»Danke!— Sie sind müde, Fürst?«

»Ich? Nein!«

»Ich meinte nur, weil Ihre Hand zitterte, als Sie mir Feuer gaben?«

»Sie irren sich, Baronin.«

»Wirklich? Und ich beobachte doch sonst so gut. Aber wie können Sie nur in dieser kühlen Nacht bei offenem Fenster sitzen! Wie unvorsichtig!«

Baronin Pranckha erschien am Fenster. Ihre Gestalt war dunkel im Schatten, doch die halb entblößten Schultern und die von durchsichtigen Spitzen kaum verhüllten Arme waren im Lampenschein von roten Lichtlinien umzogen.

Leis klirrten die Scheiben, als sie das Fenster schloß. Dann verschwand sie wieder. Jetzt hörte man wohl die beiden Stimmen noch, aber es war kein Wort mehr verständlich.

Lautlos, geschmeidig wie eine Katze, kletterte Mazegger am Flaggenmast hinauf und kam so hoch, daß er einen Blick in das Fenster werfen konnte. Er sah ein ruhiges Bild, sah einen Teil des Zimmers mit dem Schreibtisch, auf dem die Lampe stand. Ettingen kehrte dem Fenster den Rücken, und ihm gegenüber ruhte die schöne Frau in einem Fauteuil, von weißen Spitzen umflossen; ihr Haar, das im Schein der Lampe flimmerte wie rotes Metall, umringelte die schneeigen Schultern und zitterte wie Goldgespinst bei jeder leisen Bewegung des Kopfes; die eine Hand lag mit nervösem Spiel auf der Kante des Schreibtisches, in der anderen hielt sie die brennende Zigarette; so plauderte sie, bald ernst, bald wieder lächelnd. Und plötzlich legte sie die Zigarette fort. Halb sich aufrichtend, sah sie dem Fürsten ins Gesicht. Sie sagte nur ein Wort, ein einziges, kurzes Wort. Ob es sein Name war? Der Fürst erhob sich. Nun konnte Mazegger sein Gesicht sehen. Es war hart und ernst.

Hastig ließ Mazegger sich über die Stange hinuntergleiten, huschte zum Haus hinüber und legte das Ohr an die Mauer. Er hörte nur ein verworrenes Geräusch der Stimmen. Aber wie erregt diese beiden Stimmen klangen! Wie Rede und Gegenrede kurz und heftig aufeinander folgten! Nun lautlose Stille. Dann sprach der Fürst allein, fast immer allein. Nur selten unterbrach ihn die andere Stimme. Jetzt wieder Schweigen, dem ein nervöses Lachen folgte. Der Fürst blieb stumm. Nur diese Frauenstimme klang. Wieviel sie zu erzählen und zu erklären hatte! Das währte eine Stunde und länger noch. Und immer wechselte diese Stimme im Ton. Bald klang sie wie in ersticktem Zorn, bald wieder flog sie in leidenschaftlicher Hast, dann stockte sie und verwirrte sich, wurde leis und schmeichelnd. Jetzt sprach der Fürst, ruhig, nur wenige Worte, die ein gepreßter Schrei übertönte. Ein Stuhl wurde gerückt, Schritte klangen, durch den Lichtschein des Fensters glitt ein Schatten. Nun ein Stammeln und Flehen, ein Ton, der dem lauschenden Jäger alle Sinne schauern machte. Dumpfe Stille. Dann ein jähes Auflachen, herb und mißtönig, das Geräusch einer Tür und wieder das Schweigen. Klirrend wurde droben das Fenster aufgerissen.

Mazegger drückte sich regungslos an die Mauer. Im Lichtschein, der übers Almfeld hinausfiel, sah er den Schatten des Fürsten. Und deutlich hörte er den tiefen Atemzug, mit dem der Einsame dort oben die frische Bergluft trank wie eine köstliche Erquickung.