Allen Bitten ihrer Kinder gegenüber blieb sie fest in diesem Entschluß. Und sie wäre doch nur im Winter allein! Die paar Monate!

»Im Mai, da kommt ihr! Und dann sind wir beisammen, bis der Schnee fällt.«

Trotz allem Troste, den sie mit heimbrachte, war ihr während der ersten Tage in dem leeren Haus das Herz zum Springen weh. Sie weinte so viel, daß ihr die Magd einmal sagte: »Frauerl, Frauerl, a bißl was sollten S' noch übriglassen von Ihrene Äugerln!« Diese Mahnung fruchtete nicht. Etwas anderes half. Eines Mittags wurde die Tür aufgerissen, Gustl flog herein und der Mutter jubelnd an den Hals. Ihm folgte ein junger Mann, der eine goldene Brille trug, aber sonst ein ganz vergnügtes Gesicht machte. Er stellte sich vor als Kandidat der Philologie und »Hofmeister des fidelen Jungen da«. Zu seiner Beglaubigung überreichte er einen Brief:

»Capri, Hotel Quisisana, den 15. November.

Liebes Muttl! Damit Dir der erste Winter so allein nicht gar zu hart wird, haben wir beschlossen, daß Gustl ein Jahr lang zu Hause lernen soll. Haben wir's recht gemacht? Ja?

Deine glücklichen Kinder Heinz und Lo.«

Jetzt war geholfen gegen Tränen und Schwermut. Denn Frau Petri hatte wieder eine Sorge, jeden Tag eine neue. »Ach Gott, der Bub im Schnee!— Ach Gott, der Bub auf dem Baum!— Gustl! Dein Halstuch!«

Aber dieses Sorgenkind war ihr zugleich auch ein Tröster für die Sorge, die in die Ferne wanderte.

Wenn der Wintersturm die Mauern umbrauste und alle Fensterläden rasseln machte, dann hieß es: »Ach Gott! Bubi? Glaubst du, daß es in Capri auch so stürmt?«

»Gott bewahre, Muttl! In Capri ist doch ewige Sonne und immerblaues Meer. Und weißt du, wenn das Meer auch ein bißchen aufgeregt wird, dann liegt doch Capri so hoch, daß die Wellen gar nicht hinauf können. Weißt du, Capri, das ist eine riesig hohe Felseninsel! Ja, du, das war die Lieblingsinsel des römischen Kaisers Tiberius. Du, denk nur, den hat man bisher für den grausamsten unter den römischen Cäsaren gehalten. Aber nach den neuesten Forschungen ist das gar nicht wahr. Er soll sogar ein sehr guter Fürst gewesen sein. Aber weißt du, so gut wie Heinz war er doch nicht! Davon bin ich überzeugt.«

»Ja! Gut ist er! Von Herzen gut! Lo hat ein rechtes Glück gemacht!«