Sechzehntes Kapitel
Praxmaler machte sich, als der Abend kam, zu einem Pirschgang fertig. Dabei erwachte der Förster, dessen gut ausgeschlafene Laune recht auffällig abstach gegen die trübe Kummermiene des Jägers. »Machst noch allweil a Gsicht wie die Katz, wann's dunnert? Tu dich wegen die drei Hirschen doch net gar so abikränken! Es is ja schön, wenn sich a Jager über 's Jagdpech von seim Herrn betrübt. Aber Maß und Ziel muß der Mensch in allem halten! Sei gscheit, Pepperl! Der Herr Fürst schießt schon wieder an guten Hirsch!«
»Ja, wollen wir's hoffen!« seufzte Pepperl und trollte zur Tür hinaus. Die Augen steif in das Blau des Himmels bohrend, ging er an der Sennhütte vorüber.
In der Almstube nahm Burgi gerade Abschied von ihrem nüchtern gewordenen Vater. Sie hatte die Kleider des Alten leidlich wieder instand gesetzt, in dem mürben Zeug alle Löcher geflickt und gab nun dem Vater ein Binkerl guter Lehren mit auf den Weg, wie die Mutter einem Kind, das zum erstenmal wallfahren geht. »Sei zfrieden, Vater! Dein Essen und alles hast ja! Und tu mir d' Fremdenleut net anbetteln auf der Straß. Da hat kein Mensch mehr an Rischpekt vor dir! Und schenkt dir wer an Kreuzer aus Gutigkeit, den muß man doch net stantipeh in d' Wirtsstuben einitragen! Spar dir die paar Nedscherln lieber zamm aufs Gwand! Ja? Tust mir's versprechen, Vater?«
»Ja, ja, ja! Alls versprich ich! Alls!« Der Alte schnaufte, als er die Predigt überstanden hatte und sich endlich drücken konnte. Während er über das Almfeld hinunterwackelte, schielte er zu den Fenstern des Jagdhauses hinauf und murmelte kauend: »Dem Herrn Fürsten — so a Nobliger, ja — dem hätt ich gern was verexpliziert.«
Burgi blieb auf der Schwelle stehen, bis sie den Vater im Wald verschwinden sah. Dann kehrte sie in die Stube zurück und machte sich an die Arbeit, still und verdrossen. Als es Abend wurde und die Kühe gemolken waren, mußte sie von der frischen Milch eine Kanne voll hinauftragen in die Küche des Fürstenhauses. Während sie droben um die Ecke verschwand, kam Martin mit dem Förster, den er zum Abendtisch gerufen hatte. Kluibenschädl trat ins Haus, Martin blieb vor der Tür stehen und lauschte gegen den Hof. Schmunzelnd schlich er auf den Zehen an der Mauer hin.
Da kam die Sennerin mit der leeren Kanne zurück.
»Mein schönes Kind?« Und da hatte er sie schon um die Hüfte genommen und wollte sie küssen. Erschrocken gab sie ihm einen Stoß vor die Brust, und dann kam noch was anderes nach. Das klatschte, daß es an der Mauer ein Echo gab wie von einem Peitschenknall. »Sie lassen mich in Ruh! Gelten S'! Und wann S' Jagdverwalter werden, können S' Ihnere Küh selber melchen! Sie!« Ruhig wischte Burgi am Rock die Hand ab und ging ihrer Wege.
Martin kühlte in seiner Stube das Gesicht mit kaltem Wasser. Aber die Wange brannte ihm noch feuerrot, als er bei der Tafel die Bouillon servierte.
»Martin?« fragte der Fürst. »Was hast du im Gesicht?«