Da klang aus dem Wald herauf die schreiende Stimme seines Herrn: »Praxmaler! Kommen Sie! Schnell!« Es war in dieser Stimme ein Ton, der den Jäger ahnen ließ, daß hier doch wohl etwas anderes geschehen wäre als nur ein drolliges Jägerstücklein. In Sorge begann er zu rennen und erreichte das Kiesbett in dem Augenblick, als Ettingen und Lolo Petri den Knaben fanden. Lo war blaß vor Schreck, als sie den Kopf des Knaben aufhob an ihre Brust. Die Sache schien übler auszusehen als sie war. Gustl zitterte wohl, doch er lächelte, um die Schwester zu trösten, und sagte: »Sorg dich nicht! Mir ist nichts geschehen. Gewiß nicht! Und Schmerzen hab ich gar keine.« Im Gesicht und an den Händen hatte er ein paar leichte Schürfwunden, sonst schien er unverletzt. Doch als sie ihn aufrichteten, konnte er nicht stehen und wäre wieder zu Boden gesunken, hätte ihn Ettingen nicht aufgefangen. »Kind! Kind!« stammelte Lo.
»Beruhigen Sie sich, Fräulein«, sagte Ettingen, obwohl ihm selbst vor Erregung die Stimme kaum gehorchte, »es kann nicht so schlimm sein! Der Fuß ist nicht gebrochen. Hier eine Untersuchung vorzunehmen und den armen Jungen zu quälen, das ist nutzlos. Kommen Sie, wir tragen ihn zum Jagdhaus, da kann alles leichter und besser für ihn geschehen! Kommen Sie!« Bei diesen Worten hatte er Gustl schon auf seine Arme gehoben und eilte mit ihm über das Kiesbett hinüber gegen den Weg.
Pepperl erbot sich, den Knaben zu tragen. Auch bei raschem Gang war's eine halbe Stunde bis zum Jagdhaus, und »so a Bub hat sein Gwicht«. Aber Ettingen schüttelte den Kopf. »Der Junge trägt sich wie eine Feder so leicht!« Auch Lo mahnte mit scheuer Bitte, daß Ettingen den Dienst des Jägers annehmen und seine Kräfte schonen möchte. Er sah ihr in die Augen, schüttelte wieder den Kopf und flüsterte dem Knaben zu: »Leg nur die Arme um meinen Hals, Bubi! So! Nicht wahr, so ist's bequemer?«
»Ja.«
Während sie auf ebenem Pfad durch den Wald hinauseilten, klang hinter ihnen auf dem Latschengehäng das Klopfen und halblaute Rufen der anmarschierenden Treiber: »Hup hup hup! Brrrr! Hup hup!« Pepperl guckte sich einmal um, und da wollte es ein böser Zufall, daß er zwei gute Hirsche gemütlich über die Lawinengasse spazieren sah. »Teufi, Teufi, Teufi, drei Hirschen hätten wir haben können!« träumte seine Jägerseele mit Kummer.
Ettingen plauderte während des ganzen Weges mit dem Knaben. Gustl hielt sich wie ein kleiner Held, verbiß den Schmerz und schwatzte unverdrossen, um der Schwester alle Sorge auszureden. Viel mehr als sein verletzter Fuß beschäftigte ihn die Frage, was wohl aus Hansi, dem Grauen, geworden wäre.
»Der kommt schon wieder!« tröstete Lo.
»Ja, schon, aber die Forellen, Lo! Die Forellen! Wenn er mit dem Netz einen halben Tag in der Sonne herumläuft, hab ich sie umsonst für Muttl gefangen!« In Schmerz verzog sich der Mund des Knaben, und das Wasser schoß ihm in die Augen; doch er seufzte nur: »Ach Gott, ach Gott, die schönen Forellen!«
Sie hatten das Jagdhaus fast erreicht, als Hansi nachgetrottet kam, in höchst nervöser Stimmung. An den locker gewordenen Gurten war ihm die Packtasche mit dem Almrosenbusch unter den Bauch gerutscht, und weil ihn die Zweige kitzelten, schlug er fortwährend mit den Hinterfüßen aus, schüttelte die Ohren und machte drollige Sprünge.
Als Pepperl den Esel in den Stall führte, rief Ettingen dem Jäger nach: »Tragen Sie das Fischnetz gleich in die Küche hinauf! Man soll die Forellen auf Eis legen, damit sie nicht verderben.« Seine Stimme klang gepreßt, so daß Lo ihm besorgt in das erhitzte Gesicht blickte. Er hatte doch wohl seiner Kraft zuviel zugemutet. Als er den Knaben über den letzten Hang zum Jagdhaus hinauftrug, ging sein Atem müd, und seine Arme zitterten.