Ende September fiel der erste Schnee, und es wurde einsam auf der Tillfußer Alm. Am Jagdhaus waren schon seit drei Wochen die Läden geschlossen. Nun stand auch die Sennhütte verödet.
Nur das Försterhäuschen war bewohnt. Hier braute Pepperl täglich seinen Sehnsuchtsschmarren, und wenn die Pfanne leer war, ging er in die Sennhütte hinunter, zündete auf dem Herd ein Feuer an, ließ sich das Herz und den Buckel wärmen und schmauchte sein Pfeiflein dazu. Am Morgen und Abend der Pirschgang über die verschneiten Almen. Er hatte den Schutzdienst im Geißtal ganz allein zu versehen, denn der neue Jäger sollte erst mit dem 15. Oktober in Dienst treten. Aber dann — ja, dann bekam der Praxmaler-Pepperl acht Tage »Hochzeits-Urlab«. Und wenn er beim Feuer in der Sennhütte an diese kommende Zeit dachte, blies er in langem Faden den Rauch vor sich hin und schmunzelte: »Teufi, Teufi, Teufi! Die acht Täg will ich mir aber schmecken lassen!«
Trotz seiner sehnsüchtigen Ungeduld verging ihm die Zeit sehr flink. Im Bergwald und auf den Almen röhrten an jedem Morgen und Abend die Hirsche, daß der Orgelton ihrer Stimmen von den Wänden widerhallte. Wenn Pepperl am Waldsaum einer Alpe saß und einen Kronenhirsch auf hundert Schritte vorüberziehen sah, machte er seiner Aufregung mit einem heißen Seufzer Luft: »Teufi, Teufi, Teufi! Wann nur der Herr Fürst jetzt da wär! Söllene Prügelhirschen haben! Und net jagen! Da hört sich doch alles auf!« Nach solchem Ärger kam ihm aber gleich die Einsicht wieder: »Freilich, der weiß sich was Bessers jetzt!« Und schmunzelnd dachte er an seinen fernen Herrn und an das »Maler-Fräuln«, das jetzt Frau Fürstin wurde.— —
Schon in den ersten Septembertagen war Ettingen mit Frau Petri und ihren Kindern nach dem Allgäu abgereist. Über München, wo sie eine Woche blieben, ging die Reise an die Donau und dann zu Schiff stromabwärts nach Bernegg, wo Graf Sternfeldt den Freund und seine Gäste erwartete.
Das waren wundersame Tage für Lo, dieses erste Einleben in die neue Heimat, das Wandern durch alle Räume des Schlosses, der Besuch der Felder und Arbeiterhäuser, die Begegnung mit den hundert neuen Menschen, deren Herrin sie wurde, die Fahrten durch die stundenweiten Buchenwälder, und die Plauderstunden im Park, dessen welkendes Laub in der Herbstsonne leuchtete wie Gold. Jede schöne Stunde empfing sie dankbar als köstliches Geschenk aus der Hand des geliebten Mannes — und er bot ihr, glücklich und stolz, jede neue Freude wie eine Ehre, die ihr gebührte.
Zu Anfang Oktober mußte Gustl mit seinen Büchern nach Innsbruck einrücken. Schon einen Monat später bekam er wieder eine Woche »Extraferien«, um der Hochzeit seiner Schwester beizuwohnen.
In der Schloßkirche zu Bernegg wurde das Paar getraut. Außer Frau Petri und Gustl waren nur Graf Sternfeldt und die Beamten des Fürsten bei der stillen Feier zugegen.
Als die Nachricht von dieser Vermählung in alle Winde hinausflatterte und die Gesellschaft in Verblüffung und Aufruhr versetzte, waren die beiden Glücklichen schon auf dem Weg nach dem Süden.
Bis Gustls Ferienwoche vorüber war, blieb Frau Petri auf Bernegg. Dann brachte sie den Buben nach Innsbruck und kehrte zurück in ihr stillgewordenes Haus. Sie hatte es nicht anders gewollt.
»Lo, ach ja, die lebt sich ein in das Neue und wird getragen von ihrem Glück. Aber ich alte Frau? Nein! Ich will bleiben, wo ich mich festgewachsen habe durch soviel Jahre, und wo noch alles mit mir lebt, was mein Glück gewesen ist! Und wenn ich einmal die Augen schließe, soll es dort sein, wo ich das letzte Lächeln meines Mannes sah.«