Und die Sorge war still — für einen Tag.
Als es März wurde, gab's eine Aufregung, die durch Wochen dauerte. Die Bilder mußten verpackt werden, um nach München zu wandern. Ehe sie mit Beginn des Mai zur Ausstellung kamen, sollten sie reproduziert werden für die »Kollektion Emmerich Petri«, deren Verlag eine Münchener Kunsthandlung erworben hatte.
Pepperl zimmerte die Kisten, der Förster half beim Packen, aber an jedem Bild, das in die Bretter gelegt wurde, mußte Frau Petri ihre beiden Hände haben. Und war das Tuch darüber gebreitet und der Kistendeckel zugenagelt, dann fielen zwei schwere Tränen dazu. Mit jedem dieser Bilder schickte sie ein Stück Leben, unruhvolle Tage und schlummerlose Nächte ihres Mannes in die Welt hinaus.
»Ach ja!— Und die Menschen!— Die Menschen!— Sehen Sie, lieber Herr Förster, ich muß es ja tun, dem Namen meines Mannes zulieb. Aber mir wär's lieber, die Bilder blieben hier! Gefallen sie nicht, dann kränk ich mich wieder und weiß, daß ihm unrecht geschieht. Und haben sie Erfolg, dann tut's mir weh, weil die Ehre zu spät kommt. Nein, nein, ich geh gar nicht hin zur Ausstellung! Nein, ich kann's nicht!— Ruhm?— Könnt er noch eine Stunde leben und sich an seinen Kindern freuen, das wär ihm lieber als aller Ruhm! Nein! Ich müßte nur weinen. Ich geh nicht hin.« — —
Sie hielt dieses Wort, ließ den Knaben mit seinem Hofmeister nach München reisen und blieb zu Hause, obwohl ihr Lo am ersten Tage der Ausstellung depeschierte: »Komm, Mutter, wir bitten Dich, komm, und freue Dich an Papas Erfolg. Das ist wie ein seliger Rausch für mich, vor seinen Bildern diese Menschen zu sehen, in ihrem Staunen und ihrer Andacht. Den stärksten Eindruck unter allen Bildern macht die ›Versuchung‹. Wie sich die Menschen vor diesem Bilde drängen, das mußt Du sehen. Komm doch, Mutter, komm! Wir alle bitten Dich, Heinz und Gustl und Deine Lo.«
Als sie gelesen hatte, saß sie lange, lange, immer die Depesche vor sich, und ihre Zähren tropften nieder auf das Blatt.
»Nein, Kinder, nein! Ich kann nicht. Freut euch nur, ach ja, und laßt mich daheim! Ich kann jetzt diese Menschen nicht jubeln sehen. Ich hab's doch mit erlebt, wie sie gelacht haben über ihn. Und wie er die Nächte lang in meinen Armen lag und weinte, als ob es ihm das Herz zerreißen möchte! Ach, ihr Menschen! Ihr Menschen! Euer Jubel macht ihn mir nicht mehr lebendig! ... Nein! Ich geh nicht hin.«
Die Depesche in der zitternden Hand, stieg sie ins Dachgeschoß hinauf, setzte sich im öden Atelier in einen Winkel und schluchzte.
»Emmi, Emmi! Mein guter, guter Mann!«