Ettingen bedeckte mit den Händen das Gesicht, als könnte er den grauenvollen Anblick nicht ertragen und müßte mit Gewalt die martervollen Bilder ersticken, welche die Angst seines Herzens ihm vor Augen stellte. Noch atemlos, begann er den Weg ins Kar.

»Ich bitt Ihnen«, bettelte der Jäger, »tun S' doch a bißl rasten!«

Ettingen schüttelte den Kopf.

Sie stiegen eine Stunde. Je näher sie im Kar der letzten Grieszunge kamen, von deren Ende der Steig über brüchige Wände hinaufkletterte zum Paß, desto ungeduldiger wurden die Schritte des Fürsten, obwohl ihm Atem und Kräfte schon fast zu Ende gingen. Auch der Jäger war so erschöpft, daß er die letzte Kraft seiner Glieder geben mußte, um sich an der Seite seines Herrn zu halten.

Einer steilen Felswand nahe, ging der Weg zwischen mächtigen Felsblöcken, die ein Bergsturz über das Griesfeld geworfen hatte. Wohl war der Nebel gestiegen und hatte sich schon über Tal und Berg zu einer regungslosen Decke gesammelt, aber das ganze Kar lag verschleiert vom dünnen Geriesel der Asche, die aus den Lüften fiel, und vom Rauch, der drüben aus dem brennenden Seetal aufstieg und im Kar sich wieder niedersenkte über die Wände.

Nur einen Weg von wenigen Minuten hatten sie noch bis zu der Stelle, wo der Paßweg beginnen mußte, und Ettingen suchte ihn schon mit brennenden Blicken. Da rollten Steine aus der Wand herunter, an der sie vorüberschritten. Im gleichen Augenblick riß der Jäger seinen Herrn hinter einen Felsblock und stammelte: »Mar und Joseph! Nur um Gottswillen kein' Laut nimmer! Da schauen S' auffi!«

Hoch über dem Griesfeld, in der steilen Felswand, die pfadlos schien, bewegte sich unter dem Schleier des Rauches langsam eine Gestalt.

»Lo!« glitt es mit ersticktem Klang über Ettingens Lippen. Sein erstes Gefühl war ein Sturm von Freude. Sie nur wiederzusehen! Lebend! Doch dieser Rausch der Freude ging ihm unter in einem Grauen, das ihn fast um die Sinne brachte. Jeder Schritt an dieser Wand war ein Schritt in den Tod. Ettingen streckte die Arme. Nur helfen, helfen, dieses stürzende Leben schützen! Kein anderer Gedanke war in ihm. Er wollte schreien: Ich komme, Lo!— doch seine Stimme war nur ein Lallen. Und da preßte ihm der Jäger die Hand auf den Mund und riß ihn zurück und flüsterte: »A Laut, Herr Fürst, und Sie bringen dös Fräuln um! Da gibt's kein Helfen, wir stehen da mit leere Händ, ohne Seil und Eisen, ohne alles! Sie muß allein da runter. Da hilft ihr keiner, bloß die eigne Kraft. Und schauen S' auffi, wie's jeden Schritt probiert in aller Ruh! Sie derzwingt's! Passen S' auf, sie derzwingt's! Aber a Laut von Ihnen — a Merk von ihr, daß wer da herunten steht, und Sie grad, Sie, Herr Fürst — und sie hat ihr Ruh verloren und —« Der Jäger sprach das Wort nicht aus, das ihm schon auf der Zunge lag. »In Rauch und Nebel hat s' den Steig verfehlt und hat sich in der Wand verstiegen. Jesus, Jesus, was muß dös Fräuln für an Weg gmacht haben in der Nacht!«

Nun standen sie regungslos hinter dem Felsblock und spähten durch den ziehenden Rauch in die Wand hinauf. Sie sprachen kein Wort mehr, aber es hämmerte unter ihren Rippen, daß einer den Herzschlag des anderen hören konnte. Mit beiden Händen klammerte Ettingen sich an den Fels und biß die Zähne übereinander, um auch den Ton seines Atems noch zu ersticken. Immer wieder schloß er die Augen, als ginge die Marter dieses Anblicks über seine Kräfte, und immer wieder spähte er hinauf mit einem Blick, in dem seine Seele war, seine Angst und sein Hoffen. Fielen Steine aus der Wand, dann zuckte er zusammen, als träfe ihn jeder Steinschlag ins Leben. Sie schwirrten und sausten, diese stürzenden Steine, und wenn sie das Griesfeld erreichten, machten sie weite Sprünge. Der Staub, den sie aufwirbelten, dampfte an der Felswand empor und mischte sich mit den Schleiern des braunen Qualmes. Der umhüllte bald die Verirrte in der Wand, bald gab er sie wieder frei. Mit ausgebreiteten Armen, die Brust an die Felsen schmiegend, suchte sie Tritt um Tritt. Manchmal blickte sie über die Schulter in den Abgrund, wie um den Weg zu messen, den sie noch finden mußte. Tiefer und tiefer kam sie, und eine glattgeschwemmte Wasserfurche überspringend — Ettingen zitterte, als sie sprang — erreichte sie ein Steinband, das ihr sicheren Grund für die Tritte gab. Sie ging, bis das Band zu Ende war. Dann rastete sie, lange, lange, um ihre Kraft für dieses letzte und schwerste Stück des Weges zu sammeln. Schräg nach abwärts hatte sie eine Felsplatte zu überqueren, die nur von wenigen Rissen durchzogen war und so kahl erschien, daß der Blick, der aus der Tiefe hinaufspähte, kaum einen Vorsprung fand, auf dem ein Fuß hätte ruhen können.

»Unmöglich! Das ist unmöglich!« hauchte Ettingen. Sein Gesicht war weiß.