Ganz erschöpft vom Weinen lehnte sie den müden Kopf an die Mauer und blickte auf eine leere Wand, die ein großes Bild getragen hatte — das Viereck, über dem die Leinwand gehangen, war weiß, wie frisch getüncht, während ringsumher der Kalk vom Lichte schon vergilbt war. Ein großer Haken ragte aus der Mauer.

Zu soviel hundertmalen hatte sie dieses Bild betrachtet, daß sie es auch jetzt noch sah, mit jeder Linie und jeder Farbe, als ob es wirklich vor ihren Augen hinge:

Nicht die biblische Wüste. Sondern ein ödes, unwirtbares Seetal zwischen hohen Bergen. Dunkle, starrende Felswände mit kärglichem Wuchs in ihren Schrunden. Das Steinland um den See her wirr mit krüppelhaften Föhren überwuchert, aus deren kriechendem Gezweig verdorrte Stämme sich erheben. Ein einziger Baum nur grünt. Der ist seltsam gewachsen, wie in Form einer Harfe. Über allem ein grauer Abendhimmel, doch die Luft durchsichtig rein, wie nach einem Gewitterregen. Und da scheint alles Ferne nah, jede Farbe leuchtet, auch noch der Schatten und das Grau.

Inmitten der Wildnis eine blühende Insel, wilde Blumen in Beete gesammelt. Hier hat die Hand eines Gärtners gerodet, gepflanzt und gepflegt: der Heiland, der begonnen, die Wüste urbar zu machen. Von der Arbeit des Tages müd geworden, ruht er auf einem Stein. Das blaue Zwilchgewand umhüllt mit harten Falten einen von Entbehrung hager gewordenen Körper. Alles ist menschlich an diesem Leib, menschlich jeder Zug an diesem schmalen Gramgesicht, dessen bleiche Wangen vom vorfallenden Braunhaar halb bedeckt sind. Göttlich sind nur die stillen Augen mit ihrem reinen Licht und das milde Lächeln der Liebe.

Ein Knabe, gekleidet wie ein armer Hirtenbub der Berge, mit kurzem Lederhöschen und nackten Füßen, mit grauzertragenem Hemd, durch dessen Risse die Brust und die mageren Ärmchen lugen, hat dem milden Gärtner eine ausgerissene Pflanze gebracht, das Stämmlein einer Bergrose, die Blätter schon halb verwelkt, die schwachen Wurzeln schon fast verdorrt.

Der Heiland schlingt seinen Arm um den Knaben und nimmt aus seiner Hand die dürstende Pflanze. Da tritt der Versucher zu ihm — eine herrliche, kraftvolle Mannsgestalt, die nackten Glieder gebräunt, schwarzes Lockengewirr um den stolzen Kopf, die Stirn umschlungen von einer Krone, deren Zacken goldene Fäuste sind.

»Du stiller Gärtner! Wirf die Liebe von dir! Sei stark wie ich, und alle Herrlichkeit der Welt ist dein!«

Die Augen des Versuchers brennen in düsterem Feuer, und ein mitleidig spottendes Lächeln irrt um den üppigen Mund, während sein Arm hinunterdeutet zum See. Dort steigen leuchtende Nebel aus der grünen Flut, sie verwandeln sich in weiße Glieder, in den Leib eines zauberschönen Weibes, das lachend die Arme öffnet und das Goldhaar löst zu flatternden Strähnen. Wie die Wünsche der Sünde, wie die bildgewordenen Gedanken dieses begehrenden Weibes, so quillt es hervor aus dem fliegenden Gold dieser Haare: die taumelnde Lust mit gefülltem Becher, das Gewimmel eines Mänadenzuges, der lorbeergeschmückte Held im Blut des erschlagenen Feindes, der Reiche in gleißendem Prunk, der Mächtige, dem sich die Sklaven beugen, der Starke, der Felsen schleppt zum Bau einer Pyramide, ein stürmender Reitertrupp in blitzenden Panzern, ein Adler, der sich mit breiten Schwingen von einem zerrissenen Lamm erhebt, ein jagendes Gewimmel von Gestalten bis in weite Ferne, in der man Paläste und Türme sieht, eherne Tore und steinerne Mauern.

Mit stillen Augen blickt der milde Gärtner in das Glanzgewirr dieser Bilder. Sie locken ihn nicht. Schützend umschlingt sein Arm den erschrockenen Knaben, und man sieht: er will sich bücken, um den schmachtenden Zweig in nährende Erde zu legen, wie er das dürstende Herz des Kindes erquickt aus dem Born seiner Güte. Dieses Werk der Liebe gilt ihm höher als alle Herrlichkeit der Welt.— —

Das war die »Versuchung«, vor der sich in der Stadt die Menschen drängten, während im öden Atelier die einsame Frau vor der kahlen Mauer saß.