Lo erhob sich, zog die alte Frau zu sich empor und umschlang sie. »Sei ruhig, Mutter! Sorg dich nimmer! Der Vater hat mich erzogen zu seinem starken Kind. Und was ich dir sein kann, das sollst du haben an mir!« Sie verließ die Stube. Erst ordnete sie noch in der Küche die Teeplatte und sagte zu dem Mädchen: »Trag nur alles gleich hinein! Muttl hat schon so lange warten müssen.«
Als sie durch die Schlafstube der Mutter ging, fiel aus dem anstoßenden Zimmer der Lampenschein und erleuchtete eine Bilderwand. Lolos Blick begegnete jener Leinwand mit dem Hermeskopf — mit der weißen Marmorsäule des jugendlichen Gottes, dem eine Natter auf die Schulter kriecht. Ekel und Grauen sprechen aus seinem Gesicht, doch seine Brust ist angewachsen an den unbeweglichen Stein, und er hat keine Arme, um die giftige Häßlichkeit von sich abzuwehren. »Das soll er haben!« Zitternd, in einem Sturm von Empfinden, nahm Lo das Bild von der Wand und küßte die Stirn des schönen Gottes.
Da klang die Stimme des Bruders: »Lo? Was machst du da draußen? Komm doch zu mir!«
Sie gab das Bild wieder an die Wand und trat in die kleine Stube.
Das verpflasterte Gesichtchen vorgebeugt, saß Gustl in den Kissen. »Lo, jetzt eben hab ich probiert, ob ich marschieren kann. Es geht schon ganz famos. Morgen darfst du mich aufstehen lassen.«
Sie trat zum Bett. »Morgen? Nein, Bubi, morgen mußt du noch liegenbleiben.«
»Also übermorgen! Darf ich dann auch bald ins Jagdhaus? Er hat mich doch eingeladen. Übrigens, weißt du, ich hab so was wie eine Ahnung. Gib acht, Lo, morgen kommt er.«
Damit der Bruder ihre Erregung nicht sehen möchte, ging sie zum Fenster, das noch offenstand.
Verwundert sah Gustl zu ihr auf. »Aber Lo?«
»Ich will das Fenster schließen, die Nacht wird kühl —«