»Ja, das darf ich bestätigen«, sagte Lo, deren Blick mit zärtlichem Stolz auf dem Bruder ruhte, »er hat ein Zeugnis heimgebracht, das sich sehen lassen darf.«

Die Genugtuung, mit welcher Gustl dieses Lob zu hören schien, vertrug sich nicht mit seiner Gewissenhaftigkeit. Seine Wangen färbten sich, während er sagte: »Aber Lo! Die Betragensnote hätte doch wirklich besser sein können.«

Ettingen lachte. »Warum? Ist die nicht so gut ausgefallen wie die Note für römische Geschichte? Na, da tröste dich mit mir, kleiner Mann! Mein Betragen war auch nicht immer das beste. Junges Blut muß das Recht haben, daß es flinker läuft als Professorenwürde.« Ettingen zog den Knaben in den Schein der Lampe. »Es ist überraschend, Fräulein, wie sich in diesem schmalen Gesichtl schon die kräftigen Züge Ihres Vaters erkennen lassen: die Form der Stirne, hier die Linie von der Wange gegen das Kinn, der Schnitt der Augen und der Nase. Nur in der sanften Zeichnung des Mundes — da gleicht er Ihnen! Und schlägt wohl der Mutter nach?« Er strich mit der Hand über Gustls Haar. »Ja, kleiner Mann, du gleichst deinem Vater. Da mußt du ihm auch in allem übrigen ähnlich werden. Aus dir muß sich im Leben was Tüchtiges auswachsen. Du trägst einen Namen, dem du Ehre machen mußt. Es ist der Name deines Vaters!«

Gustls Augen blitzten.

Dann war's eine Weile still in der kleinen Stube. Draußen trommelte der Regen, und unaufhörlich rollte der Donner. Weil der Sturm die Traufe gegen das Fenster peitschte, schloß Gustl auf einen Wink der Schwester die Läden. Sie selbst bestellte den Tisch mit einer Freude, die aus ihrem ganzen Wesen sprach.

Ettingen hatte sich behaglich auf einen Holzstuhl niedergelassen. »Wenn Sie wüßten, Fräulein, wie wohl mir ist! Ich habe den Wunsch, hier immer so zu sitzen und nicht mehr aufzustehen. Das macht nicht der trockene Unterstand, den ich nach unbehaglichem Marsch in der Finsternis und unter gießendem Regen hier gefunden habe. Das macht Ihre Nähe. Die zufriedene Lebensfreude, die ruhige Heiterkeit, die in Ihnen wohnt, geht auch auf andere über. Das fühlt man, wie man Licht und Wärme fühlt.«

In Verwirrung suchte Lo nach Worten. Da kam Pepperl über die Schwelle gestolpert. »Teufi, Teufi, Teufi«, lachte er und riegelte hurtig hinter sich die Tür zu, »jetzt bin ich froh, daß ich ins Trückene komm. Ich hab 's Büchsl gschwind noch a bißl sauber gmacht und hab die Mäntel ausgwunden.« Er streckte die Arme und guckte an sich hinunter. »Oben tut's es. Aber 's Untergstell! Saxen noch amal, meine Kurzlederne, die schaut gut aus! Aber no: die is ans Wasser gwöhnt.« Er dachte an die gründliche Taufe, die seine »Kurzlederne« in der Sennhütte empfangen hatte. »Gelten S', Duhrlaucht, heut haben wir's nobl troffen!« Lachend stellte er sich an den Herd und ließ sich von der Wärme anstrahlen. »Jetzt kann ich's ehrlich sagen: wie wir da droben im Nebel umanand krabbelt sind, und wie d' Nacht und so a Wetter eingfallen is, da hat mir graust!«

»Haben Sie denn das Wetter nicht kommen sehen?« fragte Gustl.

»No, da wär ich a sauberer Jager! Aber wissen S'«, wandte Pepperl sich an Lo, welche die kochenden Eier überwachte, »gegen Mittag, wie's wetterig worden is, waren wir droben auf der Schneid, wo's von die Sebenberg nuntergeht ins Prantlkar. Gleich hab ich gsagt: Duhrlaucht, jetzt müssen wir heim! Durchs Prantlkar wären wir leicht zur Schutzhütten nunterkommen bis auf'n Abend. Aber der Herr Fürst hat positiv übern Sebensee heim wollen. No ja, und wie der Nebel eingfallen is, sind wir dagstanden wie der Schuster, wann er an Kittel machen soll.«

Ettingen lachte.