenstube geatmet und als wäre auch die letzte Erinnerung an allen Sturm und Schmerz, vor dem er in die Einsamkeit der Berge geflohen, in ihm versunken und erloschen. Und wie kräftig sein Schritt war, wie frei seine Haltung! Als hätte ein neuer und heißer Trieb des Lebens jeden Tropfen seines Blutes befeuert. Er selbst schien der Wandlung, die sich in ihm vollzogen hatte, mit keiner Frage nachzuspüren. Er fühlte sie nur, wie man mit geschlossenen Augen die Sonne fühlt, war heiter und zufrieden, dachte mit keinem Gedanken an das Gewesene, hatte keinen Wunsch an die Zukunft und freute sich in dieser lächelnden Ruhe jeder Stunde, wie sie kam und ging.

Der folgende Tag aber brachte ihm den Lebensgewinn, den er im Frieden des Waldes gefunden hatte, doch zum Bewußtsein. Da kam mit der Post ein Brief. Als Ettingen an der Adresse die Schrift des Freundes erkannte, an den er in jener ersten Nacht die lange Epistel gerichtet hatte, zögerte er einen Augenblick, den Brief zu erbrechen. Dann schüttelte er lachend den Kopf. »Mein Wald hat mich gesund gemacht!« Was dieser Brief auch enthalten mochte — es konnte seine Ruhe nicht mehr stören, keine Bitterkeit in seiner Seele wecken. Er hatte überwunden und vergessen, war geheilt und frei. Wie auch die häßliche Katastrophe jener Tollheit ausklingen mochte, er konnte das so ruhig und gleichgültig anhören wie das schale Ende einer Geschichte, die ein anderer erlebt hatte.

Er öffnete den Brief und las: